Aktuell, Große Wörter, Kolumnen, Münchenschau, Stadt

„Global gesehen leben wir im Paradies!“ Zwei Experten über Sicherheit in München

Leonie Meltzer

Her mit den Wörtern, den großen der Zeit, den prägenden, die jeden betreffen und über die wir diskutieren. Angst, Hass, Liebe, Mut? "Wieso, weshalb, warum?", frage ich mich und fange eure Münchner Stimmen ein über all jene Wörter, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen.
Leonie Meltzer

Sicherheit und Unsicherheit stehen sich gegenüber: „Ich fühle mich hier wohl“, sagt die eine. „Komm, lass uns lieber gehen“, erwidert die andere misstrauisch.

Sicherheit: ein gewagtes Thema

Sicherheit ist ein Wort, das nach den Terroranschlägen von London, Paris, Brüssel, Nizza oder Barcelona ein Dauerbrenner unter den großen Wörtern geworden ist – viel zu oft in Verbindung mit Terror und Angst.

Am Samstag startet zum 184. Mal das Oktoberfest, ein Ort der großen Menschenansammlungen. Wie gehen wir um mit dieser „abstrakt hohen Gefährdungslage“, von der Polizeivizepräsident Werner Feiler bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Sicherheitskonzepts für die kommende Wiesn sprach?

Ich habe mich mit zwei Experten über das Thema Sicherheit in München unterhalten und sie unter anderem gefragt: Was bedeutet eigentlich „sicher“? Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Müssen wir ab sofort Menschenansammlungen meiden?

Die Sicherheit des Einzelnen

Sicherheit, das steht doch eigentlich für Geborgenheit, Stabilität, Verlässlichkeit und Wohlbefinden. Die Familie kann Sicherheit bedeuten. Der Partner. Die eigene Wohnung.

„Sicherheit hat viel mit Psychologie und der individuellen Einschätzung zu tun.“ – Walfried O. Sauer

„Es genügt oft schon, dass man sich auf unbekanntem Terrain bewegt und sich damit unsicher fühlt“, findet Herr Sauer. Er ist Experte in Sachen Sicherheit, denn er hat für lange Zeit bei der Terrorfahndung und beim SEK gearbeitet. Mit seiner Firma, der Result Group, berät er weltweit Unternehmen bei der Abwehr von kriminellen Angriffen.

Für ihn hat Sicherheit etwas mit Selbsteinschätzung zu tun: „Sicher fühle ich mich, wenn ich die kalkulierbaren Risiken kenne und Vorsorgemaßnahmen etabliert habe. Sicherheit hört für mich auf, wenn ich 100 Prozent Sicherheit anstrebe. Die wird es aber nie geben“, erklärte er mir im Interview. Nicht über Sicherheit denken zu müssen, gehört für ihn ebenso dazu: „sich einfach frei und unbeschwert bewegen“, das sei für ihn Sicherheit.

Walfried O. Sauer ist Gründer der Result Group, „eines der international führenden Beratungsunternehmen für Risiko- und Krisenmanagement“. Er war außerdem zum Beispiel schon beim Sondereinsatzkommando (SEK) und bei der Terrorfahndung (TEF) tätig. Mehr Infos über Walfried O. Sauer findet ihr hier.

Wie sicher kann eine offene Gesellschaft sein?

Das Thema Sicherheit, gerade auch in Bezug auf den internationalen Terrorismus, ist zu einem omnipräsenten Thema geworden. „Absolute Sicherheit gibt es nirgendwo“, sagt Michael Bauer, Politikwissenschaftler und stellvertretender Vorsitzender von MEIA Research, einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel es ist, die interkulturelle Kommunikation zu stärken.

Michael Bauer studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie an der LMU und ist heute stellvertretender Vorsitzender von MEIA Research. Er beschäftigt sich unter anderem mit regionaler Sicherheit und politischen Entwicklungen im Mittleren Osten, Europäischer Integration, Sicherheitspolitik und Terrorismusforschung.
Mehr Infos über Michael Bauer findet ihr hier.

