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Eine Stadt zwischen Partyhengsten und Friedensbullen

Es ist Sommer und München will raus, will tanzen, will feiern. Angehalten von der Politik und den Sicherheitsreglungen, den Kontakt zu Anderen zu begrenzen, wie auch das Feiern zu untersagen, suchen die jungen Erwachsenen sich Alternativen. Sie gehen raus an öffentliche Orte. Wobei von der Politik nur wenig Empathie zu spüren ist oder wie Söder sagte: „Aber sie können ja zum Beispiel zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen“. Der Ton ist klar: Unverständnis dominiert. Dieses Verhalten lässt sich auch in der verstärkten Polizeipräsenz erkennen. Schon lange sind die „Friedensbullen“ nicht mehr nur wegen dem Infektionsschutz-Gesetzt an öffentlichen Orten vertreten. Strenge Kontrollen, Rechtfertigungen für das Rumhängen im Englischen Garten und vermehrte Drogenkontrollen – das alles auf Grund von Corona Maßnahmen? Schwer zu glauben.

Dicke Luft

Ich bin junge Münchnerin und verbringe die Sommertage, wie viele andere auch, gerne im Englischen Garten mit einem Feierabendbierchen. Nur diesen Sommer hat sich etwas verändert. Angefangen hat das Ganze Mitte März. Damals hat die Polizei versucht – noch mit bemüht netten Lautsprecher-Durchsagen – die Menschen von öffentlichen Plätzen zu verweisen. Jetzt nach Aufheben der Ausgangsbeschränkungen ist die Stimmung eine andere: Die Menschen zieht es ins Freie. Mittlerweile sind offiziell Veranstaltungen bis zu 200 Personen im Freien erlaubt, sowie private Treffen bis zu 10 Personen, natürlich mit Mindestabstand. Und trotzdem rückt die Polizei an.

Die Vans rahmen die Wiese vor der Monopteros ein und strapazieren die angespannte Stimmung noch mehr durch die bewaffneten Beamt*innen, die einem beim Volleyball beobachten – Big Brother is watching you. Außerdem werden vermehrt Drogenkontrollen durchgeführt, meistens bei südländisch aussehenden Jungen, die oft auch Jogginghosen anstelle von Polo-Shirt tragen. Wie man sich das vorstellen kann? Zehn Polizisten laufen zielstrebig und bewaffnet über die Wiese auf eine Gruppe von fünf kleinen Jungen zu, die dann die Arme heben und abgestastet werden müssen. Ob das zu Racial Profiling gehört oder zur autoritären Positionierung der Polizei genutzt wird, kannst du für dich selber beantworten.

Am Gärtnerplatz, dem Herzen vom Glockenbachviertel geht es ähnlich zu. Auch so an der Isar. Öffentliche Orte werden von der Polizei besetzt. Wie soll man sich dabei fühlen? Beobachtet, unsicher und illegal. So fühle ich mich an einem Samstagmittag im Englischen Garten.

Wie fühlst du dich?

Damit ich die Stimmung in dieser zerrissenen Stadt adäquat darstellen kann, muss ich auch Andere zu Wort kommen lassen. Deshalb habe ich Menschen, die sich an den oben erwähnten Orten aufhalten nach ihrer Meinung gefragt. Die Antworten:

„Während der Zeit des Lockdowns hatte ich fast noch Mitleid mit den Beamt*innen, als sie mich samt Buch von einer Parkbank vertrieben haben. Jetzt bin ich mit meinen Freunden zwangsweise mehr draußen unterwegs als während dem Lockdown. Bestimmt sind auch mehr jüngere Leute und größere Gruppen unterwegs. Es mögen teilweise auch Alkohol oder andere Dinge im Spiel sein, aber außer Frage steht, dass sich die meisten Menschen korrekt verhalten, gerade in dieser Zeit nach dem Lockdown.
Die Polizei ist immer noch massiv vertreten und patroulliert, überwacht und kontrolliert, als ob der Ausnahmezustand herrschen würde.
Ist das also der Preis den wir zahlen müssen, während das Corona-Virus in der Welt ist?“

