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Was für ein Theater! Das Zentrum für Politische Schönheit eckt bei der Münchner Presse an

Katrin Schultze-Naumburg

Münchner Kindl durch und durch - aber bitte ohne Schickimicki. Kuchen, Musik und ein gutes Buch machen mich glücklich. Verreise immer gerne und komme noch lieber nach Hause. Zu finden meistens an der Isar, in meiner WG-Küche oder in der Neuen Pinakothek.
Katrin Schultze-Naumburg

„Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.“ Dieser Satz stamm aus dem dritten Flugblatt der Weißen Rose, gedruckt und verteilt 1942. 75 Jahre später ruft das Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) nun dazu auf, Flugblätter in den Diktaturen unserer Welt zu verteilen – und gerät damit ins Kreuzfeuer der Kritik.

Verteile dein Flugblatt in einer Diktatur!

Im Namen des „Bayerischen Staatsministeriums für Bildung, Kultur und Demokratie“ fordert das ZPS seit Montag bayerische SchülerInnen und StudentInnen im Alter von 16 bis 24 Jahren dazu auf, im Rahmen eines Gewinnspiels Flugblätter zu entwerfen. Für ein Casting werden außerdem geeignete Kandidaten gesucht, die anschließend in eine Diktatur ihrer Wahl fahren, um die Flugblätter dort zu verteilen. Zur Unterstützung entsandten die Künstler Unterrichtsmaterialien an über 500 Gymnasien in Bayern.

Es heißt ja oft, Kunst könne heute kaum noch provozieren. Und liest man aktuelle Beiträge der Münchner Lokalpresse, scheint das auch durchaus so zu sein. Als „müder Aprilscherz“ (AZ) wird die Aktion dort bezeichnet und als „im öffentlichen Raum […] total gescheitert“ (SZ). Der Ton ist durchgehend gemäßigt bis gelangweilt, man stört sich lediglich an dem erfundenen Ministerium. Oder daran, dass das eigens entwickelte Schulmaterial nur an Gymnasien verschickt wurde. Man gibt sich tolerant, betont gelassen ob der Provokationen aus Berlin. Bayern sei halt auch nicht mehr der „Freistaat von Franz Josef Strauß“ (AZ), der sich so leicht aus der Fassung bringen lasse.

Philipp Ruch und Stefan Pelzer

Philipp Ruch und Stefan Pelzer vor der Pressekonferenz auf der Maximilianstraße

Für den Eskalationsbeauftragen ein Fest

Bei der gestrigen Pressekonferenz des ZPS in den Münchner Kammerspielen war allerdings noch wenig von dieser neu-bayerischen Gelassenheit zu spüren. Noch vor Beginn der eigentlichen Pressekonferenz verlor ein Journalist der Abendzeitung auf dem Gehsteig der Maximilianstraße die Beherrschung. Er bezichtigte den Schweizer Aktionskünstler und Leiter des ZPS Philipp Ruch in aggressivem Tonfall, seine Fragen nicht zu beantworten und ihn zu „verarschen“ (sic!).  Als dieser den Journalisten aufforderte ruhig zu bleiben, verließ der wutentbrannt die Veranstaltung.

Auch während der anschließenden Pressekonferenz im Jugendstil-Foyer der Kammerspiele blieb die Stimmung angespannt. Das Fake-Ministerium, das Vorhaben junge Menschen in totalitäre Staaten zu entsenden, der Aufruf zum Widerstand unter dem Anreiz Preise zu gewinnen – all das sorgte für Verwirrung auf Seiten der Presseleute. Philipp Ruch und Stefan Pelzer (Eskalationsbeauftragter des ZPS) führten den größten Teil des Pressegesprächs. Mit ihren stets ernsthaft vorgebrachte Antworten trugen sie dabei noch zur allgemeinen Verunsicherung bei. Ja, man habe vor, Kandidaten in totalitäre Staaten zu schicken. Ja, man sei sich des Risikos bewusst. Und ja, man könne für das beste Flugblatt ein iPad gewinnen. Toll, nicht?

Mit der immer größer werdenden Fassungslosigkeit der Journalisten, wurde der Ton bei dem einen schärfer, bei der anderen hysterischer. „Sie können ja bloß hoffen, dass Ihnen die Bundesregierung das verbietet“, empörte sich ein Journalist. Das sei in einer Demokratie zum Glück nicht möglich, konterte Ruch darauf gelassen. „Sie nutzen die Naivität ihrer Zielgruppe schamlos aus“, rief eine andere Journalistin. So naiv seien die jungen Leute gar nicht, sie stellten im Gegenteil recht intelligente Fragen, meinte dagegen Pelzer.

Als Ruch einem Vertreter der Süddeutschen Zeitung gegenüber schließlich mit einer rhetorisch-süffisanten Frage antwortete, schleuderte dieser ihm in voller Lautstärke entgegen: „Du bist doch ein Granatenarschloch!“ (sic!) An dieser Stelle konnte man sich fragen, wofür das ZPS überhaupt einen Eskalationsbeauftragten brauchte. Die lokale Presse machte hier jedenfalls schon von ganz alleine einen ziemlich guten Job.

Denkt an die Kinder!

Abgesehen von derart verbalen Entgleisungen, die man von einem langjährigem Redakteur der SZ in dieser Form nicht erwartet hätte, kristallisierte sich im Pressegespräch eine große Sorge der Journalisten heraus. Das ZPS gefährdet mit seinem Aufruf zum Widerstand die Jugend und bringt sie auf gefährliche Ideen, so die Meinung einiger Journalisten. Anstoß nahm eine Dame auch an einer Diskussionsaufgabe aus den Unterrichtsmaterialien. Darin geht es um die Frage, ob Tyrannenmord gerechtfertigt sein kann. Ob das klug sei in einem Land, in dem die Frage der Todesstrafe doch schon geklärt und in dem die Jugend durch Ballerspiele eh schon so abgestumpft sei, wollte sie wissen. Man denke nur an den jüngsten Amoklauf in München. Mit anderen Worten: Können wir unseren Kindern wirklich zumuten sich über komplexe moralische Fragen eine eigene Meinung zu bilden? Und Ballerspiele – war ja klar. Das musste ja noch kommen. Dazu will man eigentlich gar nichts mehr sagen.

Wer jetzt denkt, es geht nicht mehr bunter, dem sei ein Beitrag der tz ans Herz gelegt. Dort wird der kulturpolitische Sprecher Richard Quaas von der CSU zitiert, der befürchtet, Kinder und Jugendliche könnten sich animiert fühlen, in ihrem Urlaub Flugblätter in einer Diktatur zu verteilen. Die Frage, ob man mit Kindern überhaupt Urlaub in einem totalitärem Regime machen sollte, sei einmal dahin gestellt. Doch was einem in dieser ganzen Debatte richtig bitter aufstößt, ist etwas anderes.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Recht und die Fähigkeit abgesprochen wird, eine eigene Meinung zu entwickeln, ist wirklich mehr als anmaßend. Und ihnen von Vornherein zu unterstellen, dass sie zu naiv und unerfahren seien, um eine in Teilen satirisch gemeinte Kunstaktion als solche zu erkennen, ist einfach nur arrogant. Vielleicht sei an dieser Stelle einmal erwähnt, dass Sophie Scholl gerade einmal 22 Jahre alt war, als sie begann Flugblätter für die Weiße Rose zu verteilen.

Studierende der LMU Zentrum für Politische Schönheit

Studierende der LMU informieren sich auf dem Geschwister-Scholl-Platz über das ZPS

Die Forderung: ein Recht auf Irritation

Von öffentlicher Seite der Bayerischen Kultusministeriums hieß es heute: „Das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst verurteilt die Verbreitung von Fake-News wie in diesem Fall. Fake-News führen zur Irritation und Manipulation der Menschen.“ Es drängt sich immer mehr die Frage auf, ob all diese Hysterie, die Aggression und die Empörung nicht vielmehr etwas anderes verschleiern soll. Versteckt sich hinter dem Ruf, unsere Jugend beschützen zu müssen, am Ende eher die eigene Angst politisch klar Stellung zu beziehen? Fühlt man sich durch das Ausschreiben eines derart provokativen Wettbewerbs in seinem eigenen Konsumverhalten kritisiert? Und spiegelt der Vorwurf der Manipulation nicht eher die eigene Naivität als die der Kinder wider, mit der man dem ZPS zu Beginn selbst auf den Leim gegangen ist? Vielleicht ist es zuguter Letzt einfach der Versuch die eigene Feigheit unter dem Mantel der Klugheit zu verstecken.

Man kann darüber streiten, wie tiefgründig, wie gewitzt und wie sinnvoll die Aktion des ZPS ist. Aber ab und zu einer Irritation ausgesetzt zu werden, schadet nicht. Im Gegenteil: Es verleitet eher dazu, noch einmal genauer hinzusehen, im besten Fall auch bei sich selbst. Im schlechtesten Fall sorgt es zumindest als Störfaktor für eine Auseinandersetzung. Auch wenn das den Regierungsvertretern und Meinungsmachern unserer Medien nicht passt. Und das hat das ZPS zumindest erreicht.

Alles bloß Theater?

Aber es kann natürlich auch sein, dass wir uns irren. Vielleicht war das „Granatenarschloch“ bloß eine provokative Zeile in einem sozialkritischem Theaterstück, geschrieben, um zu irritieren. War die bayerische Lokalpresse uns allen einen Schritt voraus und plante ihrerseits eine großartige Inszenierung? War das ganze als Hommage an die kreative Ausrichtung Matthias Lilienthals gedacht, uraufgeführt in den altehrwürdigen Hallen der Münchner Kammerspiele? Bühnenreif genug waren sie zumindest, die Auftritte der Damen und Herren der lokalen Medien.

Das Theater ging danach noch weiter – den zweiten Akt gibt es auf Twitter zum Nachlesen…


Alle Bilder: Katrin Schultze-Naumburg

2 Comments
  • Peter Weiss
    Posted at 13:28h, 29 Juni

    Mission accomplished!

  • Herbert Gerhard Schön
    Posted at 18:07h, 02 Juli

    Warum sind die Leute von der Münchner Presse überhaupt dort hingegangen?
    Um sich als Publikums-Staffage für einen schmierigen Provokations-Künstler von diesem auch gleich noch gekonnt vorführen zu lassen?
    Soll ich mich da jetzt am Kopf oder am Arsch kratzen?

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