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Cabaret im Deutschen Theater – Exzessives Nachtleben im Berlin der 30er Jahre

„Willkommen, Bienvenue and Welcome!“ Mit diesen Worten springt der Showmaster, der MC, aus dem Zugwaggon auf der schlichten, verrauchten Bühne und nimmt den Zuschauer mit – In den Kit Kat Club, einem berühmt-berüchtigten Kabarett-Nachtclub in Berlin.

Im Musical Cabaret dreht sich alles um das verruchte, dreckige, aber auch exotische und aufregende Berlin der späten 30er Jahre. Im Zentrum der Handlung steht ein junger, amerikanischer Autor, der auf der Suche ist. Nach Inspiration und Geschichten, aber auch auf der Suche nach seiner Sexualität und sich selbst.

Im Kit Kat Club wird er fündig. Der Star der dortigen Shows, die junge Engländerin Sally Bowles, stellt sein Leben auf den Kopf. Was als wilde Romanze beginnt, wird zu einer ernsthaften Beziehung, die entscheidende Fragen mit sich bringt. Die größte von allen: Wird die Liebe den aufsteigenden Nationalsozialismus überstehen?

Wo etwas zu Grunde geht, kann Neues entstehen

Cabaret spielt im Berlin der Nachkriegszeit. Kommunisten und Nationalsozialisten kämpften um die politische Vormachtstellung. Die Inflation war nicht mehr zu stoppen. Alle suchten einen Schuldigen, jeder versuchte zu überleben. Aber genauso waren diese Jahre der Nährboden für innovative künstlerische Kreativität. Musiker und Künstler aus der ganzen Welt nutzten den guten Wechselkurs und kamen nach Deutschland. Atonalität, Jazz, Expressionismus und Freizügigkeit schockierten das konservative Publikum. Sexuelle Grenzen wurden aufgebrochen, Drogen waren an jeder Ecke zu haben. Berlin wurde zur kulturellen Hauptstadt der westlichen Welt. Bis die Nazis an die Macht kamen.

Mit Cabaret eröffnet das Deutsche Theater seine Saison mit einer englischsprachigen Originalfassung, inszeniert vom English Theater Frankfurt (ETF). Es versucht sich damit an „einer Geschichte, die durch Politiker wie Erdogan, Orban oder Trumps America First immer relevanter wird“, so Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre Frankfurt. Besonders für die englischsprachigen Schauspieler hat das Thema eine besondere Brisanz, durch „eine starke Verbindung zwischen Cabaret und der Spaltung ihres Landes durch den Brexit“.

Nebendarsteller geben dem Stück den nötigen Pfiff

Cabaret ist ein Kult-Musical. Es wird seit über 50 Jahren weltweit aufgeführt und ist schon mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden. Die Inszenierung am Deutschen Theater glänzt allerdings nicht durch gesanglich herausragende Leistungen oder clevere Dialogstrecken. Was das Musical kurzweilig macht, sind die verbindenden Elemente des Zeremonienmeisters, der mit unterhaltsamen und freizügigen Showeinlagen die Zuschauer bei Laune hält. Für das Publikum im Deutschen Theater waren die sexuell aufgeladenen Tanznummern gewagt und haben damit vielleicht genau das bewirkt, was sie auch im Berlin vor knapp 100 Jahren bewirkt haben.

Außerdem sehr schön und unterhaltsam gespielt ist die zweite Liebesbeziehung zwischen der Vermieterin Fräulein Schneider und dem jüdischen Obstverkäufer Herr Schultz. Musikalisch begleitet wird Cabaret von einer 5-köpfigen Jazzband, die direkt auf der Bühne im Zugwaggon sitzt. Besonderer Pluspunkt und Überraschungseffekt: Zwei der Schauspieler spielen zusätzlich Saxophon und Klarinette, aber nicht im Waggon, sondern mitten im Geschehen. Das Bühnenbild ist dabei minimalistisch gehalten – die Bahnhofshalle geht fließend über in das Zimmer des jungen Amerikaners, in den Obstladen oder in den Kit Kat Club. Durch eine clevere Raumaufteilung und gut platzierte Requisiten wird trotzdem immer die richtige Atmosphäre geschaffen.

Überraschender Spannungsbogen

Wer die Geschichte von Cabaret noch nicht kennt, sollte sich im Musical überraschen lassen. Die politischen Konflikte der damaligen Zeit, aber auch die persönlichen Konflikte der Hauptpersonen bringen immer wieder unerwartete dramatische Wendungen und lassen den Zuschauer nachdenklich zurück.


In aller Kürze: 

Was? Cabaret

Wann? 15.3.-30.3.2019

Wo? Deutsches Theater, Schwanthalerstraße 13

Wieviel? Ab 36€


Fotos: © Kaufhold

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