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Frei&Liebe (2): Fuck Valentinstag – Happy Herzschmerz!

Sharon Brehm

ist in München verliebt und in der Welt zuhause - und damit unverschämt glücklich. Weil Liebe ihre Passion ist, ist sie systemische Paartherapeutin & Love Coach: lovemoves.de
Sharon Brehm

Die monatliche Liebeskolumne von Sharon Brehm

Einer meiner Lieblingsmünchner sagt: „Wenn es regnet, dann freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.“ Ein schlauer Mann, dieser Karl Valentin. Einfach weil man diesen Spruch nicht nur auf das Wetter, sondern auf fast jede andere Lebenslage anwenden kann: leerer Kühlschrank, Unistress und das Singledasein.

Aber eben nur fast. Das alljährliche Valentinstagsbrimborium macht es einem wirklich schwer, bei guter Laune zu bleiben. Denn selbst bei Kerzenschein und Dessert in der L’Épicerie d’Anne-Marie hätte ich das Gefühl, dass das weder der passende Tag, noch die passende Art ist, mi Amore zu feiern. Nicht die Liebe zu der einen, ganz besonderen Person definiert für mich Valentinstag, sondern überteuerte Blumensträuße, exorbitante Erwartungen und die Überschreitung zur Grenze des Kitsches.

Welcome to Self-Doubtingham!

Für Singles – und in München ist das die Mehrheit – wird der 14. Februar zusätzlich zu einem Symbol ihrer Unvollständigkeit. Valentinstag ist wie ein total angesagter Club und dem Türsteher gefällt deine Nase nicht. Das Resultat ist, dass man sich mindestens ein bisschen unbegehrt fühlt. Welcome to Self-Doubtingham!

Meine Gedanken drehen sich dann darum, warum selbst die Ulli mit Mundgeruch jemanden hat, während ihre zweite Hälfte, eine Kombination aus Muttersöhnchen und Macho, auch nicht meins wäre. Und vielleicht bin ich ja zu dick (mit Kleidergröße 34) oder zu chaotisch oder zu ängstlich, nicht mehr beziehungsfähig und sowieso wahnsinnig gestört.

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Valentinstag ist so unschön, weil er verdeutlicht, dass wir beziehungstechnisch nicht dort stehen, wo wir (mindestens) gesellschaftlich stehen sollten – an der Seite einer anderen Person. Und das wiederum konfrontiert uns damit, dass wir alle irgendwo ein verwundetes Herz herumliegen haben, die letzte Verletzung noch nicht lang genug her ist, um sie zu vergessen, der nächste Schmerz nur um die Ecke wartet.

Natürlich kann man einen Alternativplan mit der Besten aushecken. Verreisen, in eine Konditorei einbrechen, sich endlich die Komplimente sagen, die man ansonsten nur denkt, bis Mittag feiern, Schnulzen gucken, den ganzen Tag im Fenster vom Sobicocoa sitzen – Hauptsache die Liebe zu uns selbst, zur Liebe Generale steht im Zentrum. Aber trotzdem bleibt der bittere Nachgeschmack, so als hätte man sich von etwas ablenken müssen. Warum können wir uns nicht freuen, wenn wir traurig sind? Warum können wir nicht unglücklich glücklich sein?

Warum wir leiden

Früher hatten Liebesleiden einen Sinn. Das Christentum sowie die Aristokratie und die Romantik verklärten, jede Zeit auf ihre Weise, die komplette Bandbreite an Liebeserfahrungen. Dabei wurde auch Herzschmerz idealisiert. Egal, ob es um das Verlassen werden, die unerwiderte Liebe oder schlicht die Sehnsucht nach einer Person ging – emotionale Katastrophen gehörten unweigerlich zu den Wunden, die Amors Pfeil anrichtet. Oftmals diente Trauer sogar als Indikator für die Ernsthaftigkeit, die Bedeutsamkeit der inneren Zuneigung. Oder es brachte jemanden näher zu Gott, machte aus ihm einen besseren, wissenderen Menschen.

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Heute allerdings haben wir keine Zeit für Schmerz und stürzen uns schnell in die nächste Ablenkung. Wir haben keine Lust, dass unsere Tragödien uns definieren. Wir wollen unversehrt sein und verzweifeln daran, dass wir es nicht sind, halten jede Schramme für einen nicht zu verzeihenden Makel.

Dabei wissen wir – wenn wir einmal in Ruhe in uns gehen, durchschnaufen, loslassen – dass es ein Privileg ist, dass wir diese Nähe einmal zulassen durften. Dass die Intensität unserer Gefühle vom Gewicht des Vergangenen und dem Zauber der Zukunft herrührt. Dass es ein Geschenk ist, das Schöne mithilfe unserer Trauer in unserem Leben zu behalten. Ohne all die kleinen und großen Verletzungen unserer Seele könnten wir wohl weniger Geschichten erzählen, würden uns weniger lebendig fühlen, wären weniger weise, wären weniger stark – wären schlussendlich weniger wir.

Vielleicht sollten wir versuchen, uns mehr auf uns selbst einlassen. Um den eigenen Schatten voll und ganz zu lieben, die eigene verhasste Traurigkeit zu zelebrieren. Also, Leute. Happy Herzschmerz!

 

Fotocredit: Unsplash

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