Kultur, Nach(t)kritik

Die Villa kommuniziert

Wenige Museen thematisieren Kommunikationsformen in ihren Ausstellungen. Dabei gleichen sich Kunst und Kommunikation metaphorisch gesprochen wie eineiige Zwillinge. Die Villa Stuck hat einen Versuch gewagt. Sarah von Holt und Tobias Mayr waren bei der Vernissage.

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Ohne Kommunikation funktioniert Kunst nicht. Klar. Kommunikation ist Kunst und Kunst ist Kommunikation, sie sind Mittel und Zweck in einem – zu gleichen Teilen.

Kein Raum für Nebensächliches

Die Villa Stuck eröffnete gestern die Ausstellung „Common Grounds“, die von Verena Hein kuratiert wurde. Zwölf Werke möchten darin auf eine bestimmte Weise kommunizieren. Das Ziel: Die eindimensionale Medienberichterstattung über den nahen und mittleren Osten zu diversifizieren.

Man spricht in der Kommunikationswissenschaft vom sogenannten Gatekeeper Effekt oder vom Gatekeeper Problem. Die Medien sind eine Schleuse, die Nachrichten und Bilder relevant gefiltert an das Publikum herantragen. Das müssen sie und sollen sie auch, sonst würde das Publikum in einer medialen Flut ertrinken. Der Rezipient kann jedoch nur diejenigen Informationen wahrnehmen, die ihm präsentiert werden, was ihm in den meisten Fällen ein umfassendes Bild eines Sachverhaltes verwehrt. Sein Verständnis einer Region oder Kultur ist monoperspektivisch, verzerrt und verallgemeinert. Das gilt besonders für die Region des Nahen-Ostens: Unser Denken erreichen zwar viele, nicht aber vielfältige Bilder.

Gemeinsame Verständigungsbasis

Die Common Grounds Theorie argumentiert, dass funktionierende – also entideologisierte und entillusionierte – Kommunikation nur durch einen gemeinsamen Wurzelstock an Wissen gewährleistet wird. Person A setzt bei Person B voraus, dass er oder sie verstanden wird, indem eine gemeinsame Informationsbasis besteht. Das kann bei einfachen Dingen wie Grußformeln beginnen und bei hochkomplexen Themen wie IT-Kompetenz enden.

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Einseitiges Wissen

Können wir mit Menschen aus der Region des Nahen Ostens kommunizieren? Dass wir es könnten, bilden wir uns ein. Wir sind schließlich rational denkende Lebewesen. Beide – die Kommunikation muss also funktionieren!

Die Ausstellung Common Grounds stellt das auf die Probe. Haben wir tatsächlich ein vielfältiges Wissen über die Region und Kultur des Nahen Ostens, sodass ein Dialog gelingen kann? Wir wissen nicht wie schön Beirut vor dem Bürgerkrieg war. Wir wissen auch nicht wie die Wege Asylsuchender verlaufen und von Mekka kennen wir nicht mehr als die Kaaba.

12 Künstler, verwurzelt oder wohnhaft im Nahen Osten, schaffen mit der Darstellung ihrer Heimat oder persönlichen Lebensgeschichte ein „Grounding“ zwischen Nahost- und Westmenschen. Auf diese Weise entsteht eine Basis für einen Dialog.

Künstler und Kunstwerke

Bilder sind machtvoll. Sie setzen sich in unserem Bildgedächtnis fest. Durch die verschiedenen Kunstwerke in Common Grounds werden sie in Frage gestellt, indem die Künstler die Herrschaft dieser Mainstreambilder aufzeigen und bewusst Gegennarrative anbieten, indem Bekanntes in einen neuen Kontext wandert.

