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Fake News: „Die Nerven“ im Interview zu Album und Konzert am 28. April im Strom

„Die nerven, Die Nerven“ sagte einmal ein Bekannter von mir. Ständig kämen sie mit guter Musik ums Eck und dann kommt man doch wieder nicht um sie herum. Auch wenn ich diese Meinung nicht teile (also dass sie nerven), so gehören künstlerische Lebenszeichen der Band für mich doch zu den erfreulichsten Nachrichten aus deutschen Musikstudios. Da ging in den letzten Jahren ja auch plötzlich wieder viel: Friends of Gas, Die Nerven, Drangsal, Schnipo Schranke, Gurr, Trümmer, Isolation Berlin – um nur mal die Speerspitze zu nennen.

Jetzt heißt es für die erste Garde dieser jungen Bands: Nachlegen! Neue Alben, neue Touren, neue Supportbands, die vielleicht ihrerseits bald ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Das neue Album „Fake“

Die Nerven haben viel gemacht, seit „Out“ 2015 erschien: Fast jedes Bandmitglied hat noch so eine Hand voll Nebenprojekte, die Theateradaption von Frank Witzels mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ hat das Trio musikalisch untermalt und nicht zuletzt hat die Band immer wieder an einem neuen Album gearbeitet, das seit 20.4. in den Läden steht.

Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um mal zu reden. Auf die Bühnen zieht es die Herren im Rahmen der Veröffentlichung von „Fake“ natürlich auch wieder demnächst und sie besuchen im April unter anderem München (siehe Info-Box unten). Julian Knoth, Sänger und Bassist, stand uns am Telefon Rede und Antwort.

Julian(*Callcenterstimme immitierend*) Guten Tag, Sie sind verbunden mit Julian Knoth.

MUCBOOK: Hallo Julian, hier Florian von MUCBOOK aus München. Gebt ihr schon fleißig Interviews?

Julian: Ja genau, wir sind ja momentan in Düsseldorf bei unserer Promo-Agentur und die letzten beiden Tage waren wir in Berlin und haben da Interviews gegeben und dann geht’s später auch noch weiter nach Stuttgart.

„Glaub nicht alles, was ich sage“ heisst es in einem Song eures neuen Albums. Darf ich dir trotzdem glauben, was du heute im Interview sagst?

Julian: … (Schweigen)

Sollte nur ein schlechter Scherz sein.

Julian: Achso. (lacht)

… beziehungsweise eine Überleitung zum eigentlichen Thema. Ich habe den Pre-Listening-Link zu eurem neuen Album „Fake“ von Dennis bekommen. Wie denkst du, dass sich das neue Album in euer Gesamtœuvre einfügt? Was hast du da für ein Gefühl?

Julian: Für mich fühlt es sich an wie eine logische und natürliche, sehr gute Weiterentwicklung von uns. Bei den letzten Alben ging es eher darum, alles möglichst rough zu machen und den Live-Moment einzufangen. Das haben wir mit diesem Album eigentlich abgelegt. Wir haben diesmal gesagt: Wir wollen auch Overdubs drauf haben, wir haben von Song zu Song gedacht und nicht so versucht ein „Album“ zu machen. Es war auch einfach eine detailliertere Arbeit vom Entstehungsprozess her. Ich denke, auf diesem Album haben wir es viel besser als noch davor geschafft, uns weiterzuentwickeln, aber auch unsere Stärken weiter auszubauen und zu kanalisieren. Eben detailreicher zu arbeiten mit vollem Bewusstsein für die Songs und das Album.

Die Songs sind alle über einen sehr langen Zeitraum entstanden. Es gab 2015 schon erste Demos, die wir bei Soundchecks gemacht haben. Dann haben wir 2016 während der Theatertour in Stuttgart und Berlin angefangen, einige Songs auszuarbeiten. Mitte 2016 und Anfang 2017 haben wir mehrere Tage „Bootcamp-Songwriting-Sessions“ gemacht, da haben wir Sachen wirklich sehr intensiv verarbeitet und weiter ausdefiniert. Wir haben diesmal auch so eine Art Vorproduktion gemacht, wo wir von den Arrangements schon mal so weit wie möglich alles abgeklärt hatten. Wir sind also auf ne ganz andere Art und Weise vorbereitet ins Studio gegangen. Letztendlich – ich glaube vor allem im Vergleich zu anderen Bands – geht das, was wir machen immer relativ schnell. Es ist aber auch immer eine sehr intensive und konzentrierte Zusammenarbeit, wenn wir zusammen Musik machen.

Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis? Besteht nicht die Gefahr, dass man sich als Band dabei in Details verheddert und das Unmittelbare verliert?!

