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WOHN|UTOPIA: Reihe startet zum Thema “Junges Wohnen” im Lovelace

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BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung: Politische Bildung für München, Oberbayern und Schwaben.
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Jeder, der schon einmal in München eine Wohnung gesucht hat, weiß, dass die Landeshauptstadt nicht gerade mit freien Räumen um sich wirft. Wenn man doch Glück hat, wird das Dach überm Kopf dann schnell zum verheerenden Geldschlucker und macht besonders Studenten und Auszubildenden das Leben schwer. Kann man in München überhaupt billig (oder vielmehr: leistbar) wohnen?

Die Friedrich Ebert Stiftung beschäftigt sich den ganzen Juli über mit dem Thema WOHN|UTOPIA – München, wie wohnst du morgen? Das BayernForum der Stiftung greift hier die scheinbar immerzu weiter steigenden Probleme des Wohnungsmarktes in München auf und diskutiert Zukunftsperspektiven. Was muss getan werden, um Wohnen bezahlbar zu machen? Wie kann Stadtleben auf Dauer vereinfacht und verschönert werden? Wo und wie können sich Gemeinschaften bilden, die für mehr Solidarität sorgen? 

Die Auftaktveranstaltung der 8-teiligen Reihe fand am 3. Juli im Pop-ip Hotel Lovelace statt, und zwar eine Fishbowl-Diskussion mit Isabell Zacharias (SPD), Michael Hardi (GEWOFAG), Fatih Demirtas (DGB-Jugend) und Marion Schwarz (Wohnen für Hilfe) über die Herausforderungen der Jugend am bayrischen Wohnungsmarkt.

Studenten in Notlage

Die Einwohnerzahl in München steigt seit Jahren dramatisch an. Dramatisch, weil das der Stadtentwicklung einerseits zwar gut tut, es andererseits aber einfach keinen Platz für die 400.000 neuen Bürger gibt, die in den nächsten 14 Jahren erwartet werden. Mit dem Wohnungsbauprogramm „Wohnen in München IV“ investiert die Stadt 870 Millionen Euro über fünf Jahre. Ein Großteil davon wird in Studenten- und Auszubildendenheime gesteckt, denn besonders die Bildungseinrichtungen der Stadt erfreuen sich internationaler Anerkennung und ziehen Migranten aus dem In- und Ausland magisch an. Michael Hardi, Ressortleiter Bau bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GEWOFAG arbeitet am Bau der Unterkünfte. Bis zu 150 junge Menschen sollen pro Wohnanlage untergebracht werden. Er weiß gut, dass dies lange nicht reicht.

Fatih Demirtas, Sprecher der DGB-Jugend München, teilt ganz persönliche Geschichten: Selbst in Ausbildung bei einem Autokonzern weiß er, dass Azubis oft in München campen, um die hohen Mietpreise zu umgehen. Der Mythos des im Zelt lebenden Studenten ist also nicht unwahr. Neben Ausbildung, Berufsschule und lernen müssen viele am Wochenende Nebenjobs nachgehen, um sich ein Zimmer zu leisten. Und es fehlt die Verantwortung der Firmen gegenüber ihren Fachkräften: Wer viel Personal einstellt, sollte auch dafür sorgen, dass diese leben und wohnen können, Raum muss verantwortlich geschaffen werden.

Eine preiswerte Alternative bietet Wohnen für Hilfe, das Marion Schwarz  vorstellt: Junge Menschen, ob berufstätig oder in Ausbildung, können hier gegen einige Stunden Unterstützung im Haushalt kostenfrei bei älteren Menschen wohnen. Die Idee: toll. Die Umsetzung: schwierig. Seit über 20 Jahren wird es vom Seniorentreff Neuhausen e.V. ausgerichtet. Doch leider erst seit Kurzem stellt die Stadt zwei halbe Stellen in München zur Unterstützung zur Verfügung. Immerhin, Wandel liegt in der Luft. 

Foto: © BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung

Kein Platz für Migranten

Die Migrationsbewegung der letzten Jahre hat den Medien eine Fülle an Material geliefert: Sie haben es geschafft, Stereotypen zielgerecht zu streuen, sodass wir ein Steckenpferd für alle Lebenslagen haben. Besonders Muslime haben es immer schwerer, einen Wohnplatz zu finden, Migranten sind immer im Nachteil. Durch den ihnen entgegen gebrachten Hass sinken ihre Chancen auf Vermittlung immer weiter; selbst Zahlungsfähige finden keinen Platz.

Im Kampf um Platz konkurrieren die Minderheiten gegeneinander: Flüchtlinge, Azubis, Studenten, Frauen mit Schutzbedarf, “Zuagroaste” und gegen Armut Kämpfende, wie Isabell Zacharias aufzählt. Wohnungsmangel sei kein neues Phänomen in München, seit Jahrzehnten ist die Landeshauptstadt bereits knapp an Wohnungen. Es bietet sich jetzt nur an, dies auf die Flüchtlinge zu schieben.

Gut zu hören, dass neue Wohnungsinitiativen dies nicht berücksichtigen: Michael Hardi betont, dass neuer Wohnraum für alle geschaffen wird, die es brauchen. Dies bezieht sich vor allem auf alle Münchner Bürger, die wenig Geld zur Verfügung haben oder aus ihren bestehenden Wohnungen raus müssen. Und Bürger ist jeder, der Aufenthaltsrecht hat.

Bayrische Gesetzgebung: Eine Baustelle der Nerven

Deutschland ertränkt sich selbst in seiner Bürokratie. Der Staat ist steif; überbürokratisch zu sein sei die deutsche Systematik, so Isabel Zacharias. Wer mitläuft, gewinnt.

Die Bayrische Verfassung ist einer der größten Gegner der Bauherren im Kampf um Projektumsetzungen: Wieso wird nicht höher gebaut? Wieso werden Parkplätze nicht überdacht? Nur in Bayern gibt es keine Hochhäuser, der Rest der Welt scheint das Prinzip von schönen Wohnanlagen, die interne Städte für sich bilden, verstanden zu haben.

Die Verfassung lässt es darüber hinaus zu, dass Mietern ihre Wohnungen entrissen werden können: Brandschutz lautet meist der Grund. Dieser ist auch Schuld daran, dass viele Studentenheime seit Jahren leer stehen und Neueröffnungen nicht diskutabel sind. Tatsächlich ist Brandschutz keine Ausrede: Je nach Sachbearbeiter variieren die Auflagen zu Teilen enorm. Oft gehen Vermieter einen Schritt weiter: Studenten bringen kein Geld, sind wirtschaftlich nicht rentabel. Nach Jahren der Nutzung können Heime zu Apartement-Anlagen umgebaut werden, die die Oberschichten anziehen. Bisher gibt es kein Gesetz, das diese Vorgehen untersagt, nach Verfassung ist es sogar erlaubt.

Darüber hinaus dauert das Bauen viel zu lange, die Stadt kommt dem Ansturm an Wohnungssuchenden in keiner Hinsicht nach. Pro Jahr wird eine Anzahl an Neuwohnungen vorgegeben, bei der Umsetzung blockiert die Stadt aber sich selbst: Zu viele Behördengänge und Auflagen bremsen den Prozess immer wieder ein. Bauen macht keinen Spaß.

Die Mietpreisbremse ist da, aber nicht zu spüren“

„Es bremst überhaupt nichts aus” schlussfolgert Fatih Demirtas. Durch die regelmäßigen, durch die vielen Gesetzgebungen geforderten Sanierungen steigt auch der Mietpreis. Zu Recht: Wie sollen Mieter billig bleiben, bei den Unkosten, die in die Instandhaltung ihrer Wohnungen gesteckt werden?

Viele Bürger leben seit Jahren in denselben Wohnungen, ein Umzug ist oft nicht denkbar. Selbst bei gewünschten Verkleinerungen, etwa wenn die Kinder ausziehen oder altersbedingt der Platz nicht mehr benötigt wird, können sich nur die wenigsten leisten, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Mieten für Neubezieher steigen regelmäßig rapide, nachhaltiger zu leben ist nicht leistbar.

Eine Teilnehmerin, alleinerziehende Mutter, teilt ihre Sorgen: Selbst mit Durchschnittsgehalt kann man in München nur noch schwer leben, geschweige denn eine Familie versorgen. Welche NormalverdienerInnen können ihre Kinder während dem Studium noch finanziell unterstützen? Wenn eine normale Monatsmiete für Studenten 600€ ausmacht, wenn sich Wohnen und Leben nur noch die Kinder von reichen Eltern leisten können, dann fallen wir zurück in eine Klassengesellschaft.

Foto: © BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung

Utopie gefragt: Was muss passieren?

Von einer „solidarischen Münchner Gemeinschaft, gesellschaftlichem Zusammenhalt, der die Wohnungsnot durch gegenseitige Unterstützung und Hilfe zu lindern vermag“, träumt Isabell Zacharias.

Fatih Demirtas sagt: „Deutschland muss per Gesetz regeln, dass Firmen verpflichtet sind, Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter zu bauen“. Speziell die großen Firmen Münchens müssten endlich zur Verantwortung kommen: Kein Wachstum ohne Versorgung. So sprechen sich auch die Zuhörer aus.

Marion Schwarz von „Wohnen für Hilfe“ wünscht sich „mehr Unterstützung der Stadt durch Steuerfreiheit für unentgeltliches Vermieten“. Der tägliche Kampf mit dem Finanzamt nach Anerkennung muss ein Ende nehmen.

Michael Hardi der GEWOFAG schließlich betont die „Wichtigkeit der Verbesserung der Wohnungssituation insgesamt“: Die wenigen bebaubaren Flächen würden nicht aktiviert werden. Der Hauptstadt „mangelt es an einer Willkommenskultur für Neu- und vor allem Zubauten“.


In aller Kürze:

Die Friedrich Ebert Stiftung fungiert als politische Bildungsplattform, die Gespräche, Austausch und gesellschaftliche und politische Teilhabe der BürgerInnen fördern möchte, und diese dazu auffordert, ihre Möglichkeiten zu nutzen und für sich aufzustehen. Im Zuge des Projektes WOHN|UTOPIA beschäftigt sie sich den ganzen Juli mit dem Großthema Wohnen und München, und wie  dies in der Zukunft aussehen könnte.

Weitere Veranstaltungen aus der Reihe:

Nachverdichtung in Au-Haidhausen – Luxuswohnung vs. bezahlbarer Wohnraum
Sonntag, 08.07.18
Ostbahnhof

Copenhagenize Munich! Mehr Fahrräder = bessere Stadt?
Donnerstag, 12.07.18
Impact HUB

Sozial, nachhaltig, ökologisch: Urbane Lebensqualität im Quartier
Freitag, 13.07.18
Neues Rottman Kino

Umkämpftes Grün. Flächennutzung zwischen wachsender und essbarer Stadt
Dienstag, 17.07.18
BayernForum

Mehrwert durch teilen? Das Dorf in der Stadt
Montag, 23.07.18
BayernForum

Gemeinsam bauen in München: Das Wagnis4 – Projekt
Freitag, 27.07.18
Petra-Kelly-Str. 29


Fotos / Illu: BayernForum / Friedrich-Ebert-Stiftung

Text: Sarah Kampitsch

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