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#Abgeschaltet: Münchner Kreative in Szene gesetzt von Tibor Bozi am OPTIMISTIC ELEPHANT

Jan Krattiger

+++Update, 18.1.2021+++

Die Show am Gasteig ist leider schon vorbei, wer sie verpasst hat, kann das hier zum Glück in der warmen Stube nachholen:

Es geht was am Gasteig: Trotz Corona und trotz veschärftem Shutdown ist dort im „Gast“ die MUCBOOK-Zwischennutzung OPTIMISTIC ELEPHANT gestartet. Selbstverständlich unter Berücksichtigung aller Hygienemaßnahmen bietet der OPTIMISTIC ELEPHANT Coworking-Plätze für alle Kultur- und Kreativschaffenden, die nicht im Homeoffice arbeiten können und die auf einen solchen Arbeitsplatz angewiesen sind.

Um diesen Start mit zu feiern, wird vom 11. bis 16. Januar auf der grossen äußeren  Leinwand das Fotoprojekt #Abgeschaltet des Münchner Starfotografen Tibor Bozi gezeigt. Bozi hat in den vergangenen Monaten (selbstverständlich mit Abstand und Hygiene) die Münchner Kulturschaffenden und kreativen Menschen aus seinem Umfeld portraitiert, die sich trotz Corona-Härten nicht unterkriegen lassen. Im Interview mit MUCBOOK erfahrt ihr alle Details zu seiner Arbeit:

(für große Version auf die Bilder klicken, richtig groß sind sie aber nur am Gasteig zu sehen 🙂 )

Vom 11. bis 16. Januar gibt es etwas Spektakuläres zu sehen am Gasteig. Kannst du uns da mehr verraten?

Tibor Bozi: Es ist eine aus der Not geborene Open Air-Ausstellung mit Portraits von Münchner Kreativen, die sich in den Monaten von April bis November 2020 neu aufgestellt oder orientiert haben. Denn auf die Politik ist im kreativen Sinne kein Verlass mehr. Deswegen auch der Titel: #Abgeschaltet. Die Projektion auf die Außenleinwand am Gasteig ist ein wenig eine Notlösung: Weil momentan niemand eine Ausstellung im OPTIMISTIC ELEPHANT besuchen darf, war ich gezwungen die Bilder in die Öffentlichkeit zu tragen. So ein aktuelles Projekt braucht schnelle Entscheidungswege, die ich nicht bis nächsten Sommer vor mir her schieben kann. Die schnelle und unbürokratische Hilfe von der Gasteig-Geschäftsführung war Balsam für meine Seele und für die Produktion. Und es passt zu der Angelegenheit, dass Mucbooks OPTIMISTIC ELEPHANT in die Räume des Gasteig eingezogen ist. Ihr seid ständig dabei, Kreative auf deren Weg zu unterstützen mit dem Coworking-Projekt und schaut ständig nach vorne.

Worum geht es bei dem Projekt konkret, worauf wollt ihr aufmerksam machen?

Ich war mit dem ersten Shutdown im März/April 2020 voll einverstanden, auch wenn in der Zeit ein Projekt mit Mucbook über asiatische Adidas-Fälschungen entstehen sollte. Da war im MUCBOOK Clubhaus Breakout eine Ausstellung geplan. Die mussten wir kuzfristig absagen, dafür entstand im Juni mein Projekt „abibas shutdownremix“ in Kooperation mit dem BR/Kulturbühne als Videoclip. Die Monate danach waren für viele Kreativschaffende eine Achterbahnfahrt wegen der ständigen On/Off-Gesetzgebung und der Vorschriften der Politik. Es gibt nichts schlimmeres als Perspektivlosigkeit oder Planlosigkeit für Menschen, die gerne die Kopntrolle über ihr Leben haben. Als im Oktober klar wurde, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft weiter konsequent ignoriert wird, entschloss ich mich dazu, die Szene zu portraitieren, die sich immer wieder neu aufstellt, um überleben zu können. Das ist meine Art, mich vor Personen zu verbeugen, die von der Politik materiell und moralisch ignoriert werden. Alle Personen werden meine Portraits kostenlos bekommen und weiter verwenden, wenn sie es möchten.

Wer sind die Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind und was vereint sie?

Ich bin in München sehr gut vernetzt, daher habe ich schon in den Sommermonaten von vielen gehört, die die Ihre Tätigkeiten beenden mussten, auch wenn das sehr schmerzhaft war. Bei vielen ging es um das pure Überleben. Es gibt aber auch die andere Fraktion, die ich portraitiert habe: Sie ließen sich nicht von den gesellschaftlichen Einschränkungen beirren und haben ihre kreative Tätigkeit auf einer neuen Ebene weiter entwickelt, die meisten mit Erfolg. Ob Gastro, bildende Kunst oder Musik: Diese Menschen haben vorgemacht, dass es auch weiter gehen kann. Dafür habe ich viele bewundert und mich von ihnen inspiriert gefühlt. Ich habe schließlich mit der Zeit auch meine eigene kreative Kraft eingebüßt.

