Schauspieler Thomas Darchinger
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Keine Dogmen, keine Spaßbremserei: Thomas Darchinger im Interview

Er ist supererfolgreicher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler („Lieblings-Bösewicht im deutschen Film“), Synchronsprecher (z.B. Cuba Gooding Jr. oder Alan Cumming), Grimme-Preisträger, Kolumnist, Musiker, und sucht mit seiner Initiative „Gut, Mensch!“ mit Politiker*innen, Intellektuellen und Wissenschaftlern nach guten Ideen für die Zukunft: Thomas Darchinger.

Ein Glück also für uns von MUCBOOK, dass wir ihn für unsere Content Conference am 7. März in der Hochschule für Film und Fernsehen gewinnen konnten.

„Weniger Bla Bla, mehr Inhalt“ ist das diesjährige Motto unserer Content Conference und da passt eine Keynote von Thomas Darchinger bestens ins Programm. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, ihm vorweg schon ein paar Fragen zu stellen:

MUCBOOK: Lieber Thomas, warum darf man deine Keynote auf der Content Conference auf keinen Fall verpassen?

Thomas Darchinger:

Schauspieler stehen ja normalerweise nicht in dem Ruf, sich durch besonders wenig Blabla auszuzeichnen. Ich bin nach über 150 Filmrollen vor ein paar Jahren in mich gegangen und hab mich gefragt: Will ich jetzt noch x-mal den Mörder spielen oder kann ich mein Talent sinnhafter einbringen? Ich hab Antworten gefunden, die mich seitdem im täglichen Umgang mit meiner Arbeit entscheidend begleiten. Ich habe jetzt eine Haltung, die mich alle relevanten Fragen sehr einfach beantworten läßt. Und einen Schauspieler mit Haltung, den sollte man sich unbedingt Mal anschauen! Einer der kürzesten Witze geht ja so: Gestern hab ich ein Schauspieler mit Rückgrat gesehen.

Wie verhinderst du persönlich allzu viel Blabla im Alltag?

Ich finde Blabla ganz super, da wo es hingehört. Auf die Fußballtribüne, in Twitternachrichten, auf einer Party, wenns später ist. Alles okay. Eine der für mich wichtigsten Dinge ist: Keine Dogmen. Keine Spaßbremserei. Aber ansonsten gilt für mich der ganz einfache Satz: Was man hält, muss man nicht versprechen. Und ich kann nur das halten, was ich wirklich will. Also brauche ich einen Gradmesser, an dem ich mich orientieren kann. Und über diesen Gradmesser würde ich gerne bei meiner Keynote reden. Weil ich auch glaube, dass wir da entscheidende Defizite haben. Wir müssen sicher auch das eine oder andere Weltbild einreißen und die eine oder andere Selbstoptimierungs-Nummer über Bord werfen.

Gerade als Schauspieler und/oder Synchronsprecher ist man es ja gewohnt, sich die Worte anderer zu eigen zu machen. Gibt es da vielleicht einfache Tricks, wie man damit umgeht? 

Mir hat meine Vergangenheit als Synchronsprecher sicher geholfen, schnell zu agieren als Schauspieler. Ich kann mich wahnsinnig schnell emotional in eine Situation versetzen. Außerdem glaube ich, kann ich ganz gut mit Sprache umgehen. Und ich meine jetzt nicht dieses tönende Schauspieler-Gequatsche, das ich ganz fürchterlich finde, sondern eine Sprache, die ich mit mir fülle. So echt es geht. Mit allem was dazu gehört. 

Einfache Tricks gibt es immer nur für die, die ihr Handwerk können. Wenn’s nur um einfache Tricks ginge, die man sich aus dem Nichts draufpackt, könnte es ja jeder. Schlecht kann jeder. Da kann man sich auch mit Tricks durchmogeln. Aber genau darum geht es: Dass man solche läppischen Tricks eben nicht anwendet, sondern sich zu dem durchbeißt, um das es wirklich geht. Das dauert. Ich weiß wovon ich rede. Ich hab für manche meiner Entwicklungsstufen ewig gebraucht. Ich war vor Kurzem in den Kammerspielen bei einer Premiere der Falckenberg-Schüler*innen. Da waren einige dabei, die sind schon viel weiter handwerklich und vom Mut her, als ich es in dem Alter war. Aber jeder geht seinen Weg. Man darf nur nicht aufhören damit und sich’s zu gemütlich machen. Zu lange in der Komfortzone rumlungern, ist keine gute Idee.

Hat man dadurch also sogar einen Vorteil, weil man sich leichter in andere Personen/Denkweisen hineinversetzen kann?

Dazu muß man kein Schauspieler sein, glaube ich. Ich bemerke allerdings in unserer Gesellschaft, dass sich ein Mono-Perspektivisches Denken eingeschlichen hat. Die Leute sind von ihrem eigenen Blickwinkel so überzeugt, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass andere Blickwinkel mindestens genauso überzeugend sein könnten. Die lassen andere Perspektiven gar nicht mehr zu. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum wir uns gegenseitig immer mehr ankeifen in der Gesellschaft. Wir bewegen uns in Blasen, die starre Meinungsmuster haben und glauben, das ist die Wahrheit.

Aber das ist totaler Quatsch. Die Wahrheit versteckt sich sehr oft um die Ecke und hat viele Seiten. Man braucht auch Mut, um sich der Komplexität der Wahrheit zu stellen. Mehr Mut könnte uns nicht schaden. Auch der Mut, Mal auf die Schnauze zu fallen. Das ist bei uns Schauspielern eigentlich in der DNA. Ohne den Mut zum Scheitern geht bei uns eigentlich gar nichts. Ich bin auch ehrlich gesagt überhaupt kein Freund dieser ganzen Selbstverwirklichungs-Literatur. Ganz einfach, weil da das Ich meistens über die Anderen gestellt wird. Alles nach dem Motto: Wenn ich das und das mache, werde ich erfolgreicher, schöner, besser als die anderen. Ich glaube aber, wir sollten besser werden, um dann gemeinsam mehr zu erreichen. Im Miteinander liegt der Schlüssel für die meisten Fragen, die es heute gibt. Die Ich-Gesellschaft ist genauso gescheitert, wie das Modell der kapitalistischen Gier als Motor für eine bessere Zukunft. Nichts gegen Geld verdienen. Aber ich glaube, wir müssen das anders angehen in Zukunft.

Von welchen Medien/Plattformen/Podcasts/Zeitungen/Blogs holst du dir gehaltvolle Inhalte?

Das ist ganz einfach: Von so vielen unterschiedlichen, wie möglich. Bloß nicht von einer algorithmischen Blase einfangen lassen.

Wir gehen kurz online. Hast du lieber … Desktop oder Mobil?

Desktop hab ich gar nicht. Noch nie gehabt. Da würde ich einen Vogel kriegen, wenn ich immer am gleichen Platz sitzen müßte.

Facebook oder Whatsapp?

Facebook benutz ich praktisch nicht mehr, WhatsApp find ich nervig und überflüssig und habs gar nicht.

Twitter oder Instagram?

Ich mag Bilder. Eigene Blickwinkel in ein Quadrat gefasst, das find ich schon spannend. Deswegen, ja Instagram. Twittern tu ich gar nicht. Les ich ich auch nie. Langweilt mich.

Unermüdlich tourst du mit deinem Demokratieprojekt durch die Republik, drum auch zu dem Themenkomplex ein paar Fragen:
Demokratie ist anstrengend, weil …

… es so oder so anstrengend ist, im Kollektiv unterschiedliche Interessen zu vereinen. Mich nervt gewaltig, dass daran immer rumgemäkelt wird. Dass Demokratie anstrengend ist. Weil das impliziert, dass es etwas gäbe, das weniger anstrengend wäre. Jeder, der es schon einmal mit einer Diktatur zu tun bekommen hat, kann über diese Demokratiemüdigkeit nur den Kopf schütteln.

Demokratie macht Spaß, weil …

… es einfach großartig ist, im Miteinander etwas anzupacken und zu gestalten. Wenn man es wirklich mal tut, merkt man, es gibt nichts Befriedigerendes. Also ich finde ausdrücklich, dass es sich lohnt, sich einzubringen. Halt nicht mit der Erwartung, dass man der anderen Seite seinen Kram aufdrücken kann. Sondern mit der Neugierde auf andere Sichtweisen und Verhaltensweisen. Vielfalt ist etwas großartiges, wenn man mal aus seiner Ego-Nummer rausgeht.

Ich glaube, wir brauchen eine Revolution im Bereich …

Oh da brauchen wir viele. Ich glaube, wir müssen unsere Demokratie erneuern. Da hat sich eine Menge Verkrustung eingeschlichen. Und wir brauchen einen Aufbruch, um dem Klimawandel zu begegnen. Dabei werden wir auch ans Eingemachte ranmüssen. Es gibt eine starke, junge Bewegung, die viel über das Kollektiv rangeht an Dinge, und Wertigkeiten verlagert. Diese Bewegung sollten wir stärken. Dezentraler Denken und Handeln. Mehr mit Haltung. Weniger im Ich verfangen und weniger von der Gier beseelt. Können wir hinkriegen. Mit Lust drauf. Und Mut. 

Zum Schluß kommen wir an in der „Weltstadt mit Herz“ – wird da mal wieder etwas von dir zu sehen sein?

Ich möchte in München wieder stärker aktiv sein mit eigenen Produktionen. Ich hatte München ja künstlerisch ein bisschen den Rücken gekehrt und bin sehr viel bundesweit mit meinen Sachen auf Tour. Wenn ich nach München zurückkomme, dann hab ich allerdings wenig Lust auf etablierte, quasi domestizierte Räume für Kunst. Ich möchte gern in Kooperation mit anderen Leuten aus anderen Disziplinen, von Musik, über die bildende Kunst, aber auch von Wissenschaftlern über Politiker, städtische Räume entern, künstlerisch verwandeln. Zeitlich begrenzt Orten einen künstlerischen Impuls geben. Ich hab schon angefangen, an dem Programm zu arbeiten und suche jetzt Räume für eine Zwischennutzung. Urbanes Popup-Theater.

Ich hab so in der Art ja schon vor ewigen Zeiten mal in München agiert. Nach meinen Anfängen am Pathos Transport Theater hab ich zum Beispiel mal für die Biennale was gemacht, wo ich den Olympiaturm bespielt habe und das städtische Hochhaus und eine Parkgarage unter dem Stachus.

Die Produktion wird sich unter Anderem mit den 20er Jahren beschäftigen und der Frage, warum großmäulige Lügner in manchen Phasen für die Gesellschaft tragischerweise so attraktiv sind.

Ein bisschen wird das formal etwas, das sich anlehnt an ein Format des großen Münchner Performancekünstlers Alexeij Sagerer, bei dem ich selbst einmal künstlerischer Gast sein durfte. Ich hab mein eigenes Ding, das ich mache und andere kommen dazu und das vermischt sich. Jedesmal zu etwas ganz Neuem. 

Meine Produktionen haben schon Anspruch. Aber ich hab überhaupt keine Lust darauf, mein Publikum mit elitärer Verkünstelung zu langweilen. Meine Sachen sollen unterhalten. Humor ist ein Trick, den ich jedem empfehle, haha!

Ich freu mich schon riesig darauf, wenn wir mit dem Projekt vor das Münchner Publikum treten.


Alle Informationen und Tickets zur Content Conference findest du hier.


Fotos: © Thomas Darchinger

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