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Über Subkultur, Stadtstrand und Leerstand: Interview mit CSU-Stadtratsfraktionschef Manuel Pretzl Teil I

Er ist der neue mächtige CSU-Mann im Münchner Stadtrat: Manuel Pretzl. Seit Anfang Jahr steht er an der Spitze der CSU-Fraktion. Grund genug für uns, dem 41-jährigen Stadtpolitiker mal auf den Zahn zu fühlen. Wir haben uns eine Stunde lang mit ihm unterhalten – hier der erste Teil des Gesprächs zu den Themen Kultur, Subkultur und Freiraum.

Das Interview führten Marco Eisenack und Jan Krattiger

Mucbook: Herr Pretzl, fangen wir mal mit dem vermeintlich leichtesten Thema an, mit der Kultur. Der Kulturstrand hat insbesondere in den letzten Wochen hohe Wellen geschlagen. Wie kann man sich denn an einem Strand so verbeißen, dass zwei Fraktionen so aneinandergeraten dass offen über Koalitionsbruch und alles Mögliche diskutiert wird. Wollen sie das als Fraktionsvorsitzender in Zukunft anders lösen?

Manuel Pretzl: Wir sind keine Koalition, sondern es ist eine Kooperation gemeinsam mit der SPD. Da lösen wir sehr viele, sehr große Probleme auch im kulturellen Bereich. Wir stoßen da viel an und es steht uns auch noch viel bevor, was wir alles sehr gut miteinander besprechen und auch geräuschlos und zum Wohl der Stadt machen.

Warum dieser Stadtstrand so eine Eigendynamik bekommen hat, das ist vielleicht mit den handelnden Personen auf der Strandseite zu erklären. Benjamin David ist ein Grüner und Zehra Spindler ist eine SPD-Frau (Anm. d. Redaktion: Das ist falsch, Zehra Spindler ist parteilos). Hier sind natürlich Emotionen reingekommen. Wir haben, wie gesagt, deutlich bedeutendere Probleme in der Stadt als diesen Strand.

Und es ist für die Medien interessanter, über den Strand zu schreiben als über den städtischen Haushalt oder irgendwelche hoch-technischen Dinge im Baureferat. Bei dem Strand kann sich jeder was vorstellen und deshalb hat er natürlich so einen Hype bekommen.

Man hat aber auch das Gefühl, dass Politiker dann gerne darüber reden, weil sie da Einfaches transportieren können. Aber welche Version des Strandes ist ihnen denn lieber?

Also uns ist insbesondere wichtig, dass am Ende der Stadtrat entscheidet und damit das Primat der Politik auch beim Strand gilt. Das war über Jahre so, ist dann aufgehoben worden durch dieses vollkommen komplizierte und vom Gericht schließlich einkassierte Ausschreibungsverfahren. Ich denke, am Ende des Tages muss die Politik entscheiden wen man will. Der Strand soll in diesem Jahr auf alle Fälle stattfinden.

Was wäre Ihnen denn allgemein für die Isarentwicklung innerstädtisch wichtig? Es gibt ja auch den Vorschlag, zwei oder drei Strände zu machen. Wieder andere sagen, man braucht da überhaupt keine Gastronomie, man sollte das lieber der Natur oder auch nicht-kommerziellen Vereinen überlassen.

Wir haben ja noch einen weiteren Strand am Deutschen Museum, der wunderbar funktioniert, der privat organisiert ist auf privatem Grund und der eigentlich ein Strand wäre. Man kann natürlich schon darüber diskutieren, ob man aus städtischer Sicht noch so etwas braucht.

Der ursprüngliche Ansatz der Urbanauten, die diese Veranstaltung erfunden haben, war Unorte der Stadt zu beleben. Das finde ich einen spannenden Gedanken, dass man irgendwo hingeht, wo sonst keiner hingeht und dort etwas Attraktives macht, um die Leute anzulocken. Aber an der Isar haben wir keine Unorte, man muss eigentlich nichts beleben.

