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Zurück zum „Eigenen Ich“: Die Gaddafi Gals im Interview

Aylin Dogan

"Manche Menschen sind nie verrückt. Was für ein wahrhaft grauenvolles Leben!" (Bukowski).
Aylin Dogan

Irgendwann, auf der Suche nach der perfekten Fusion aus R’n’B und Rap, stößt man auf die Gaddafi Gals. Ihr Sound klingt modern, futuristisch und schafft es gleichzeitig, manche in die 90er zurückzuversetzen. Auf die sanfte Stimme von Sängerin Slimgirl Fat prallen die rauen Rapeinlagen von Blaq Tea. Die Beats steuert das dritte Mitglied, Walter p99 arke$tra, dazu.

Alle drei haben sie mal in München gelebt. Jetzt wollen sie vor allem aus Berlin heraus die Musikszene aufmischen. Am 27. September erscheint ihr erstes Album „Temple„. Mitten in den letzten Vorbereitungen zum Release durften wir vorab mit Slimgirl Fat und Walter p99 arke$tra am Telefon über ihre Musik sprechen. Im Laufe des Gesprächs klingt sich Blaq Tea für zwei Fragen ein. Als Solokünstlerin Ebow ist sie aktuell sehr gefragt und eilt von Pressetermin zu Pressetermin.

Tod den Papis

Mucbook: 2017 habt ihr die EP „The death of papi“ veröffentlicht. Im Video zu der gleichnamigen Single begrabt ihr eine Person. Jetzt wird euer neues Album „Temple“ heißen. Steht das in einer Relation zur EP? Ist dieser Tempel als Ort gedacht, wo all die begrabenen Papis zusammenkommen?

Walter p99 arke$tra: So kann man es schon sehen. Ich glaube das Album ist nicht nur eine Weiterentwicklung der EP, sondern macht auch noch sehr viel mehr Raum auf. Der Song „The death of papi“ war auch genau der Song, an den wir mit dem neuen Album anknüpfen wollten.

Slimgirl Fat: Vielleicht kann man das im Nachhinein auch als zweiten Step ansehen, der auf die Person bezogen ist. Das Album ist auf jeden Fall weitflächiger und sehr atmosphärisch gestaltet. Ich finde, das Album hat im Vergleich zur EP etwas weniger aggressives. Es beschäftigt sich viel mehr mit dem eigenen Ich. Natürlich ist da eine Verknüpfung, weil die Interpret*innen gleich bleiben. Aber musikalisch ist es auf jeden Fall eine Weiterentwicklung. Wir wollten den Sound updaten.

Wenn ihr von dem „eigenen Ich“ sprecht, wer waren denn dann die Papis, von denen man sich jetzt nach deren Tod loslöst? Sind die negativen Menschen um einen herum gemeint?

Slimgirl Fat: Es ist auf jeden Fall so, dass man es nicht direkt auf ein Geschlecht oder sowas beziehen muss. Es können einfach negative Sachen sein, die einen belasten. Das können Personen sein, aber genauso auch Gefühle.

Deswegen geht es in eurer Single „Skimask“ auch um das Ende einer toxischen Beziehung?

Slimgirl Fat: Genau, das sind unter anderem die Themen auf dem Album. Es sind diese Sachen, die einem Widerfahren und die man dann aufschreibt. Aber es ist nicht unbedingt autobiographisch, sondern tatsächlich auf viele anwendbar.

Wie würdet ihr euer neues Album denn dann beschreiben, wenn es nicht so aggressiv wie die EP wird?

Slimgirl Fat: Ich finde es immer schwierig, es in ein Genre zu stecken. Wenn man sanft und düster vereinen kann, dann würde ich das so nennen. Und es ist eben sehr sphärisch. Bei dem Titel „Temple“ habe ich das Bild im Kopf, alleine in einem Raum aus Marmor zu stehen und einen Laut von mir zu geben, der dann von überall her hallt. So ein Gefühl habe ich, wenn wir das Album performen und wenn ich es höre.

Im Video zu „Skimask“ steht ihr in einem großen Gebäude mit riesigen Räumen. Zwar ist dieser nicht aus Marmor, aber trotzdem sehr beeindruckend. Wo habt ihr das gedreht?

Walter p99 arke$tra: Das war eine ehemalige sovietische Armybase. Der Raum in dem wir gedreht haben war das ehemalige Offizierskasino.


Nach der Frage schaltet sich Blaq Tea in die Telefonkonferenz ein. „Sorry Leute“, sagt sie. Sie ist gerade in Hamburg, weil das Reeperbahn Festival dort ansteht und sie neben Konzerten auch viele Interviews gibt. Sie ist schon ein Profi und wir machen direkt weiter mit den Fragen.


Ihr dreht generell an sehr spannenden Orten. „The death of papi“ habt ihr damals auf einem ehemaligen sovietischen Traininsgebiet gedreht, euren alten Song „Fila“ im MMA – was es leider nicht mehr gibt – und „Hit on me“ aus dem anstehenden Album in Austin, Texas. Sucht ihr die Orte immer mit aus oder vertraut ihr da auf euren Regisseur?

