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Macht mein Choker mich jetzt vögelfrei? – Über die Klamottenwahl und Consent

„München, aha. Na gut.“

Die Türsteher des Berliner Techno Clubs KitKat haben also schon mal nicht den besten Eindruck von meiner Heimat. Im Vorbeigehen glaube ich sogar, ein gehässiges „Pff, Katholiken…“ zu hören. Als ob die Tatsache, dass vor über zwanzig Jahren mal jemand Wasser über meinen Kopf geschüttet hat, mehr über mich aussagt, als dass das bei uns in Bayern halt so Brauch ist. Können wir ja nichts dafür.

Aber die Vorurteile kommen natürlich nicht von irgendwo. Es gibt sie wirklich, die große Masse an erzkonservativen CSU- und AfD-Wählern in Bayern. (Und es ist eine trauriger Tatsache, die beiden Parteien in einem Atemzug nennen zu können.) Je weiter man aufs Land fährt, umso schlimmer. Deshalb möchte ich gar nicht erst anfangen, mich über den Mangel an Weltoffenheit und Toleranz im bayrischen Hinterland zu beschweren. Wir bleiben in München.

Ma görl. @technocat36 #kitty #kitkatclub #symbiotikka

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„Du weißt fei schon, dass das aus der SM-Szene kommt.“

Ja, weiß ich. Und nein, es geht dich überhaupt nichts an, ob ich „privat“ auch einen O-Ring Choker trage. Was ist das überhaupt für eine Frage? Wenn ich eine wildfremde Person mit Brille auf der Straße treffe, komme ich auch nicht angecreept und frage schmierig, ob er/sie die Brille auch beim Sex trägt. Aber gut, wenn ich mich dazu entschließe, einen Choker (oder einen Body oder ein transparentes Oberteil oder nur einen BH) zu tragen, muss ich wohl damit leben. Muss ich? Macht mich meine Accessoire- und Klamottenwahl etwa vogelfrei? Vögel-frei?

Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte ich wahrscheinlich noch klarstellen, dass ich nicht nackt im Leder-Harness zur Uni laufe, wo der ein oder andere seltsame Blick vielleicht sogar gerechtfertigt wäre (weil schlichtweg krass auffällig), sondern dass sich die beschriebene Szene beim Feiern zugetragen hat. Und zwar nicht im Schickimicki-Club, wo natürlich ein ganz anderer Stil herrscht, und auch nicht im Neuraum, wo man als Mädchen auch in Ganzkörperverhüllung angegraben werden würde.

Sondern vor knapp einem Jahr in einem Technoclub, wo bestimmte Stil-Elemente doch eigentlich mittlerweile bekannt sein müssten. Aber wir sind in München. Und dass man bestimmte Sachen jetzt so trägt, checkt der Klischee-Münchner eben leider immer erst dann, wenn man diese Sachen auch bei H&M kaufen kann. Was meistens ein Signal dafür ist, dass man schleunigst aufhören sollte, ebendiese Sachen zu tragen.

Lack und Leder für die Pausenhöfe?

Die Klamottenindustrie hat den Trend längst erkannt. Statt stundenlangem Stöbern auf Etsy geht man heute in die Kaufinger. Choker gab es erst aus Samt, dann auch ganz gewagt mit O-Ring, seit gut zwei Jahren bei Brandy Melville zu kaufen – zumindest habe ich sie dort das erste mal gesehen. Natürlich ganz süß und zierlich, für die 14-jährige Hauptzielgruppe designt. Andere Marken zogen nach, das Leder wurde breiter, das Metall wurde dicker und plötzlich gibt es Leder-Harnesse in allen gängigen Geschäften.

Wenn es nach der Mode Industrie ginge, müsste die Gesellschaft doch eigentlich schon bereit sein für das eine oder andere unkonventionelle Accessoire. Verschiedene Social Media sowie Real-Life-Diskussionen beweisen das Gegenteil. Zusammengefasst gibt es dort Slut Shaming und Victim Blaming so weit das Auge reicht. Nur Schlampen tragen sowas. Da darf man sich ja nicht wundern, wenn man vergewaltigt wird. Die provoziert es ja. Trag sowas nicht, wenn du nicht gewürgt werden willst. Haha, diese dummen Mädchen, die tragen das ohne zu wissen dass es aus der SM-Szene kommt. Dumme Mädchen. Schlampen.

Slut Shaming und Victim Blaming

Befreit die Tatsache, dass die Siebtklässlerin vielleicht gar nichts vom bösen, sexuellen Hintergrund ihres rosa Halsbändchens mit filigranem Goldring weiß, sie nicht eigentlich von ihrer „Schuld“? Und selbst wenn sie es wüsste. Selbst wenn sie, oder ich, oder irgendwer, sogar ganz bewusst breite Lederhalsbänder tragen – aus welchen Gründen auch immer. Statt sich die Frage zu stellen, in welchem Alter oder zu welchen Anlässen etwas angebracht ist oder nicht, statt zu versuchen, aus der Wahl der Accessoires oder Klamotten Rückschlüsse auf eine Person zu ziehen – Schlampe? Hipster? Mitläufer? – sollten wir uns vielleicht einmal die Relevanz des ganzen hinterfragen: Was geht es uns an?

Ob nun Trend oder nicht, wenn München einfach ein bisschen weniger zurückgeblieben wäre, was sexuelle Offenheit angeht, müsste man sich beim Feiern nicht von irgendwelchen gruseligen Typen vollquatschen lassen.

Feiern ohne blöde Kommentare – Utopie?

In Berlin – ich traue mich gar nicht schon wieder einen Berlin-Vergleich anzustellen – ist das natürlich anders. Denn im offenen und experimentierfreudigen Berlin muss man sich nicht nur keine Sorgen machen, von anderen schief angeschaut zu werden, man muss sich auch keine Sorgen machen sexuell belästigt zu werden, nur weil man bestimme Sachen trägt (oder eben nicht trägt). Anders wären ganze Club- oder Partykonzepte überhaupt nicht möglich.

Wieso ist in München noch nicht angekommen, dass die Wahl der Klamotten noch kein Consent, keine Einwilligung ist?


Beitragsbild: © Gili Shani

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
1Comment
  • Johannes v. Kronenberg
    Posted at 17:36h, 16 November

    Ich finde das nicht ganz einfach. Symbole haben einfach per Definition auch immer eine Aussage. Man kann sich damit befassen, muss das aber nicht. Allerdings ist es doch ziemlich weltfremd zu sagen, man trägt das „weil man das halt so trägt“. Stichwort cultural appropriation, wenn du ein Symbol trägst, dass für eine Bewegung, Kultur, Ideologie identifizierend wirkt, kannst du nicht erwarten, dass man dich nicht mit dieser Kultur identifiziert. Setz dich einfach Mal mit 60ger Trikot in die FC Bayern Kurve und Versuche den Leuten zu erklären, dass du eben blau lieber magst als rot…

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