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Das steckt hinter dem „Biss“-Magazin: „Unsere Verkäufer brauchen Ansporn und keine Almosen“

Julius Zimmer

Mich fasziniert das Absurde im Alltag. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in meiner Wahlheimat München so wohl fühle: Hier erwachen Widersprüche zum Leben. "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Herz auszufüllen. Wir müssen uns den Münchner als einen glücklichen Menschen vorstellen."
Julius Zimmer

Die Obdachlosenzeitung “Biss” hat in München einen festen Stand. Sogar mehrere. An allen großen S-Bahnstationen findet man die Verkäuferinnen und Verkäufer des Magazins.

Für 2,20 Euro kann man eine Ausgabe erstehen. Davon gehen 1,10 Euro als Verdienst an die Menschen, die die Zeitung unter die Leute bringen. Ein großartiges Konzept, das Beachtung verdient – denn so erhalten Bedürftige eine Chance, wieder in den Berufsalltag zu finden.

Der Vertriebsleiter der “Biss”, Johannes Denninger, erklärt im Interview mit MUCBOOK: “Unser Ziel ist es, armen Menschen langfristig zu helfen und sie dabei zu unterstützen, zurück in unsere Gesellschaft zu finden”.

Julius Zimmer: Gibt es bestimmte Klischees, die die Öffentlichkeit mit Obdachlosgikeit verbindet?

Johannes Denninger: Viele Menschen haben ein romantisches Bild von Obdachlosigkeit. Viel Freizeit, keine sozialen Verpflichtungen, kein Termindruck und aufstehen wann man will. Doch die Realität hat nichts Romantisches. Nirgendwo sonst ist man der Willkür seiner Mitmenschen so ausgesetzt wie auf der Straße.

Wer kein festes Zuhause hat, wird mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Das vielleicht problematischste ist das schlichte Fehlen von Dingen, die für „normale“ Bürger üblich sind:

Keine Privatsphäre, keine Möglichkeit zur Körperpflege, keine gesicherten Mahlzeiten. Das Leben auf der Straße ist ein täglicher Kampf um die eigene Existenz.

JZ: Wie sieht der Alltag vieler Obdachloser aus?

JD: Als Obdachloser fragt man sich Tag für Tag: Wo kann ich meine Sachen sicher lagern? Was kann ich tun, um nicht zu erfrieren? Wo übernachte ich ohne ausgeraubt, angespuckt oder angepinkelt zu werden?

In München gibt es zahlreiche soziale Einrichtungen, doch aufgrund der rasant steigenden Obdachlosenzahlen sind immer mehr Anlaufstellen überlastet. Die Hilfe ist also vorhanden, aber nicht immer erreichbar.

„Wo übernachte ich ohne angepinkelt zu werden?“ 

Das wäre in etwa so, wie wenn man mit einem gebrochenen Bein in ein Krankenhaus geht und der Arzt sagt: „Tut mir Leid, wir sind voll, komm in zwei Wochen wieder!“

JZ: Was also tun, um Menschen zu helfen, die von Armut und Obdachlosigkeit betroffen sind? Reicht eine Spende an einen Helferverein oder die Almosen auf der Straße?

JD: Wir von der Zeitung „Biss“ gehen das Problem anders an. Unser Ziel ist es, armen Menschen langfristig zu helfen und sie dabei zu unterstützen, zurück in unsere Gesellschaft zu finden.

Wir wollen ihnen ihre Wahlmöglichkeiten als Bürger wiedergeben. Dazu stellen wir Bedürftige als Zeitungsverkäufer an. Unsere Verkäufer erwerben die Zeitung bei uns für den Preis von 1,10 Euro und verkaufen sie an Passanten für 2,20 Euro weiter. Die Differenz ist ihr Verdienst.

JZ: Wie viele Menschen arbeiten für die “Biss?”

JD: Momentan haben wir 50 festangestellte Verkäufer mit Sozialversicherung und Krankenkassenmitgliedschaft. Mit dem Verkauf der Zeitung kann der Verkäufer wieder selbst über sein Leben bestimmen.

