Aktuell, Kultur

„Ich schreibe sehr missverständlich“ – Ein Gespräch mit Schriftstellerin Ronja von Rönne

Stefanie Witterauf

Stefi ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Neologismen, Dadaismus und Kaffee. Den trinkt sie am liebsten auf Reisen. Bevor sie dreißig Jahre alt wird, möchte sie alle europäischen Hauptstädte gesehen haben.

www.pfefferminzas.tumblr.com
Stefanie Witterauf

Ronja von Rönne (26) ist bekannt geworden, weil sie aneckt. Einen Shitstorm hat sie mit ihrem provokanten Text „Warum mich Feminismus anekelt“ in der Welt vor drei Jahren ausgelöst. Seither ist sie die freche Autorin, die Politikern in der ARD-Wahlsendung „Überzeugt uns!“ ins Wort fällt, in Popmusikvideos mitspielt und seit letztem Jahr regelmäßig für Die Zeit eine Kolumne veröffentlicht.

Auch auf ihrem Blog Sudelheft stellt sie Texte online. Ihre Begabung, mit Worten umzugehen, ist unumstritten. Ihr Inhalt umso mehr. Anfeindungen gibt es von links, von rechts und vor allem im Netz. Wir haben uns mit ihr nach ihrer Lesung zu ihrem zweiten Buch „Heute ist leider schlecht“ in München getroffen. Gesprochen haben wir über ihre klare Haltung zu nicht ganz so konkreten Meinungen, den Hasskommentaren im Internet und über missverständliche Formulierungen.

 

MUCBOOK: Du wirkst ganz schön gestresst.

Ronja von Rönne: Ich bin eigentlich schüchtern und finde es komisch, nach der Lesung mit allen zu reden. Und ich habe Freunde in München, die ich sonst nicht sehe. Weil ich München sonst meide.

Schüchtern? Wirklich?

Ich glaube es ist eine verquere Schüchternheit. Ich fühle mich wohl auf Bühnen und habe kein Problem, ins Fernsehen zu gehen. Es ist eher der direkte Kontakt, wo ich nicht einfach abhauen kann. Weil die Rolle nicht klar definiert ist. Auf der Bühne habe ich eine klare Rolle. Und die kann ich erfüllen und weiß, wer diese Person ist. Und sich selbst gibt man ja immer eine neue Rolle.

Wieso meidest du München? Du hast hier mal studiert, aufgewachsen bist du in der Nähe vom Chiemsee. Das ist auch gar nicht mal so weit weg.

Es macht einen Unterschied, ob du in München aufgewachsen bist oder auf dem Land in Bayern. Der Unterschied liegt eher zwischen Stadt und Land, als zwischen Bayern und Berlin. Ich glaube, es ist fast egal, ob man jetzt in London, Paris oder Berlin ist. Starbucks ist überall. Und da müssen alle ihren Namen nennen und so ihre Selbstachtung aufgeben.

Auf dem Land ist es ganz anders. Da sind die Strukturen viel fester und viel verklebter. Und da richtig reinzukommen ist sehr anders. So habe ich das erlebt. Ich habe eine sehr verschränkte Gesellschaft kennengelernt. Die sehr anti gegenüber allem war, was Kultur war. Und der Kulturbegriff hat dort mit dem Trachtenverein auch aufgehört.

Dir wird nachgesagt, dass du Meinungen probierst, wie Klamotten.

Das ist komisch. Der Satz wird oft zitiert. Das ist ein Ausdruck dafür, dass ich versuche mich hineinzuführen in eine andere Meinung. Man schlüpft ja in einen Mantel rein und schaut, ob er einem steht, ob er passt, ob er kneift, ob man sich darin sehen lassen kann. Das ist meine Art zu arbeiten. Es ist nicht so gemeint, als ob ich heute das und morgen das vertrete – wie ein Fähnchen im Wind.

Also änderst du deine Meinung nicht so schnell?

Ich denke, ich habe eine stabile Haltung. Aber ich finde Haltungen gehören auch alle paar Jahre mal einer Überprüfung unterzogen. Weil sich die Lebensrealität und Gegenwart ja ständig ändert. Ich finde es seltsam, wenn Menschen zu komplexeren Themen wie AfD und Feminismus immer eine klare Meinung haben. Weil so einfach ist es nicht. Gerade bei so Themen, die groß diskutiert werden, bin ich skeptisch. Wenn alle Journalisten – zack – am nächsten Tag eine klare Haltung haben. Ich lese das dann eher und bin danach verwirrter als vorher. Ich finde, auch für Zweifelhaftigkeit muss im Text Platz sein.