Julian: Nein, eigentlich nicht. Das Gefühl habe ich gar nicht. Eine Zeit lang war man zu nahe dran, aber als das Album dann tatsächlich fertig war, dann war es zumindest mir persönlich sehr sehr klar, dass wirklich alles aufgegangen ist und alles auf dem Album genau seinen richtigen Platz hatte – musikalisch wie textlich. Ich verspüre da schon einen leichten Stolz, diese Strapazen überstanden zu haben und am Ende so ein tolles Werk in den Händen zu halten.

Ich finde – auch jetzt wo ich das neue Album gehört habe – dass ihr schon einen sehr profilierten Sound habt. Man merkt: Das sind Die Nerven. Ihr habt etwas Dringliches und Eindringliches. Das lässt den Zuhörer nicht kalt, sondern es geht schon eher ans Eingemachte.

Julian: So ist auch die Arbeit unter uns. Das hab‘ ich auch gemeint mit diesem ganzen Detaildruck und den Erwartungen, die wir uns selbst gegenüber hatten. Diese intensive Zusammenarbeit, das geht natürlich ans Eingemachte, aber das für mich Schöne ist, dass es spürbar geworden ist, dass es wirklich sehr sehr intensiv ist, wenn wir zusammen Musik machen. Dass wir es geschafft haben, dieses Gefühl zu übertragen auf die Platte. Wenn du mir jetzt sagst, dass kommt bei dir an, dann ist für mich eben alles aufgegangen, was ich mir gewünscht habe.

Ihr habt auch einen deutlichen Bezug zu Post-Punk und Grunge: also zu den Subkulturen der 80er und 90er Jahre. Unter den vielen deutschen alternativen Bands, die momentan auch im Popdiskurs stattfinden, vielleicht sogar den Deutlichsten. Gleichzeitig seid ihr aber kein Fall für die Nische, sondern ihr erreicht schon eine relativ allgemeine Hörerschaft?

Julian: Ja, es war uns auch sehr sehr wichtig, für andere verständlicher zu machen, was wir eigentlich wollen. Wie du gemeint hast, es hat Profil. Es ist greifbarer geworden, finde ich, dieses Album jetzt – im Vergleich zu den Alben davor. In allem, was die Songs so wollen. Früher war alles intuitiver und wir sind manchmal in einem Song auch so ein bisschen geschwommen und jetzt habe ich das Gefühl, es hat alles seinen Platz und geht eben auch über Subgenres hinaus und funktioniert vielleicht auch für Menschen, die mit den Subgenres gar nichts zu tun haben und die diesen ganzen Unterbau nicht haben.

Eure Band strahlt wenig Artifizielles aus – der Albumtitel „Fake“ steht da im Kontrast dazu.

Julian: Ich sage mal, das ist ja eine total aufgeladene Worthülle. In den letzten Jahren war das omnipräsent. Für mich gehört Albumtitel und Aufmachung alles zu einem Ding. Für mich ist ein Album letztlich auch ein Kunstprodukt im Gesamten: wenn ich das in der Hand halte und die Hülle habe und aufmache oder die LP raushole. Auf eine bestimmte Art und Weise gehen wir natürlich mit ein wenig Konzept da ran, aber meistens passiert dann doch wieder was ganz anderes, was wir nicht in der Hand haben.

Du hast ja gerade gemeint, dass es dich packt. Das ist ja nichts, was wir irgendwie erzwingen, das passiert halt. Und sowas kann auch nur passieren, weil du kannst nicht irgendwie so tun. Man kann ja eine „Realness“ nicht erzwingen, finde ich.

Eine andere Textzeile lautet da: „Sei niemals du selbst“. Das klingt ja total ironisch, aber andererseits ist es so eindringlich vorgetragen, dass es fast zwingend zum Nachdenken anregt. Es ist kein ironischer Hipster-Spruch.

Julian: Nene, gar nicht. Die Textzeile ist ja: „Finde niemals zu dir selbst“.

Genau, „Finde niemals zu dir selbst“.

Julian: Das ist für mich tatsächlich so. Also dieses Lied richtet sich gar nicht gegen irgendetwas. Das ist auch nicht so Hipster-mäßig. Ich will auch niemandem verbieten, dass er auf die Suche nach sich selbst geht – ich denke bloß, dass diese Suche an sich einfach das Spannende und Schöne ist. Jeder von uns ist auf einer Reise und letztendlich auch auf einer Suche. Es gibt Höhen und Tiefen. Ich will es gar nicht wertend sehen – mir ging es manchmal zu oft nur darum – um das Ziel. Aber ich finde, das Ziel ist nicht spannend – sondern die Suche und der Prozess. Das ist es, was spannend ist und was Leben ist.