Eine Postkarte zeigt die mit Hochhäusern bebaute und in Sonnenlicht getränkte Küstenregion von Beirut, die sich entlang des sattblauen Mittelmeeres erstreckt. Das Aufkommen des libanesischen Bürgerkrieges im Jahr 1975 setzte dem Aufkommen der Moderne ein Ende und zeichnete fortan eine Stadt, deren Realität sich von der Idylle auf den Fotos entfernt. Diesen Prozess thematisieren Joana Hadjithomas und Khalil Joreige in der mehrteiligen Serie „Wonder Beirut“. Die Zwei, die sich als Bewahrer des kollektiven Bildgedächtnisses Beiruts betrachten, greifen dabei auf den Fotografen Abdalah Farrah zurück, der mit Negativen experimentierte. Dabei nimmt die einst so glamourös anmutende Fotografie in mehrfachen Kopien zum linken Bildrand an Knicken und dunklen Schatten zu bis zuletzt eine Rot Gelb gefärbte Zerstörung der Oberfläche Chaos und Gewalt der sich zugetragenen politischen Verhältnisse erahnen lässt.

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Spiegel der Gesellschaft

Im zweiten Stockwerk lässt sich die Arbeit von Nasser Al Salem finden, die er „And Also in Your Own Selves, Do You Not See?“ nannte. Auf den ersten Blick ein Spiegel, auf den Zweiten lässt sich bei genauerem Betrachten ein vermeintlich willkürliches Muster aus horizontalen und vertikalen Linien erkennen. Dass es sich hierbei um die arabische Schriftsprache handelt, erkennt der westliche Blick sicher erst nach Lesen der Bildbeschreibung.
Damit bringt der Künstler Elemente aus Architektur und Kalligraphie, westlicher Moderne und Tradition der arabischen Kultur zu etwas gänzlich Neuem zusammen: Etwas Neuem, was er sinnbildlich für die kontroverse und internationale Welt, in der er und viele andere Menschen seiner Generation leben, versteht.

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Mekka – eine unbekannte Stadt

Ganz oben gleich gegenüber des Containers – das Ausstellungswerk “Loos Opium Den – Center for Non-Strategic Reflections on Modernization” von Babak Golkar – reihen sich die drei großformatigen Fotografien des aus Saudi Arabien stammenden Künstlers Ahmed Mater. Dieser machte die Veränderung der heiligen Stadt Mekka zum Sujet seiner Arbeiten. Bilder, welche die Stadt als Zielort abertausender Menschen bei der großen Pilgerfahrt Haddsch zeigt, hinterfragen die Entwicklung des religiösen Rituals hin zu einem internationalen Business, dass den Glauben in den Hintergrund treten lässt. Zwei Helikopteraufnahmen zeigen eng aneinander gepferchte Menschenmassen sowie den gedrängten Wohnraum eines der Slums, die sich aufgrund des Bevölkerungswachstums gebildet haben. Aber auch die unheimliche Wucht des Royal Clock Tower Hotels, welches – von einem deutschen Architekten geplant – eine bessere Sicht auf die im Islam heilige Kaaba bieten soll, passt nicht in das Bild von Mekka, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat.

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Podiumsdiskussion mit Chris Dercon

Am Mittwochabend wurde das Thema Klischees in der Kunst erneut aufgegriffen. Mit einigen Künstlerinnen und Künstlern fand unter Moderation des Tate Modern Direktors Chris Dercon ein Roundtable Gespräch statt. Dass Kunst immer wieder um die Fragen kreist, wer repräsentiert bzw. repräsentiert wird war dabei eine der Feststellungen. Die Tatsache, dass Kunst und zugehörige Institutionen es in Ländern wie Saudi Arabien nicht leicht haben, eine andere. Dabei kam aber auch Unmut einiger Darsteller auf, dass sie als Künstler aus dem Nahen und Mittleren Osten immer wieder in die Nische zwischen geopolitischem Konflikt und postkolonialer Debatte platziert werden. Der ein oder andere machte deutlich, dass es absurd sei, dem Künstler die Rolle des Repräsentanten zuzuweisen – schließlich werde deutsche Kunst auch nicht lediglich im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus betrachtet.

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Künstler Ahmed Mater während der Podiumsdiskusion 

 

Common Grounds läuft noch bis 17. Mai 2015 in der Villa Stuck.

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