„Ich denke, ich habe eine stabile Haltung.“

 

Es gibt viel Hass gegen dich im Netz. Wie gehst du damit um?

Man gewöhnt sich bei der Masse der Hassnachrichten ein bisschen daran, ob man nun wöchentlich Morddrohungen bekommt oder eben nicht. Nachdem ich einen Text geschrieben habe über Mut und Tapferkeit und warum die AfD das nicht erfüllt, gab es sehr viel Gegenwind von dieser Seite. Ich bekomme Nachrichten wie „Wie kann man sich mit solchen Segelohren hochschlafen“ und „ich vergewaltige die kleine Schlampe“. Mir ist zwar klar, dass das dumme Kommentare sind und ich mich damit nicht so aufhalten sollte.

Ich schiebe es auch von mir weg, aber bin auch total fertig.

Macht es einen Unterschied von wem der Hate kommt?

Bei dem Feminismus-Artikel habe ich harten Gegenwind bekommen von Leuten, die ich gut finde. Es bläst einen jedes Mal weg. Mir geht es dann einfach schlecht. Dann halte ich es einfach aus. Es ist nicht etwas, was an mir vorbeizieht oder an irgendeinem Journalisten vorbeizieht. Was auch eine gefährliche Entwicklung ist.

Weil sich mittlerweile herauskristallisiert hat, dass die Meinungsjournalisten so etwas aushalten müssen. Das ist eine Berufsvoraussetzung geworden. Ich finde, das ist eine super gefährliche Entwicklung. Aber ich setze mich ja dem auch total aus. Ich bin ja auch auf Social Media und lese mir das durch.

Hättest du den Feminismus-Artikel doch nicht veröffentlicht aus heutiger Sicht?

Ja, das habe ich schon oft gesagt. Sogar einen Preis abgelehnt. Es reicht aber auch irgendwann mal mit der Reue. Ich habe auch nicht geschrieben, dass irgendwelche Menschen umgebracht werden sollen. Ich finde es ein bisschen albern, wie sehr sich da eine Heftigkeit aufladen kann. Wenn es mir gut geht, dann kann ich mir sagen, dass man daran sehen kann, wie Mechanismen im Internet passieren.

„Ich finde es ein bisschen albern, wie sehr sich da eine Heftigkeit aufladen kann.“

Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich: okay, alle hassen mich, ich bin nichts wert und ich werde nie wieder schreiben. Aber verstehe das schon fast als eine Normalität mit der man leben muss, wenn man publiziert. Das ist grauenvoll! Mir geht es damit schon schlecht. So schlecht, dass ich nicht arbeiten kann, dass ich nicht aufstehen kann und im Bett liege und weine.

In einem anderen Text  beschreibst du psychische Krankheiten als „Auszeit“ vom Alltag und „Entschuldigungszettel vom Arzt“ fürs Versagen oder Faul sein.

Ich glaube, ich schreibe sehr missverständlich. Ich bin mit einer sehr lauten Familie aufgewachsen. Da musste man laut sein, um gehört zu werden. Ich habe gedacht, bei dem Artikel sei es sehr klar, dass man nicht sagen soll: „ah, du bist depressiv – reiß dich mal zusammen“. Sondern eher das Problem ein Labeling ist. Also wenn jemand nicht mehr denkt: „Ich habe eine Depression“ sondern „Ich bin depressiv und das ist jetzt meine Persönlichkeit“.

Und ich kenne Kliniken –  weil ich selbst da war, und weil andere da waren. Oft hatte ich das Gefühl, dass die Kliniken einem die Legitimität geben, zusammenzubrechen. So wie: Endlich sagt jemand, ich bin wirklich krank und ich bin nicht nur kaputt und liege irgendwo rum.

Bist du nicht lang genug im Medienbusiness um zu checken, dass missverständliche Formulierungen auch missverständlich verstanden werden?

Nein, das ist eigentlich die Aufgabe einer Redaktion. Man ist selbst der schlechteste Leser, den man hat. Und ich lese ja immer mit, wie ich etwas meine. Man wird besser im Einschätzen. Mir passiert das ja jetzt seltener. Oder ich mache es absichtlich. Bei dem AfD-Artikel wusste ich ja, was auf mich zukommt. Man wird empfindsamer.

„Man ist selbst der schlechteste Leser, den man hat.“

Als ich mein Buch fertig hatte, habe ich es meinem Freund gegeben und ihn gebeten mal zu schauen, ob da irgendwas aus Versehen menschenverachtend ist? Aber es stimmt tatsächlich leider, dass ich mich selbst schlecht einschätzen kann.

Danke für das Gespräch!


Fotos: © Stefanie Witterauf

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons