Leben

Digital Natives & Immigrants auf dem Zündfunk Netzkongress #zf15

Sina Beckstein

Sina kann sich für Politik begeistern und darüber streiten, weswegen sie auch noch glückliche Politikwissenschaft Studentin ist. München ist Heimat und immer für schöne Erinnerungen gut.
Sina Beckstein

kurz

“Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein zurück. Nimm die blaue Pille — die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was du auch immer glauben willst. Nimm die rote Pille — du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen wie tief das Kaninchenloch reicht.”

Diese Zeilen aus dem weltbekannten Film „Matrix“ heißen so viel wie: Wollen wir uns im schönen Schein der Matrix der Realität entziehen oder wollen wir die Wahrheit herausfinden?

Der dritte Zündfunk Netzkongress des Bayerischen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung am 9. und 10. Oktober verpflichtete sich mit dem Motto „Take the red pill“ der Wahrheitssuche. Wie können wir heute in der digitalisierten Gesellschaft unsere Daten schützen? Werden wir bald von Maschinen beherrscht? Wie hat das Netz unsere Gesellschaft bisher verändert und welche Möglichkeiten eröffnen sich zukünftig?

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„Daten sind das Gold der Digitalisierung“, erklärte Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum Thema Überwachung und Datenschutz. Um unsere Identität im Internet, unsere Daten, zu schützen, müssten Geheimdienste in der ganzen Welt viel stärker kontrolliert werden – die Politik sei hier in der Pflicht. „Eine Anklage wegen Landesverrats hätte es mit mir als Ministerin nicht gegeben“, betonte Leutheusser-Schnarrenberger am Ende.

Kontrolle ist gut, Landesverrat ist besser

Die Rede ist von der Blogger-Plattform netzpolitik.org, die auf dem Kongress mit Markus Beckedahl vertreten war. In atemloser Geschwindigkeit und aufgeregtem Ton eröffnete er den Kongress mit der Geschichte rund um die Anklage wegen ‚Landesverrats‘ gegen das Netzwerk und kam zu dem Schluss: Kontrolle ist gut, Landesverrat ist besser.

Google, Facebook und Co. beherrschen das Internet

Die Hand der Justiz bekam auch Peter Sunde von „The Pirate Bay“ zu spüren. Über das Torrentverzeichnis machte der Aktivist Dateien zum Online-Streaming und Download verfügbar, was den Regelungen des Copyrights widerspricht. Hier sieht er das Problem: Er habe einfach ein anderes Narrativ, eine andere  Sichtweise auf die Welt als die Anwaltskanzleien aus Hollywood, die ihn verklagen. Gerade erst wurde er aus dem Gefängnis entlassen und tut seine Meinung nun öffentlich kund. Google, Facebook und Co. seien als Quasi-Monopolisten des Internets einzustufen, deren Macht drastisch reguliert werden müsste. Das Internet sei eben kein dezentraler, grenzenloser Raum, sondern durch die großen Konzerne zentralistisch organisiert.

DSC03224Was das Internet aber gegenwärtig auch für Möglichkeiten bietet, erklärte Daniel Domscheit-Berg auf konträre Art und Weise: „Das Netz ist grenzenlos. In so einer Welt ist der Begriff der Grenze an sich fast abstrakt geworden.“ Trotz der Diskussion um die Möglichkeiten des Internets wäre es gerade für Flüchtlinge eine riesige Möglichkeit, sich über „die bessere Welt zu informieren“. Mit dem Projekt „Asyl in Deutschland“ engagiert sich Domscheit-Berg für Geflüchtete und hat erkannt, welche zentrale Rolle dabei das Netz spielt. Flüchtlinge können sich über Google Maps orientieren, eine neue Sprache lernen und mit ihrer Familie in Kontakt bleiben – überall auf der Welt. In einem fremden Land ist diese digitale Informationsmöglichkeit lebenswichtig.

Und nicht nur dort, wie Sammy Khamis in seinem einmaligen Vortrag zeigte. Er nahm live Kontakt mit einem Schlepper über Whatsapp auf und zeigte, wie einfach es ist, über Facebook-Gruppen an Schleuser und Karten für die Flucht zu gelangen, die detailliert Auskunft über die besten Wege und Routen geben. Das Smartphone wurde dabei zur Dokumentationsmöglichkeit und zum Fluchthelfer, ohne dabei „zum heiligen Gral der Flucht“ erhoben werden zu sollen.