Durch den Verdienst kann er selbst entscheiden, was er isst, wie viel er isst, ob er in einer Pension übernachtet oder Geld für eine Mietwohnung zurücklegt. Daher frage ich Verkäufer auch nie zuerst „Wie geht es dir?“, sondern „Wie läuft der Verkauf, kommen Sie zurecht?“

„Die Zahl der Obdachlosen steigt!“

Über das Wie ihrer Arbeit kommen die sozialen und psychischen Probleme mit in das Gespräch. Gründe für ein Scheitern gibt es viele. Sie spielen aber bei uns erst dann eine wichtige Rolle, wenn darunter der Verkauf massiv leidet.

Wie überall benötigen unsere Verkäufer Ansporn und keine Almosen. Bei BISS gibt es zwei Möglichkeiten: Geld gegen Arbeit, das sind die fest angestellten Verkäufer, und es gibt die Möglichkeit auszuprobieren, ob überhaupt noch eine Chance besteht, wieder in geregelte Arbeitszusammenhänge zu kommen, dies sind unsere freien Verkäufer. Da geht es vor allem um das Testen der eigenen Fähigkeiten.

JZ: Der Wohnungsmarkt in München gilt als einer der schwierigsten in Deutschland. Wie macht sich das in ihrer Arbeit bemerkbar?

JD: Die Zahl der Obdachlosen steigt. Wir haben Verkäufer, die gut verkaufen und trotzdem ohne unsere Hilfe keinen bezahlbaren Wohnraum finden. In und um München gibt es viel Arbeit, doch wenig bezahlbaren Wohnraum.

Aus ganz Europa kommen Menschen hierher um zu arbeiten, allerdings findet lang nicht jeder eine geeignete Wohnung. So entstehen prekäre Wohnverhältnisse mit einem nicht zu durchschauenden grauen Markt. Oft bleibt nichts anderes als die Obdachlosigkeit.

JZ: Macht Sie das wütend?

JD: Wütend macht mich das schon lange nicht mehr, es macht mich einfach traurig. Wer nie auf der Straße gelebt hat, wird wahrscheinlich nie verstehen, was das wirklich bedeutet.

Deswegen veröffentlichen auch unsere Verkäufer ihre Geschichten in der „Biss“ auf den Seiten der Schreibwerkstatt. Sie erzählen von ihrem Alltag auf der Straße, wie sie dort gelandet sind und was sie tun, um dort wieder wegzukommen.

So kann man die Gesellschaft für die Probleme auf der Straße sensibilisieren. Denn wir leben in einer sehr wohlhabenden Gesellschaft und rein statistisch müsste es mehr als genug Wohnraum geben.

JZ: Wie kann man Münchnern in Not noch helfen?

JD: Jeder von uns sollte sich fragen, ob er oder sie vorübergehend nicht einen Platz für einen Bedürftigen hat.

Eines macht mir allerdings trotzdem Sorgen: Wie wird sich die Lage für Obdachlose auf deutschen Straßen verändern, wenn Asylbewerber anerkannt sind und dann auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt drängen?

Wie rüsten sich die zuständigen Behörden und Einrichtungen auf diesen außerordentlichen Zustrom von dann städtischen Obdachlosen?

Momentan leben die meisten Flüchtlinge noch in temporären Unterkünften, doch früher oder später werden sie auch einen Job und eine Wohnung suchen. Wie das die Kommunen bewältigen, die dafür zuständig sind, ist eine große Frage.

Das Interview führte Julius Zimmer. 

Freunde und Gönner sorgen dafür, dass Wiedereingliederung kein abstrakter Begriff bleibt. Jeder kann die „Biss“ mit einer Spende unterstützen. Damit gibt man nicht nur materielle Hilfe, sondern auch den Menschen die an der Zeitung beteiligt sind Rückhalt und Anerkennung. So ermöglicht man ihnen, weiterzumachen. 


Beitragsbild: M1kha (C.C. 2.0)

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