Bauer hat sich umfangreich mit Fragen zu Sicherheit und Terrorismus beschäftigt und zahlreiche Publikationen dazu verfasst. Bei Terror gehe es darum, Wahrnehmungen zu formen und Ängste zu schüren. Wenn man sich das bewusst mache, so Bauer weiterhin, sei diese Erkenntnis hilfreich bei der Bekämpfung des Terrorismus. Man müsse vor allem die Angst vor Terrorismus bekämpfen.

Der tatsächliche Effekt von Terrorismus entfalte sich vor allem, wenn darüber gesprochen und berichtet werde. Das Wissen über das Risiko vor einem Terroranschlag habe einen ganz anderen psychologischen Effekt auf die Menschen, als die Risiken im Alltag. „Von den Anschlägen wird natürlich weltweit berichtet. Es gibt entsprechende Bilder, die jeder kennt. Entsprechend entsteht dann auch der Eindruck einer gewissen Omnipräsenz in der öffentlichen Wahrnehmung zu diesem Risiko und deshalb wird das Thema Terrorrisiko zu einem zentralen Thema der sicherheitspolitischen Debatte“, erklärt er.

Trotzdem findet Bauer: „Wir sind eine offene Gesellschaften und wir müssen mit Unsicherheiten leben können“. Eine offene Gesellschaft bedeute auch, dass es Verwundbarkeiten gebe. „Sicherheitsorgane werden nie vollständig eine Umgebung schaffen können, die all diese Verwundbarkeiten beseitigt. Darüber muss man sich klar sein“.

In Relation zum „großen Ganzen“

Als Normalbürger, so Bauer, solle man sich klar sein, dass das Risiko Opfer eines Terroranschlags zu werden absolut gering sei. Eine Reihe von Alltagstätigkeiten, wie Autofahren oder Ski zu fahren, ist viel gefährlicher, erklärte der Terrorismus- und Sicherheitsexperte. Deshalb schlägt er mehr Gelassenheit vor. Auch Walfried Sauer sieht das so: „Global gesehen leben wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Paradies“.

Oktoberfest meiden?!

Natürlich muss jeder in erster Linie für sich selbst entscheiden, ob er Menschenansammlungen meidet oder nicht. „Wer auf die Wiesn geht, muss sich darüber bewusst sein, dass ein latentes Risiko besteht“, sagt Sauer. Er habe außerdem Vertrauen in das Tun der Münchner Polizei und werde sich deshalb den jährlichen Wiesn-Ausflug nicht nehmen lassen.

„Ich weiß, dass die zuständigen Sicherheitsbehörden die Lage sehr genau beobachten, die Gefährdung realistisch einschätzen und die entsprechenden und notwenigen Maßnahmen stattfinden“.

Auch Herr Bauer, dessen Forschungsschwerpunkt unter anderem auf Fragen der regionalen Sicherheit liegt, findet: „Von Terror würde ich mich jetzt nicht abschrecken lassen. Die Polizei hat ihre Konsequenzen gezogen auch aus den Anschlägen in Nizza und Barcelona. Gerade auch, wenn es um Großveranstaltungen wie das Oktoberfest geht.“

Ich werde auch auf das Oktoberfest gehen, denn ich bin der Meinung, man darf dem Terrorismus nicht den Raum zur Einschüchterung und Angstverbreitung geben. Genau das soll ja erreicht werden. Deshalb: Lasst uns gemeinsam mutig sein!

Eine monatliche Kolumne der großen Wörter. Danke an die beiden Experten, die sich die Zeit genommen haben und mit mir über ihre Gedanken zum Thema Sicherheit gesprochen haben.


Beitragsbild (überarbeitet): ©Pexels

No Comments

Post A Comment

Die Start-up Ausgabe

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons