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Zweckentfremdung auf Airbnb: Kaum Daten, kaum verfolgbar

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Benjamin Brown

In der Debatte um bezahlbaren Wohnraum und Zweckentfremdung hat sich die Platform Airbnb zum Feindbild all derer entwickelt, die für ein solidarisches und bezahlbares Zusammenleben in Großstädten kämpfen.

Auch in München tobt ein Kampf gegen Zweckentfremdung von Wohnraum über Portale wie Airbnb: Im Januar 2018 startete die Stadt München eine Spitzel-Plattform, auf der Münchner*innen mögliche Zweckentfremdungen über ein Online-Formular melden können.

Was ist eine Zweckentfremdung?

Bei Zweckentfremdungen handelt es sich um Wohnungen oder ganze Gebäude, die entweder als Wohnraum deklariert sind, allerdings größtenteils als Büros verwendet werden, die länger als drei Monate leer stehen – oder eben zum „Zwecke der Fremdenbeherbergung verwendet“ werden.

Dazu zählt das Vermieten von Wohnraum über Airbnb. Bis zu acht Wochen im Jahr ist das legal – wer eine Wohnung allerdings länger über Airbnb vermietet riskiert eine Strafe von bis zu 500.000 Euro.

Ewige Diskussion um Airbnb – endlich mit handfesten Informationen?

Lange Zeit war das nur schwer verfolgbar: Eine weitreichende Überwachung von Airbnb gibt es nicht und das amerikanische Unternehmen weigerte sich, Daten an die Stadt zu geben, anhand derer nachvollziehbar gewesen wäre, welche Wohnungen zweckentfremdet werden.

Im Dezember entschied das Münchner Verwaltungsgericht allerdings, dass das Unternehmen diese Daten teilen muss. Zwar ist das Urteil noch nicht rechtskräftig und Airbnb hat angekündigt, weitere rechtliche Schritte prüfen zu wollen. Die Anordnung setzt aber ein deutliches Zeichen, das auch in weiteren Städten dazu dienen könnte, Zweckentfremdung von Wohnraum zu bekämpfen.

In sämtlichen Diskussionen um Airbnb in München konnte bisher lediglich über den Beitrag der Platform zum Problem der Zweckentfremdung spekuliert werden: Die Stadt hatte sich keinen Überblick über Airbnb-Angebote in München verschafft. Mit einem Bericht des Statistischen Amts München wurde das nun nachgeholt: Im 3. Quartalsheft 2018 (erschienen am 24. Januar 2019) wird erstmals eine detaillierte Auswertung Münchner Airbnbs veröffentlicht.

Was der Debatte fehlte: Ein Überblick über Münchner Airbnbs

Die städtischen Statistiker untersuchten alle Münchner Airbnb-Inserate im April 2018. Demnach gibt es in München 11.608 Betten bei Airbnb, die in 7.154 Immobilien vermietet werden. Vorweg: Das Statistische Amt erkennt, dass mit der veröffentlichen Statistik keine Rückschlüsse auf Zweckentfremdungen möglich sind. So sei nicht möglich gewesen zu erkennen, ob Nutzer*innen noch Aktiv seien, die Wohnungen wirklich vermietet würden und ob dies für mehr als acht Wochen im Jahr erfolge.

Hier würden die angeforderten Nutzerdaten von Airbnb wertvolle Erkenntnisse liefern. Interessante Einblicke in die Nutzung von Airbnb in München liefert der Bericht (in begrenzter Weise) dennoch.

So zeigen die jüngsten Statistiken, dass der Großteil der Münchner*innen zwar lediglich ein Inserat auf Airbnb haben, mit 8 Prozent der erhobenen Nutzer*innen vermietet allerdings fast jede*r Zehnte*r mindestens zwei Wohnobjekteder Münchner Spitzenreiter hat sogar 14 Anzeigen auf Airbnb geschaltet.

Dies könnte daran liegen, dass einzelne Nutzer*innen die Inserate anderer verwalten und mittlerweile auch gewerbliche Betreiber wie Pensionen und Hostels ihre Übernachtungsmöglichkeiten auf Airbnb bewerben dürfen. Dennoch bleibt der Verdacht, dass es unter diesen acht Prozent Vermieter*innen gibt, die sich der Zweckentfremdung von Wohnraum schuldig machen.

Auch hier muss allerdings festgestellt werden: Konkrete Ergebnisse zur Zweckentfremdung sucht man in dem Bericht vergeblich. Erklärungsansätze werden mit „Möglich ist…“ eingeleitet.

Lukratives Geschäft – nicht nur zur Wiesn

Dass verlässliche Zahlen fehlen, um hinsichtlich der Airbnb-Nutzung Vergleiche zwischen München und anderen deutschen Städten wie Hamburg und Berlin ziehen zu können, zeigt die Masse an unterschiedlichen Zahlen, die für Airbnb-Betten genannt werden: So widerspricht das Statistik-Portal Statista den Zahlen der Tourismus-Ämter, diese wiederum den unabhängigen Erhebungen der Süddeutschen Zeitung. Die SZ sprach 2017 beispielsweise von 16.575 Airbnb-Betten in München und liegt damit deutlich über den 11.608 Betten, die das Statistische Amt München ermittelt hat.

Unabhängig von der tatsächlichen Bettenanzahl ist Airbnb für die Vermieter*innen lukrativ: Die durchschnittliche Nacht in einem Münchner Airbnb kostet 133 Euro. Zwar liegt die Preisspanne hierfür bei 12 – 3699 Euro pro Nacht, die Hälfte der Angebote kostet allerdings zwischen 68 und 160 Euro.

Zur Wiesnzeit schießen die Preise natürlich in die Höhe. Einen spannenden Fun-Fact offenbart der Bericht der Stadt hierzu: Auch im April waren Inserate, in denen der Begriff „Oktoberfest“ vorkam, im Durchschnitt 53 Euro teurer als die, die sich nicht auf die Wiesn bezogen.

Der Fokus im Kampf um bezahlbaren Wohnraum darf nicht nur auf Airbnb liegen

Airbnb ist zum Feindbild geworden. Und tatsächlich ist davon auszugehen, dass Airbnb ein Problem im Kampf um (bezahlbaren) Wohnraum darstellt. Dass die Politik aktiv wird und versucht, ein möglichst detailliertes Bild des Problems zu bekommen und Gegenmaßnahmen zu intensivieren, ist ein positives Signal.

Dennoch sollte dieser Kampf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Probleme um bezahlbares Wohnen andere Hintergründe haben – die Wurzel des Problems liegt woanders. Eine (endlich) effektive Mietpreisbremse könnte helfen, weniger Privatisierung von Wohnraum und ein weiter reichender Mieterschutz ebenso.

Der Kampf gegen Zweckentfremdung auf Portalen wie Airbnb ist wichtig. Er darf allerdings nur eine Front in den städtischen Bemühungen für Wohnraum darstellen.


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Mucbook11


Foto Fensterfassade: © Elias Keilhauer via Unsplash / Beitragsbild: © Tavis Beck on Unsplash

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