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„Keine Ausstellung unter dieser Nummer“: Simon Freunds Smartphone wird zum Exponat!

Dank unserer Handys werden wir ja alle zu Ausstellungsstücken: Komparsen in der Komödie „Alltag“, gefilmt und in kurze Insta-Stories verpackt. „Wieso nicht mal den Spieß umdrehen?!“ dachte sich Simon Freund (nicht zu verwechseln mit Sigmund Freud) da vielleicht eines Tages, als ihm die Idee zu seiner Ausstellung „+49 173 37 42 908“ kam. Hier wird nämlich ab 18. Februar im Zwischengeschoss der U-Bahn-Haltestelle „Universität“ ein Smartphone ausgestellt.

Sein eigenes, um genau zu sein. Eine Woche lang. Jeder kann anrufen oder schreiben. Interagieren. Worum es ihm dabei geht und weshalb er sich außerdem rund um die Uhr in seiner Wohnung filmen lässt, oder warum er etwa seine Schamhaare neben hunderten anderen „Besitztümern“ fotografiert hat, erklärt er uns im Gespräch. Eine Woche lang läuft auch ein mehr als spannendes Rahmenprogramm parallel zur Ausstellung, mit Themenabenden, Diskussionen und (natürlich) ein bisschen Party – Infos dazu findet ihr auch unten.

MUCBOOK: Hi Simon, worum geht es bei deiner Ausstellung? Auf was dürfen wir uns einstellen, was ist die inhaltliche Klammer?
Simon: Im Großen und Ganzen geht es bei meiner Ausstellung, wie in vielen meiner Arbeiten, um Konsum und das Internet und reicht von allgemeinen Fragen wie „Wie viel ist genug?“ bis zu spezifischeren Fragen wie „Was ist digitale Abhängigkeit?“.

Inwiefern hängt das tägliche Programm, das eine Woche lang stattfindet, mit dem Kern der Ausstellung zusammen?
Das Programm startet mit einem Beitrag von Carolin Wittmann dazu, wie Künstler Soziale Medien nutzen am Beispiel von Cindy Sherman, Wolfgang Tillmans und Banksy und endet mit einem Beitrag über TikTok, einer der aktuell am beliebtesten Socialmedia-Plattformen von Jugendlichen. Dabei geht es mir vor allem darum, den aktuellen Stand der Sozialen Medien in unserem Alltag zu erfassen. Mich interessiert es, wer heute auf den Sozialen Medien aktiv ist, warum und welche Vor- und Nachteile das mit sich bringt. Kerem Schamberger wird zum Beispiel regelmäßig auf Facebook wegen seiner Postings gesperrt und Daniel Walcher folgen über 44.000 Menschen auf Instagram. Ich denke, das reiht sich gut ein in die Fragen, die ich mir stelle und liefert vielleicht sogar die ein oder andere Antwort.

Auf welchen Abend bist du besonders gespannt?
Ich freue mich besonders, dass die Polizei München sich bereit erklärt hat, Twitter anhand ihres Twitter-Profils vorzustellen, bin aber tatsächlich mit jedem der Programmpunkte mehr als zufrieden und freue mich auf jeden einzelnen Vortrag.