– Maurizio, 25

„Ich verstehe total, dass es für die Polizei in der aktuellen Lage zu ihren Aufgaben gehört dafür zu sorgen, dass Abstände und andere Richtlinien eingehalten werden. Aber natürlich gibt es einem das Gefühl unter ständiger Beobachtung zu stehen, auch wenn man sich an alle Vorgaben hält. Es schüchtert einen eben ein, aber genau das soll es wahrscheinlich.“
– Paula, 19

„Meine Stadt ist zu laut“

Mit den Feiern im Freien geht auch eine gewisse gesellschaftliche Resonanz einher und deshalb muss diese Entwicklung auch kritisch hinterfragt werden. Kraftklub bringt es auf den Punkt: „Meine Stadt ist zu laut“. Mittlerweile trifft dieser – eigentlich ironisch gemeinte – Songtitel eins zu eins auf München zu. Alleine in der Nacht von Samstag auf Sonntag (11.7.-12.7.) sind über 150 Anrufe wegen Ruhestörungen bei der 110 eingegangen. Müll wird liegen gelassen, die Anwohner*innen belästigt und die „Partyhengste“ scheint es nicht weniger interessieren zu können – ist das ein faires Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber?

Nicht zu vergessen ist die Pandemie noch nicht vorbei und ebenso nicht zu unterschätzen. Auf Grund von steigenden Infektionszahlen werden diese Partys an öffentlichen Orten auch inoffiziell als Massenspreader Events betitelt. Die Polizei, unser „Freund und Helfer“ versucht durch ihre verstärkte Präsenz diese Entwicklung zu kontrollieren und einzudämmen.

München ist zu eng, wie SZ es so schön formuliert, um Orte wie den Gärtnerplatz in eine Malle Party-Meile zu verwandeln. Deshalb werden wohl die mobilen Lichtmasten an bestimmten örtlichen Gegebenheiten verwendet, um im Einzelfall für „bessere Beleuchtung“, so die Polizei, zu sorgen. Das Münchner Nachtleben wird wortwörtlich ins rechte Licht gerückt. Außerdem stellt das Feiern im Freien eine Gefahr für die Feiernden selbst und andere dar, die oft unterschätzt wird. Die Polizei berichtet unter anderem von verstärkten „Konflikte{n} mit den Bestimmungen des Jungendschutzes und {..} Verstöße{n} gegen das Betäubungsmittelgesetz“. Ein organisiertes Event muss Richtlinien einhalten und eine Sicherheit bieten, die im öffentlichen Raum nicht gewährleistet werden kann. Die gesellschaftliche Verantwortung der Clubbetreiber ist somit nicht zu unterschätzen. Mit den 200 – 300 Beamt*innen mehr im Einsatz jedes Wochenende versuchen die Polizist*innen uns zu beschützen. Denn sicher und verantwortlich ist diese Entwicklung nicht.

Ist Kontrolle wirklich besser als Vertrauen?

Bei der Polizei München auf Twitter heißt es schon am 26.06.20: “Auch dieses Wochenende sind wir an den bekannten Spots nicht zu übersehen. Den Englischen Garten und das Isarufer werden wir besonders in den Abendstunden im Blick haben.”

Im Anbetracht dieser Aussage stellt sich für mich die Frage, ob die verstärkte Polizeipräsenz nicht zu weit geht. Die Münchner Polizei strahlt eine ungemeine Autorität aus, die in diesem Fall nicht benötigt wird und nur zum Vertrauensverlust der Bürger*innen in die Polizei führt. Die Reaktion auf den Tweet macht deutlich, dass es leider zu unnötigen Attacken gegenüber friedlichen Bürger*innen kommt. Die Polizei soll uns doch nur schützen, oder nicht? Und wer hilft, soll keine Angst machen.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass der Vorwurf nicht den Beamt*innen gilt, die gewissenhaft ihren Job erledigen, sondern vielmehr der Politik, welche diese Maßnahmen möglich macht und anordnet.


Beitragsbild ©Unsplash
Screenshots ©Twitter

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