Kultur

Hans und Helga und die Kunst

Jana Edelmann
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Die Münchnerin Jana Edelmann schreibt über das Leben in einer fremden Metropole. Istanbul auf mucbook. Mit offenen Augen. Und bayerischem Herzen. Kolumne 6: Klischees als Kunstmotiv. Was geben nationale Kategorien für Kreative her? Ein Besuch in der Ausstellung „Hans und Helga“.

Ausstellungseingang

So eindeutig deutsch ist nur der Ausstellungeingang - die Arbeiten dahinter hinterfragen nationale Kategorien und Klischees

Der typische Deutsche ist bierbäuchig, blass, blond und ein bisschen blöd. Er heißt Hans. Die typische Deutsche ist drall, meist auf Männerfang und trägt gern Dirndl mit tiefem Dekolleté. Auch sie ist blond und groß, ihr Name ist Helga. Zusammen machen sie gern Urlaub in all-inclusive Anlagen in Antalya und verbrennen sich dabei ihre Schwarten. Soviel zu den türkischen Klischees über Deutsche – nicht weniger unschmeichelhaft und unzutreffend wie die deutsche Volksmeinung zu den angeblichen türkischen Prototypen Ayse und Ali. (Erinnert sei nur an die peinliche Debatten über „Kopftuchmädchen“ und genetisch mangelhafte Intelligenz von Muslimen in diesem Jahr.) Vorurteile über andere „Völker“ kommen meist dumm-dumpf daher, keine Frage. Manchmal können sie aber auch Anstoß zu kritischer Auseinandersetzung, gar zu künstlerischer Aktivität sein. Wie in diesem Fall.

Mit „Hans und Helga“ Istanbuler Gallerie Cda Projects hat die typisch-deutsch Diskussion dem Stammtisch-, bzw. Kaffeehausmilieu entrissen und zum Ausstellungsthema gemacht: Gibt es deutsche Kunst überhaupt? Sechs Künstler aus Deutschland und eine Performancegruppe haben darauf ihre Antworten gegeben. Die sind manchmal ironisch-klischeehaft, mal provozierend, einige lassen den Betrachter schmunzeln; alle Arbeiten spielen mit nationalen Stereotypen, keine bestätigt sie. Kunst passt halt nicht in eine nationale Schublade, genauso wenig wie das Leben.

Hier einige Beispiele für die nicht-deutsche, deutsche Kunst aus „Hans und Helga“


Motoko Dobashi - Moderne Bergwelten und der Biedermaier

Motoko Dobashi - Moderne Bergwelten und der Biedermaier

Die Wahlmünchnerin Motoko Dobashi etwa hat die Berge zu ihrem Thema gemacht –  mit japanisch-westlichem Stilmix, auf kleinformatigen Papierzeichnungen und auf einer raumgreifenden Wandmalerei.  Mit ihren futuristischen Felslandschaften will die gebürtige Japanerin „eine neue Form von Bergidyll in der modernen Gesellschaft“ entwerfen und Rückzugsmöglichkeiten vor sozialen Zwängen zeigen. Sie bezieht sich dabei ganz offen auf den als spießig-langweilig verschrienen Biedermaier und die Innerlichkeit des 19. Jahrhunderts.

Rudolf Reiber: "Unter vier Augen" - Pornoszenen zu Waltzermelodien

Rudolf Reiber: "Unter vier Augen" - Pornoszenen zur Waltzermelodie

Durch ein kleines Loch kann der Besucher stark geschminkten Damen ins Gesicht sehen, die ihrerseits blicken lasziv-verführerisch, professionell-aufreizend zurück. Und alles im Dreivierteltakt. Rudolf Reiber montiert in der Videoinstallation „Unter vier Augen“ Frauengesichter aus Pornoszenen zu Waltzermusik. Hochkultur und Triebbefriedigungsmaschinerie laufen im gleichen Takt, jedenfalls solange der Besucher in der Voyeurrolle verharrt.

Emanuel Fanslau: Raum und Reise - Münchner Frottage-Studio in Istanbul / Aus Traum wird Ding: Crash Lamps

Emanuel Fanslau: Raum und Reise - Münchner Frottage-Studio in Istanbul (hinten); Aus Traum wird Ding: Crash Lamps (vorn)

„Mit Hilfe von Frottage kann ich die Aura eines Raumes transportieren“ – der Münchner Emanuel  Fanslau hat die Oberfläche seines Münchner Studios auf Leinwand übertragen und in Istanbul in Form dreidimensionaler Objekte wieder aufgebaut. Auch bei den Crash Lamps ist die Veränderung des Bezugortes entscheidend: Scheinwerfer aus deutschen Autowracks werden in Istanbul zu Designobjekten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. Oktober in der Casa dell`Arte- Galerie (Istiklal Caddesi,  Misir Apartment 163, 3. Stock) in Beyoglu zu sehen.

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