Kultur, Nach(t)kritik

Kammerspiele: Europoly – Und Alle spielen mit. Ob sie wollen oder nicht!

Lara Schubert

Lara, liebt das Theater, studiert die dazu gehörige Wissenschaft und da liegt es nahe, dass sie gern darüber schreibt. Manchmal macht sie auch selbst Theater, oder schaut Anderen dabei zu. Ein Münchner Lockenkopf, der seine Nase in alle Kulturangelegenheiten steckt und sie hier gerne mit euch teilt.
Lara Schubert

Die Münchner Kammerspiele haben etwas vorbereitet: Europoly – Eine Reihe von Performances und Filmen über das neue alte Europa. Denn das steht ja schließlich tagtäglich in der Kritik. Was tun mit Europa? Was hat es auf sich mit diesem Europa? Dem wollen die Kammerspiele, in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut, sechs Tage lang auf den Zahn fühlen. Und hat dabei gleich zwei Uraufführungen zu bieten:

Lessons of Leaking und This Beach.

Da steh ich nun…und warte! Denn es sollten doch zwölf Leute sein und wir sind nun mal nur zu sechst. Die Hälfte also. Unruhig versuchen drei Mitarbeiter der Kammerspiele das verloren gegangene Publikum, bzw. die „Spieler“ für Lessons of Leaking aufzutreiben. Jacken und Taschen soll man doch bitte auch abgeben, denn es handle sich um ein interaktives Theaterstück und man müsse sich frei bewegen. Das hört sich alles erst einmal sehr dubios und ungewohnt für den Münchner Theatergänger an. Was das Berliner Medientheaterkollektiv machina eX hier bezweckt, ist traditionelle Formen des Rezipierens aufzubrechen und den Zuschauer aktiv am Geschehen teil haben zu lassen. Denn wie kann es sein, dass man stundenlang Computerspiele spielen kann – einem nach einer Stunde Theaterstück schon der Hintern taub wird? Computerspielen heißt, das Geschehen beeinflussen zu können, um so Teil des Geschehens zu werden. Das versucht machina eX nun auch im Theater. Die Zuschauer werden zu Spielern, durch ihre Entscheidungen wird die Geschichte voran getrieben und auch verändert.

Nachdem wir irgendwann endlich zwölf Leute sind, kann es losgehen. Kurze Einführung und schon wird die Kleingruppe durch eine Tür mitten ins Setting geworfen: Clara und David sind in ihrem Wohnzimmer – alles grau – und telefonieren als müssten sie die Welt retten. Tun sie vielleicht auch. Denn ab jetzt entwickelt sich ein Politthriller um die Zukunft Europas – To leak or not to leak? – das ist hier die Frage. Es sei jedoch nicht zu viel verraten, denn schließlich geht es hier darum, sich den Zugang zu der Geschichte selbst und vor allem mit den elf anderen Spielergenossen zu erschließen. Teamwork ist das A und O. Und ehe man sich versieht, sind neunzig Minuten vorbei und dem Hintern geht es hervorragend. So skeptisch man Formen des Mitwirkens im Theater auch gegenüberstehen mag, das hier ist ein bisschen so, als hätte sich endlich der Jugendtraum erfüllt, in einer Detektiv Conan-Folge mitspielen zu dürfen.

Am Strand ist alles gut.

 

Bei This Beach darf der Zuschauer wieder nur Zuschauer sein und sitzen. Atmosphärische Töne sich brechender Wellen holen ihn ab, genau da, wo das neuste Stück des Performancekollektivs Brokentalkers den Begriff des Territoriums verhandelt – am Strand.

„Wie kann einem denn nur ein Strand gehören?“ fragt Pam, die Mutter der Braut, den Gastgeber und Vater des Bräutigams. Woraufhin dieser eine vor Ehrgefühl strotzende Rede von der Eroberung des Urururururururururur…Großvaters zum Besten gibt.  Alle sind sie hier gefangen und auch die zur Hochzeit eingeladene Mutter Pam darf den Strand nicht mehr verlassen. Alles nur zum Schutz natürlich. Denn außerhalb des ‚Beach‘ wütet eine böse, verdorbene und unberechenbare Welt. Doch hier am Strand ist alles gut. Es entwickelt sich ein absurdes Kammerspiel von unterschiedlichen Charakteren einer Familie am Strand, die jeden Tag zu einer Party machen. This Beach ist eine private Festung, ein Minieuropa, das es zu verteidigen gilt.

Europa als familiärer Zusammenschluss von Individualisten, die sich brauchen oder zumindest denken, dass sie es tun. Mitglieder, die sich die meiste Zeit miteinander arrangieren und keine Angst haben, dem anderen ein gepflegtes „Fuck Off“ an den Kopf zu werfen. Obwohl man als Zuschauer hier sitzen darf, ist This Beach Arbeit. Hier muss man gedanklich mitspielen. Denn sind wir nicht alle ein bisschen Europa, im Urlaub mit der Familie, am Strand, wenn man am liebsten ganz gepflegt „Fuck Off“ sagen möchte.

Münchner Kammerspiele / Europoly / 17.02.-23.02.2016

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