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Knobs&Wires-Macher Matthias und Émilie im Interview

Dürfen wir vorstellen: Matthias Schmidt und Émilie Gendron – zwei sehr umtriebige Münchner Kulturmenschen, die hier zum Beispiel Konzerte veranstalten (Matthias mit Tapefruit, Émilie mit Munich Again) und vor allem ein großes Herz für die Musik-/Kunst-/(Sub-)Kultur-Szene haben.

Fotos: © Fromm&Wild / Vipasana Roy

Für den Samstag, 2. Juni haben sie (und ein paar Freunde) sich etwas besonders vorgenommen: Das Knobs&Wires-Synthesizer Festival im Kreativquartier, das mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungen, Diskussionen, einer Messe und natürlich Live-Shows zum Entdecken einlädt. 

Warum, weshalb, wie und was haben sie uns im Interview erzählt:

MUCBOOK: Wie und wann seid ihr auf die Idee gekommen, ein Synthesizer-Festival zu machen?

Matthias: Das muss im November gewesen sein, wie es ganz genau lief, weiss ich allerdings nicht mehr. Ich habe vor zwei, drei Jahren angefangen, mich mit Synthesizern zu beschäftigen und baue relativ viel selbst. Irgendwie bin ich mit sehr vielen Leuten in Kontakt gekommen, die auch sowas machen oder mit sowas spielen. Aber irgendwie sieht man in München nichts davon.

Es gibt hier Synthesizer-Entwickler, die solche Geräte herstellen, die in England total gefeiert werden. In Deutschland sind sie eher obskur und hier kennt sie kein Schwein. Da frage ich mich, was da schon wieder los ist. Dieter Döpfer hat das Eurorack-Modularsystem hier in der Dachauer Straße entwickelt. Als ich ihn angerufen habe, ob er vorbeikommen kann zum Festival, hat er gesagt: „Klar, ungefähr einen Kilometer entfernt von dem Gelände habe ich mein erstes Modul gebaut“. Diese Stadt hat eigentlich eine totale Bedeutung für dieses Instrumentenfamilie und es passiert fast nichts. Es gibt einen gut sortierten Laden und einen Online-Store für die DIY-Szene. Aber es gibt keine Szene.

Warum ist das so?

Émilie: Es gibt viele Szenen in München, aber sie verbinden sich nur manchmal, und dann sind sie wieder in ihren Ecken und ihren Kneipen. Ich finde, eine Szene ist eher abhängig von den Personen selber als von deren Interessen. Und wenn es keine Auftrittsmöglichkeiten gibt, gibt es keine Szene. Wenn es keinen Booker gibt für Synthesizer-Konzerte, gibt es keine Szene.

Matthias: Was es in München an Szene gibt, ist immer sehr fragmentarisch. Jeder hängt ein bisschen in seiner Clique …

Émilie:… und es gibt auch viele, die einfach Zuhause produzieren. Die haben da ihre Geräte oder einen Musikkeller, aber treten nicht auf. Um mit diesen Leuten eine Szene aufzubauen, muss man etwas machen, damit man sie zusammenbringen kann.

Das wollt ihr mit dem Knobs&Wires erreichen, dass sich da alle treffen im Kreativquartier am 2. Juni?

Matthias: Das ist der Plan, ja. Die aus den verschiedenen Ecken heraus zu kitzeln.

Wie waren da die Reaktionen, als die Leute mitbekommen haben, dass ihr das veranstaltet?

Matthias: Es ist ein Wahnsinns-Feedback gekommen, ehrlich gesagt. Aus verschiedenen Ecken und aus Ecken, wo wir es niemals erwartet hätten. Einer hat mich angerufen und hat gesagt: „Ich bin Grafiker, ich finde es geil dass du was mit Synthesizern in München machst, ich mach dir die gesamte Grafik.“ Es sind extrem viele solcher Sachen passiert.

Émilie: Die Antwort von den Teilnehmern, sei es Künstler oder Techniker, war sehr schön. Die Gagen spielen da nicht so eine wichtige Rolle, weil es quasi ein höheres Ziel gibt. Die Anzahl von Leuten, die freiwillig mithelfen, ist unglaublich.

Matthias: Es gibt eine internationale Szene, die im Internet stattfindet. Da bist du in einem Forum und dann ist da ein Israeli, ein Russe und ein Araber und ein Ami, die sich austauschen. „Wo bekomme ich dieses Bauteil aus einem Synthesizer von 1972 her“, und so weiter. Das ist eine total heile Welt, da geht es nur um diese Geräte und das ist wunderschön. Und ich glaube, das könnte München auch haben, weil es genug Leute gibt, die das machen. Sie kommen nur nicht zusammen.

Émilie: Du musst nur bei Ebay Kleinanzeigen nach Synthesizern suchen in München und du siehst, wie viele Leute es gibt, die sich dafür interessieren (lacht). Das ist unglaublich.

Matthias: Zum Beispiel: Sagt dir der Name Gerhard Mayrhofer was? Nagel mich nicht fest, aber er war ein hohes Tier bei Vodafone, dann der Präsident von Münchens wichtigstem Fussballclub (1860, Anm. der Redaktion) und jetzt baut er Synthesizer, weil es halt immer schon sein Ding war. Der hat sich zum Beispiel bei unserer „Altherrenrunde“ auch sofort eingeklinkt, als er davon gehört hat.

Und dann kam plötzlich auch ein Anruf aus Italien: „Hey geil, ihr macht was. Ihr seid näher an Norditalien dran als Rom, wir kommen!“ Drum haben wir auch drei italienische Hersteller die kommen, das ist toll.

Das klingt aber erstmal nach einer Veranstaltung für Insider, was gibt es denn für nichts ahnende, interessierte Besucher?

Émilie: Klar, es gibt etwas für alle Arten von Leuten: Es gibt Bildung mit den vielen Vorträgen oder Hands-On-Veranstaltungen, wo man selber einen Synthesizer bauen kann, zum Beispiel. Man kann aber auch einfach passiv konsumieren und sich Sachen anschauen. Oder man kann sagen „Scheissegal mit der Bildung, ich will tanzen“.

Es gibt einen Blick in die Vergangenheit, man sieht was jetzt gerade aktuell ist und auch einen Blick in die Zukunft, die Roboter von Moritz Simon Geist zum Beispiel. Die Vielfalt ist groß und jeder kann sich das rausnehmen, was ihn/sie interessiert.

Matthias: Es gibt diese ganze Szene zu entdecken, die man sonst nie sehen kann. Und es gibt blinkende Lichter (lacht). Und ich möchte die Ausstellung unbedingt noch erwähnen. Da gibt es Sachen zu sehen, heilige Mutter Gottes, die kannst du sonst nur im Museum sehen und da sind sie unter Glas.

Theo Bloderer bringt aus Österreich einen nicht unerheblichen Teil seiner Sammlung nach München und man kann sie selbst spielen. Das älteste Ausstellungsstück ist glaub ich aus den späten Sechziger Jahren, wo das ganze voll in den Kinderschuhen gesteckt hat – bis zu ganz modernen Sachen.

Émilie: Bei der Messe gibt es alles, was gerade aktuell ist. Das heisst es gibt etwas, das nach neuem Plastik riecht und etwas, das riecht wie aus dem Keller. (lacht)

Danke euch fürs Gespräch und viel Erfolg am Samstag!


In aller Kürze:

Was? Knobs&Wires Synthesizer-Festival

Wann? Samstag, 2. Juni ab 10 Uhr

Wo? Kreativquartier, Dachauer Str. 114

Wieviel? 20 €, Tickets hier


Beitragsbild: © Matthias Schmidt

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