„Selfie-Extremismus“

Social Media wird aber nicht nur von Flüchtlingen genutzt, sondern auch von denen, die häufig die Flucht auslösen. Terroristen bedienen sich immer öfter des Internets, um ihre Propaganda zu verbreiten. Gerade der IS hätte durch seine sehr professionelle Medienarbeit wie den „Mujatweets“ einen „Jihad 3.0“ geschaffen. Die Gefahren dabei sieht Stephan Cristoph, der sich mit dem Phänomen in seiner Masterarbeit beschäftigte, auch in der Dämonisierung des Internets.

„Niemand hat je wegen einer Online-Debatte seine Meinung geändert. Niemand.“

Das ‚böse Internet‘ ist auch in der aktuellen Debatte um Hate Speech und Posts gegen Migration bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken wieder aktuell. Linus Neumann zeigte, wie man seiner Meinung nach den ‚Trolls‘ entgegenwirken kann: mit viel Humor und gewiefter Isolation. Er hält es für nicht effektiv, den Trolls immer wieder ein Forum und eine Diskussionsmöglichkeit zu geben: „Niemand hat je wegen einer Online-Debatte seine Meinung geändert. Niemand.“ Oder wie Hans Söllner es ausdrückt: „Die Arschlöcher lassen sich von ‘am Arschloch auch leichter überzeugen als von ‘am Nicht-Arschloch.“

Dennoch ging es auf dem Netzkongress auch viel um die Zukunft, Chancen und Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft.

Anke Domscheit-Berg zeigt eindrucksvoll, wie durch den 3D-Druck Produktionsmittel für alle zugänglich gemacht werden können. Der Druck von Autos, Möbeln und Gipsen bis hin zu Köperteilen, Haut und Fleisch könnte den kompletten Produktionsprozess verändern und letztendlich auch demokratisieren. Die gedruckten Waren könnten lokal und unter weniger Energie und Zeitaufwand produziert werden, also eine Art „Reverse-Globalisierung“. Wie weit die maschinellen Fähigkeiten gehen können, wurde in der Diskussion zwischen dem Journalisten Hans-Arthur Marsiske und der Philosophin Janina Sombetzki deutlich. Bereits jetzt gibt es Sex-, Arbeits- und Verteidigungsroboter, die menschliche Aufgaben übernehmen können. Die Gefahr, in einer Gesellschaft mit übermächtigen Maschinen à la Terminator zu leben sei real, stimmten die Diskutanten überein. Dadurch müssten wir uns viel mehr auf die grundlegenden Fragen der Menschheit besinnen – wie wollen wir diese Maschinen programmieren und welchen Gesetzen sollen sie folgen? Was ist „die richtige“ Ethik? In Szenarien, in denen selbstfahrende Autos über Leben und Tod entscheiden könnten, müssen solche Überlegungen folgen.

Von Angst vor Kapitalismus bis zum Sex-Operator

Maschinelle Produktionen und die Übernahme von Aufgaben kann aber auch positiv für die Gesellschaft sein – vorausgesetzt, deren Ertrag wird gerecht umverteilt. Stephen Hawking sagte dazu in einem Reddit-Ask-Me-Anything, er habe viel mehr Angst vor dem Kapitalismus als vor den Robotern.

Natürlich gab’s auch rund um die ernsten Debatten was zum Lachen: die Ausrutscher von Promis wie Miley Cyrus auf Instagram gehören genauso zu unserer digitalen Welt wie die Zugänglichkeit zu Pornos und entsprechenden Portalen. Von dem „Sex-Operator“ Tobias Langer konnte man dadurch erfahren, was einen Luftballon-Fetischisten so anmacht. Der Student beantwortet per SMS und Online kostenpflichtige SMS, die auch mal Anfragen wie diese enthalten:

luftballon

 

Beim Zünfunk Netzkongress gab es neben Workshops und einer Party insgesamt über 35 Vorträge und Diskussionen. Allen Digital Natives und Digital Immigrants ist der Kongress wärmstens zu empfehlen!

 

Fotocredits: Nico Pfau

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