„Wenn es so ein heißes Wochenende ist, Freitag- oder Samstagabend, die Leute mit Leiterwägen und dem halben Hausstand, zig Kästen Bier, Batterien, Notstromaggregaten und Ghettoblastern hinunter ziehen, dann hat das nichts mehr mit friedlichem Grillen an der Isar zu tun.“

Man muss auf der anderen Seite schauen, dass man beim Flaucher und weiter südlich die ganze Situation in den Griff bekommt. Die Isar ist eben nicht nur ein Erholungsraum, nicht nur eine Partymeile, sondern auch ein wertvoller Naturlebensraum. Es gibt genug Münchnerinnen und Münchner, die dort Joggen oder Spazieren gehen wollen mit ihren Kindern und mit ihrem Hund. Im Sommer geht es dort schon zu wie zum Teil am Ballermann. Wenn es so ein heißes Wochenende ist, Freitag- oder Samstagabend, die Leute mit Leiterwägen und dem halben Hausstand, zig Kästen Bier, Batterien, Notstromaggregaten und Ghettoblastern hinunter ziehen, dann hat das nichts mehr mit friedlichem Grillen an der Isar zu tun. Was auch schön ist. Da muss man aber eher ein bisschen draufschauen, ist meine Meinung.

Das heißt, sie würden dann eher versuchen das zu reglementieren?

Man muss an die Vernunft der Leute appellieren und dann im Notfall sanktionieren, wenn sich welche überhaupt nicht an die Regeln halten. Letztes Jahr hat der Zoodirektor massiv Alarm geschlagen weil er Angst hatte, dass seinen Tieren etwas zustößt. Der Tierpark ist nur 20 Meter entfernt.

Wo sind ihre Visionen für die Kulturstadt München, wo wollen Sie Schwerpunkte setzen mit ihrer Fraktion?

Erstens glaube ich, dass wir wirklich sehr gut aufgestellt sind als Kulturstadt München. Es gibt sehr wenige Kommunen die das für Kultur ausgeben, was die Stadt München ausgibt. Sowohl für Mainstream-Kultur oder Hochkultur wie zum Beispiel die Philharmoniker, aber auch für junge, neue Künstler, für Subkultur et cetera.

Man kann vielleicht bei der Organisation, der Vernetzung und der Vermarktung noch etwas besser machen. Wir haben ein großes Potential, auch durch den Freistaat Bayern, der mit dem neuen Konzertsaal ein absolutes Highlight setzt und mit den Pinakotheken. Man muss unser Angebot aber noch besser transportieren, glaube ich.

Was sicher ansteht in den nächsten Jahren ist die Sanierung des Gasteigs, das muss man klipp und klar sagen. Das ist wahrscheinlich einer unserer größten finanziellen Brocken, die die Stadt München stemmen muss.

Wo sehen Sie am ehesten Nachbesserungsbedarf im Kulturbereich, abgesehen von Vernetzung und Marketing?

Ich finde es zum Beispiel immer noch schade, dass es keine gemeinsame Museumskarte gibt für die städtischen Museen. Oder dass man noch kein gemeinsames Marketing aufzieht. Da wird schon was getan, da gibt es schon Ansätze, aber das könnte man noch viel, viel besser machen. In Wien zum Beispiel können sie diese Vienna Card kaufen, da haben sie vom ÖPNV bis zu Museen und dem Tierpark alles dabei. So was fehlt in München einfach. Das ist natürlich ein Marketinginstrument um Leute nach München zu locken, die diese Kultur dann konsumieren, wenn man das so sagen kann.

„Das Problem ist: Subkultur braucht Raum, und zwar billigen Raum. Und das ist genau das, was wir in München nicht haben.“

 

Wechseln wir von der Hochkultur zu der Kultur, die bei unseren Lesern auf besonderes Interesse stößt: Die Subkultur. Wenn sie das mit anderen Städten vergleichen, werden sie da genau so euphorisch?