Walter p99 arke$tra: Wir sind schon stark in die Locationsuche involviert. Wir machen auch immer die Co-Regie.

Blaq Tea: Wir drei sind alle große Fans von dystopischen Bildern, deswegen ist uns die Location unserer Videos sehr wichtig.

Die 90er sind tot! Lang leben die 90er?!

Wenn man sich mal die Kommentare oder Reaktionen unter euren Videos und Liedern anschaut, dann heißt es immer, dass die Leute euren 90s-Touch und Flair lieben. Was glaubt ihr, woran liegt es, dass die 90er immer wieder ihr Revival erleben? Wollt ihr, das eure Musik so klingt?

Walter p99 arke$tra: Also ich persönlich checke das gar nicht, weil dieser 90s Vibe gar nicht geplant ist.

Blaq Tea: Ich glaube das kommt einfach dadurch, dass wir in den 90ern groß geworden sind. Wir sind auch alle der gleiche Jahrgang und das hatte natürlich einen großen Einfluss auf uns und dann kommt das natürlich durch. Ich glaube auch, dass die Millenials, also unsere Generation, so eine krasse Nostalgie für die Zeit haben, ob bewusst oder unbewusst.

Slimgirl Fat: Also ich will jetzt nicht die Musik machen, die nach den 90ern klingt. Inspiriert ist man wahrscheinlich schon, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass wir versuchen, unseren Sound wie damals klingen zu lassen. Wir wollen etwas freshes reinbringen. Es ist natürlich schwierig, etwas Neues zu machen, was noch nie da war. Aber der Anspruch ist auf jeden Fall da.

Walter p99 arke$tra: Wir machen schon zeitgenössische Musik.

Slimgirl Fat, du und Blaq Tea habt beide den gleichen türkischen Background. Wenn Blaq Tea als Ebow Musik macht, dann ist ihr Background schon sehr präsent. Wenn du solo unterwegs bist, dann schwingt das eher so nebenbei mit. Da heißt dann einfach ein Lied „Anneanne“ [Großmutter mütterlicherseits], aber mehr nicht. Wie ist das denn bei euch, wenn ihr als Gaddafi Gals Musik macht? Es wirkt nicht so, als würdet ihr das einbauen wollen. Auf dem Cover zur Single „Hit on me“ sieht man dann aber ein Nazar Boncuk [Amulett mit dem blauen Auge].

Slimgirl Fat: Die Thematik mit dem migrantischen Background, die wollen wir irgendwie leiten. Da wollen wir den Ton angeben und bestimmen, wann wir darüber reden möchten. Blaq Tea und ich waren früher als Gaddafi Gals der Ansicht, dass wir keine Interviews geben, weil da schnell die Fragen über unseren Migrationshintergrund aufkommen. Das war für mich schon immer eine Frage, auf die ich keine Lust hatte. Ich bin der Meinung, dass die Musik dann automatisch zweitrangig wird, weil man mich immer zuerst danach fragt. Aber jetzt gehen wir das bewusst und selbstbewusst an und füttern die Menschen ein bisschen damit.

Walter p99 arke$tra: Ich glaube, das ist trotzdem Teil des Projekts. Das kann ich auch sagen als Nicht-Migrant. Das steht aber nicht so sehr im Vordergrund und es ist immer eine Frage der Gewichtung. Es ist schon ein ästhetisch, künstlerisches Projekt.

Slimgirl Fat: Da kann man schon gut damit spielen, deswegen auch das Auge. Wir arbeiten sehr assoziativ und intuitiv.

https://www.instagram.com/p/B0YHCGroWUu/

Das Auge passt in jedem Falle zu dem Lied „Hit on me“. Es geht um eine Person die es sich bei einem verscherzt hat und von der man wegbleiben will. Und das Auge schützt bekanntlich vor bösen Geistern.

Slimgirl Fat: Wir haben echt lange überlegt, was als Symbol auf dem Cover funktionieren würde. Ich hab in letzter Zeit so viele Nazar Boncuks geschenkt bekommen, da dachte ich mir: Ok, probieren wir doch ein Auge und verfremden es etwas.

Zum Album wird es auch eine Tour geben, mit Stopp in eurer alten Heimatstadt München. Habt ihr für euch selbst mit der Stadt abgeschrieben?

Walter p99 arke$tra: Ne, wir sind auch alle noch regelmäßig dort. Wir haben keine Abscheu.

Slimgirl Fat: Ich mag München als Abschaltort. Da wohnen meine Familie und meine Freunde und ich bin jedes Mal froh, wenn ich wieder dort sein kann. Also nicht abgeschrieben. Ich verbinde dafür damit zu viel.


Wer Lust auf die Gaddafi Gals hat, kann sie am 2. November im Folks! Club in der Thalkirchner Straße 2 live sehen. Der Einlass ist ab 19 Uhr und Tickets gibt es für ca. 18,70 € hier .


Beitragsbild: Pressefoto/Joanna Legid

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