Zum Beispiel die Musiker von der Schlachthofbronx, die im April und Oktober neue Singles herausgebracht haben. Oder Philip Bradatsch der sein erstes  Album bei Trikont herausgebracht hat, seine Tour aber abgesagt wurde. Oder Herr Nakamura, der sein 2-Sterne-Restaurant „Werneckhof“ im Frühjahr abgeben musste, kurz darauf ein neues eröffnete und wieder – zwangsweise – schließen musste. Er entschied sich, japanische Burger zu verkaufen, mit überwältigendem Erfolg. Auch Markus Nägele, aka Don Marco, hat sein erstes Soloalbum in diesen Monaten aufgenommen und auf digitalem Weg promotet – es erscheint Ende Januar. Oder Nana Dix, die Absagen für drei Ausstellungen bekam und trotzdem unbeirrt weitermalt.

Gibt es einen Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl unter Münchner Kreativen in dieser Zeit? 

Ich habe in der ganzen Zeit, in der ich produziert habe, nur gute Erfahrungen gemacht. Natürlich gab es Leute, die sich für das Projekt zu fein fühlten. Das waren von den angesprochenen 60 aber vielleicht 2-3 Personen. Eine verträgliche Grösse bei einem so gross angelegten Projekt. Generell war die Stimmung sehr entspannt, zuversichtlich und kooperativ. So schoss ich an einem Nachmittag auf dem Backstage-Gelände mit Konzertveranstaltern, die in normalen Zeiten Konkurrenten sind. Das Wiedersehen bei Novembersonne und der Bedarf, sich auszutauschen, verdrängte aber alle Verschiedenheiten. Es war angenehm, denen zuzuschauen. Freude pur!

Wie sind die Bilder entstanden?

Ich habe mir eigentlich nur eine Idee vorgenommen: spontan Leute zu treffen und zu portraitieren, ohne Vorgaben und größeren ästhetischen Firlefanz. Zwischen dem 4. und 16. November war nur strahlende Sonne und blauer Himmel über München, es war also sehr leicht, alle unter den vorgegebenen Hygienevorschriften draussen zu fotografieren. Oft verabredeten wir uns einzeln, aber  manchen Tagen ergab sich ein Gruppentreffen, auf dem Schlachthofgelände zum Beispiel. Im November nachmittags bei untergehender Sonne auf dem Schlachthofgelände mit Leuten, die ich privat auch immer gerne treffe: genial! Ich bin dankbar für diese Tage.

Wie ist allgemein die Situation für Künstler*innen und Kulturschaffende während Corona in München?

Sehr unterschiedlich, wie ich aus den Gesprächen herausgehört habe. Auf die Politik hofft kaum mehr jemand. Die Suche nach neuen Wegen bietet auch die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und neue Allianzen zu bilden. Am Anfang der Produktionsplanung  dachte ich blauäugig, #Abgeschaltet mit den Kulturverantwortlichen der Stadt München realisieren zu können. In kürzester Zeit wurde mir aber klar, dass das verlorene Zeit und Energie ist. Statt den erhofften Lösungen kamen wochenlang keine Antworten auf meine Mail-Anfragen. Als sie dann doch kamen, waren sie unmotiviert und voller Belehrungen, Besserwisserei, Verboten und Vorschriften. Damit wurde mir klar: nie wieder Kommunalpolitik.

Was müsste noch getan werden, wo siehst du Handlungsbedarf?

Es ist einfach: wir brauchen Perspektive. Ohne Perspektive gibt es keine Planungssicherheit. Vielen Politikern, auch auf kommunaler Ebene, ist es wohl nicht klar, dass Kreative Perspektiven brauchen. Kunst- und Kreativwirtschaft ist harte Arbeit. Auch wenn viele auf ihren festen Pöstchen, auf die sie von den Bürgern reingwählt worden sind, das nicht so richtig wahr haben wollen. Eine fatale Fehleinschätzung, die das kreative Leben jetzt schon für Jahre zurückgeworfen hat. Das Ende ist offen …

Die Shutdown-Massnahmen werden verlängert und verschärft, was macht dir Hoffnung in der ganzen Situation?

Die Personen, die auf meinen Portraits zu sehen sind und deren Einstellung!

Danke für das Gespräch Tibor – und für die tollen Bilder!

Die aus der Not geborene Open-Air-Ausstellung ist in Unterstützung mit Raphael Kurig von WE ARE VIDEO entstanden und findet Raum am Gasteig, in der mittlerweile dritten Ziwschennutzung von MUCBOOK, im ehemaligen GAST.


In Aller Kürze:

Was? #Abgeschaltet von Tibor Bozi

Wann? Montag, 11.1. bis Samstag, 16.1.

Wo? Grossleinwand vor dem Gasteig

Wieviel? Umsonst und Draussen


Mehr Infos zum MUCBOOK CLUBHAUS, Coworking und dem OPTIMISTIC ELEPHANT findest du >>hier<<

Bilder: © Tibor Bozi

1Comment
  • Jeannette
    Posted at 18:39h, 16 Januar

    Wir waren heute da. Sehr schöne Idee. Sehr schade, dass man die Namen und den Hintergrund der Gezeigten nicht mit eingeblendet hat. So standen wir nur vor einer Menge durchlaufender Gesichter.

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