Nein, da bin ich nicht so euphorisch, aber ich sehe ehrlich gesagt auch nicht die Lösungsmöglichkeiten. Das Problem ist: Subkultur braucht Raum und zwar billigen Raum. Und das ist genau das, was wir in München nicht haben. Wenn Sie nach Berlin schauen, oder selbst in Hamburg, dort gibt es immer Stadtviertel oder Gegenden, alte Industriebrachen oder Speicher, wo sich Subkultur entwickeln und etablieren kann, für wenig Geld oder umsonst. Und das gibt es in München nicht. Hier muss man ganz realistisch sein.

Selbst wenn die Stadt viel investieren würde – und wir geben ja Geld dafür aus –, könnte man nie das Gleiche schaffen wie wenn sich das einfach wild etablieren kann. München ist zu eng, zu teuer, zu dicht besiedelt.

Es gibt ja keine Großstadt in Deutschland, die so dicht besiedelt ist wie München.

„Der private Investor hat einen langfristigen Plan. Der sagt nicht ‚ich hole da junge Künstler rein und dann kommt der tolle Mieter'“

Wobei immer wieder gesagt wird, es gibt genug Leerstand mit dem man kreativer umgehen könnte.

Das sind private Investoren. Und der private Investor hat einen langfristigen Plan. Der sagt nicht „ich hole da junge Künstler rein und dann kommt der tolle Mieter“. Oder „ich habe die jungen Künstler drin und wenn ich sie rausschmeiße, habe ich vier Wochen lang schlechte Presse mit sämtlichen politischen Anträgen, mit dem Bezirksausschuss vor Ort, die alle sagen ‚Wie kannst du nur?’“. Die setzen natürlich darauf, dass sie ihr Gewerbe gut vermieten, zumindest mittelfristig.

Und man muss ehrlicherweise sagen, so viel Leerstand haben wir nicht: Wir haben bei dem produzierenden Gewerbe fast gar keinen Leerstand, sondern richtiggehend Flächenmangel. Wo wir ein bisschen Leerstand haben ist im Büro-Immobilienbereich. Aber sie können nicht in ein Bürogebäude zwischen Anwaltspraxen und Büroräumen Künstler reinsetzen. Das funktioniert schon mit Nebenkosten von den anderen Mietern und so weiter nicht.

Wer einen wirklich guten Weg geht ist Werner Eckart im Werksviertel. Er fördert wirklich Kultur und Subkultur und gibt jungen Künstlern die Chance in ihrem Bereich. Aber das sind halt Ausnahmen.

Werksviertel und Kreativquartier sind sicher Begriffe, mit denen sie sich in Zukunft als Stadtrat immer Herausreden können.

Ja. Ich bin aber auch ehrlich. Es sind zwei Highlights, vielleicht können wir noch ein drittes setzen oder ein viertes. Aber damit werden wir nie diese Dynamik haben, wo jemand einfach irgendwo reingeht und es merkt die ersten fünf Jahre niemand. Ich sage es jetzt mal übertrieben gesprochen.

Es ist aber auch nicht unbedingt eine Priorität der Stadt, das weiter zu forcieren oder zu ermöglichen.

Also gerade Josef Schmid macht in dem Bereich schon viel. Es gibt schon Ansätze, zum Beispiel bei den Graffiti-Leuten gibt es viele örtliche Initiativen. Wir haben in Untergiesing, wo ich Ortsvorsitzender bin, an der Candidbrücke so ein Projekt gemacht. Mit wirklich sehr hochklassigen Künstlern.

So was gibt es schon, ich möchte das gar nicht schlecht reden, ganz im Gegenteil. Aber ich wollte damit eigentlich ausdrücken, dass wir begrenzt sind.

 

Das ist ihr berühmter Realismus, der da spricht.

Ja, es nutzt ja nichts, wenn ich alles toll male, denn es ist nicht die Realität. Also in dem Bereich, wo wir was machen können, machen wir das und machen es gern. Wenn jemand eine tolle Idee hat, dann soll er sich an uns wenden und sagen, „Da könnte man doch was machen“. Und wenn es irgendwie geht, vom rechtlichen her und so weiter, dann rennt man zumindest bei Josef Schmid und bei mir offene Türen ein.

In Kürze folgt Teil 2 des Interviews zum Thema Wohnraum.


Fotos: (c) Jan Krattiger

 

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