„Der Weg ist das Ziel“ ist da natürlich die abgegriffene Formel…

Julian: Genau, das wollte ich ja auch nicht singen. Ich weiß auch noch nicht, wer ich bin. Ich weiß auch nicht, ob ich das jemals finden werde. Ehrlich gesagt will ich das gar nicht finden. Vielleicht ist das einfach auch ein Antrieb, ein künstlerischer Antrieb.

Wer sind die „realsten“ im deutsche Game? Wer inspiriert euch? Wen hört ihr gerne?

Julian: Das hat jetzt nichts mit Inspiration zu tun – aber ich finde immer dass die „Friends of Gas“ eine Band sind, die einfach total real sind. Ich kenne eigentlich schon fast alle Bandmitglieder noch von davor, also bevor sie die „Friends of Gas“ gemacht haben. Weil der Thomas zum Beispiel auch Tourbegleiter von uns ist und die Veronica schon Konzerte von uns veranstaltet hat, bevor es FOG gab. Sie hatten auch ihren ersten Auftritt in unserem Vorprogramm. Ich finde, die sind einfach so sehr sehr bei sich – als Gruppe und Band. Unfassbar real, was die machen… und „Yung Hurn“ ist auch sehr real. Also das ist jetzt ernst gemeint. Auch in einem Hip Hop-Kontext, wo es soviel um Realness geht und er es halt wirklich durchzieht, die Sachen auch mal voll anders zu machen. Wie real der dann aber wirklich ist, weiß ich nicht, bei „Friends of Gas“ weiß ich es einfach ganz genau, weil ich sie auch persönlich kenne.

Frage am Ende immer: Was sind deine drei Lieblingsplatten? Da hast du doch sicher ’ne Antwort parat, weil man das oft gefragt wird?

Julian: Das werde ich tatsächlich nicht so oft gefragt und es ist natürlich immer schwer zu entscheiden. Eine Platte, die mich sehr geprägt hat, ist die letzte Platte von Fugazi: „The Argument“. Die ist für mich wahnsinnig wichtig – schon sehr sehr lange. Eben dass sie auch mit Ian MacKaye (Sänger von u.a. auch „Minor Threat“ – Anm. d. Red.) und Piciotto diese zwei Frontmänner haben, die so aufeinander prallen bei den Konzerten, wie sie dann aber auch spielen mit dieser Energie auf der Bühne. Ich habe Fugazi natürlich nie live gesehen, aber für mich ist „The Argument“ einfach auch ’ne richtig tolle Platte.

Was ist denn noch wichtig?! Ich habe gerade so ’ne krasse „Talking Heads“-Phase, weil ich die erst letztes Jahr so richtig entdeckt habe. Ich kannte natürlich einige Songs, aber ich habe dann „Stop Making Sense“ gesehen und plötzlich ging’s so los, dass ich mich so krass damit beschäftigt habe. Das hat mich irgendwie so richtig richtig krass geflasht, wie schon lange nichts mehr. So als Band im Gesamtkonstrukt. Da wird es jetzt natürlich schwierig, dass ich mich auf eine Platte festlege. Ich sage jetzt mal „More Songs About Buildings And Food“. Die zweite Platte also, weil da noch dieser Schritt zwischen Punkband und dieser Weiterentwicklung auf „Fear of Music“ (Album Nummer drei von Talking Heads – die Red.) war, wo es dann irgendwie mehr funky wurde und auch mehr Einflüsse reingekommen sind. Mir gefällt auch auf „More Songs About Buildings And Food“ einfach diese New-Wave, Punk, Post-Punk – wie auch immer Art-Punk-Haltung, die noch relativ reduziert ist. Da sind auch hammermäßige Bassläufe drauf. Jetzt noch ne dritte?! Schwierig…

(Die anderen Drängen langsam darauf, los zu gehen, es gilt zu den nächsten Interviews als Band weiter zu ziehen.)

Julian: Ich sage jetzt mal noch eine deutschsprachige Platte, die für mich auch ein Impuls war zu sagen: Ok, hey, ich will einfach auch selber Texte schreiben und singen und das so machen. Eine Platte, die mir Mut gegeben hat, das zu machen ist die „Lenin“ von den Goldenen Zitronen.

Danke für’s Gespräch, Julian.

Julian: Danke dir. Schönen Tag noch.

 

+++Verlosung+++

Für das anstehende Konzert im Strom gibt´s außerdem 2×2 Tickets zu gewinnen bei uns. Einfach kurz auf Facebook rüber schauen. Das Album „Fake“ erscheint am 20. April.


In aller Kürze:

Was? Die Nerven – Fake Tour München
Wann? Samstag, 28. April 2018 | 20.00 Uhr
Wo? Strom, Lindwurmstraße 88, 80337 München

Tickets: Bei Club zwei ab 19,15EUR


© Beitragsbild: David Spaeth / Bandfoto: © Christian Bendel

 

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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