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Melanie Schindlbeck

Melanie Schindlbeck

Lebt, lacht, liebt, denkt, recherchiert, notiert, organisiert und formuliert ... am liebsten in München für Mucbook.
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Wenn vermeintlich gesunde Ernährung und Bewegung den Alltag bestimmen und dem eigenen Körper mehr und mehr schaden, spricht man von Sucht. Wir befinden uns im Loungebereich der Schönklinik in Prien am Chiemsee. Draussen beginnt ein wunderschöner Spätsommertag, hier drinnen ist der Klinikalltag schon in vollem Gange.

Mucbook: Wie entstehen gestörte Körperbilder?

Dr. med. Christian Ehrig, leitender Oberarzt der Schön Klink Roseneck: Das Körperbild ist eine kulturell und gesellschaftlich geprägte Vorstellung von einer Ideal- oder Traumfigur. Es lebt vom Vergleich mit Anderen und von den Schönheitsvorgaben der jeweiligen Gesellschaft. Wir alle leben mit dem Druck nach Perfektion in Aussehen, im Beruf, in der Familie und unter medialer Dauerpräsenz von Themen wie Diät halten, attraktiv und perfekt sein und in einer immer mehr von (Vor-)Bildern geprägten hochkommunikativen Welt.

Welche Verantwortung hat die Gesellschaft hier?

Hier sind an erster Stelle die Medien in ihrer Berichterstattung angesprochen. Diäten und Schönheitsideale sind nicht nur für sie ein super Geschäft, sondern auch für Fitness-Studios, Schönheitschirurgen, Anbieter von Diätprodukte aller Art, wie Weight Watchers, die vor allem eine gewinnorientierte Aktienfirma ist.

Nimmt das Phänomen Sportsucht zu?

Der Übergang von gesunden Freizeitsport zur Sportsucht ist fließend. Unter dem gesamtgesellschaftlichen Leistungsdruck verändert sich auch das gerade angesagte Fitnessverhalten der Menschen. Waren es vor 20 Jahren noch die Jogger und Tennisspieler, sind es jetzt die Marathonläufer und Triathleten, die im Freizeitsportbereich den Ton und das Leistungsniveau angeben. Wir sehen das Phänomen Sportsucht sehr oft in Kombination mit Essstörungen. Eine zunehmend reduzierte und vielleicht einseitige Ernährung und immer anspruchsvolleres Training führen in teilweise heftige Mangelernährung und damit auch soziale Einschränkungen, Rückzug und Vereinsamung. Sportsucht oder extremer Bewegungszwang nehmen durchaus zu, indem sie „modern“ sind und andere Formen der Körpermanipulation, wie das bulimische Verhalten oder der Missbrauch von Medikamenten eher in den Hintergrund treten.

Stichwort Selbstoptimierung: Wir wollen ja alle gesund sein und gut aussehen, aber wo fängt das Krankhafte an?

Die Antwort liegt auch hier in der richtigen Dosis. Bewegung ist ja definitiv gesund und wichtig für das Wohlbefinden des Menschen. Er ist nicht dafür gemacht, täglich 8-10 Stunden im Büro vor dem PC zu hocken, sondern sich im Freien zu bewegen. Aber er ist auch nicht dafür gemacht, nach einem 10-Stunden Arbeitstag noch jeden Tag zwei Stunden Sport bis zur Erschöpfung zu betreiben. Auch Ausdauertraining unter Gebrauch von Schmerzmitteln, damit man es durchhält, ist selbstschädigend und nicht mehr gesund. Einschränkung der Ernährung trotz intensiven Freizeitsports, die zur Gewichtsabnahme in ungesunde Bereiche führt oder sich der eigenen Kontrolle entzieht und sich verselbständig, sind definitive Warnzeichen. Oft genug bekommen die Betroffenen auch Fragen und Warnungen von Angehörigen, Freunden oder  Arbeitskollegen, die sie aber ignorieren und einfach weitermachen, bis es irgendwann nicht mehr geht und der Körper streikt.

Ist es möglich aus dem Kreislauf der Sucht zu entkommen und wieder „gesund“ Sport zu treiben?

Ja, definitiv. Das richtige Maß wieder finden, wird unseren Patienten schrittweise beigebracht. Auch der Zugang zu und der Spaß an anderen Bewegungsformen, wie z.B. der Tanztherapie, gehören dazu. Die realistische Beurteilung des eigenen Körpers und eine gesunde Körperakzeptanz zu finden, sind zentrale Teile der Psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit massiven Bewegungsdrang, Sportsucht und oder Essstörungen.

Wer ist besonders „anfällig“ für so eine Sucht? Kann man vorbeugen?

Alle – vor allem junge – Menschen, die Ihren Selbstwert aus Äußerlichkeiten beziehen, medial sehr beeinflussbar sind und weniger aus der Kraft ihrer realen sozialen Kontakten leben. Ein gesundes, stabiles Selbstwertgefühl, das auch mit Krisen, Verlusten und Kränkungen umgehen kann, ist sicher um einiges widerstandsfähiger gegen den sozialen Druck. Spaß und der soziale Aspekt der Bewegung (z.B. im Sportverein) sind allemal besser als der einsame Marathonläufer, der nur noch mit sich selbst und dem Kilometerstand auf der Sportuhr beschäftigt ist.

Was ist das Gefährliche an dieser Sucht?

Wie bei jedem suchtartigen Verhalten ist es der Verlust der eigenen Kontrolle über sein Tun, über die Dosis, das Zuviel mit der Konsequenz der Schädigung der eigenen Gesundheit.

 

Beitragsbild: Maarten van den Heuvel

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