Die Location im Zwischengeschoss der U-Bahn-Haltestelle „Universität“ ist ja eher außergewöhnlich. Wie kam es dazu und was verbindest du mit diesem Ort?
Die AkademieGalerie gibt es bereits seit 1986. Laut Wikipedia ist die AkademieGalerie „ein Ort kostenloser Begegnung mit moderner Kunst für die Bürger Münchens und hat sich durch die Qualität der Ausstellungen einen Platz in der Kunstszene der Stadt gesichert. Der Ausstellungsraum informiert außerdem über die Arbeit der Akademie und die Leistungen ihrer Studenten. Für die Studenten der Akademie ist der ungewöhnliche Präsentationsort ihrer Werke – mit Zufallsbesuchern aus allen Schichten der Bevölkerung anstelle des üblichen Ausstellungspublikums – eine besondere Herausforderung und als solche Teil des Lehrkonzeptes der Akademie geworden.“ Somit lautet die Antwort auf deine Frage, dass ich das Glück habe, mit meinem Ausstellungskonzept von der Akademie ausgewählt worden zu sein und jetzt hier ausstellen darf. Selber erhoffe ich mir von dieser ungewöhnlichen Location, dass auch die Leute, die keine Zeit haben, einen Blick in die Galerie werfen und beim Vorbeigehen sich wenigstens eine der Webseiten merken und diese später in der U-Bahn mit ihrem Smartphone besuchen.

Auf allipossess.com hast du alle deine persönlichen Gegenstände fotografiert und katalogisiert. Dein liebstes Teil und dein „Hassstück“ darunter?
Ohje, mein liebstes Teil ist wirklich nicht einfach zu sagen… mein Hassstück schon eher, aber auch da eins rauszufiltern ist

schwer. Ich habe mal versucht, alle Dinge, die ich nicht mag, mit einem Tag zu versehen. Das Ergebnis findet man hier: https://allipossess.com/search/dislike . Müsste allerdings vielleicht aktualisiert werden. Meine Highlights sind sicher mein Bett und meine Kamera, aber ich mag fast alle der wenigen Dinge, die ich besitze, sehr, sehr gerne…

Wofür würdest du dein Lieblingsteil eintauschen?
So sehr ich meinen Besitz mag, ich bilde mir ein ich wäre jederzeit bereit alles abzugeben… einer meiner Leitsätze ist: „Ich bin froh über alles, was ich nicht habe.“ Ich würde es also im Zweifel einfach verschenken.

Außerdem ist dein Smartphone die ganze Woche über „aufgebahrt“ im Ausstellungsraum und man kann damit interagieren. Allgemein gefragt: Wann gehst du nicht ans Smartphone? Und auf welchen Call wartest du seit Jahren?
Es ist tatsächlich so, dass mein Telefon die ganze Ausstellung über in der Galerie als Kunstwerk ausgestellt ist und jede*r Besucher*in, egal wo auf der Welt, kann das Telefon anrufen oder Nachrichten schicken. Da das Display allerdings schon gebrochen ist und ich trotzdem nicht vorhabe, mir ein neues Telefon zu kaufen, hoffe ich, dass die Besucher*innen nur mit Ihren eigenen Telefonen agieren und mein Telefon auf dem Podest mit den Augen anschauen und nicht mit den Händen, wie man so schön sagt. Ich habe meine Telefon eigentlich immer auf lautlos. Ich telefoniere daher eigentlich nur, wenn ich es auch wirklich will und mir die Zeit dafür nehme. Mein Trick dabei ist, dass ich nicht mal die Vibration an habe… wenn ich allerdings erreichbar sein muss, lege ich es auf den Tisch und stelle es auf laut. Ich warte seit Jahren auf die eine Email, die mein Leben verändern wird. Über einen Anruf habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht, weil sowieso kaum jemand noch anruft. Meine Traumvorstellung im Rahmen der Ausstellung ist vielleicht, dass meine Traumfrau zufällig über meine Nummer auf den Plakaten und Flyer gestoßen ist, aber selbst wenn diese dann anruft, könnte ich ja nicht mal rangehen, da das Telefon über die Zeit der Ausstellung für mich tabu ist. Ich muss aber ehrlich sagen, dass es mir fast egal ist, wer anruft. Ich mag es einfach, mit Menschen zu sprechen, egal mit wem und egal warum. Hauptsache man spricht miteinander.

Was hat es mit fiverooms.com auf sich? Ist das so ein „Orwell-Ding“? Schaltest du das wenigstens zum Duschen mal aus?
Orwell – ja, mit Sicherheit geht es bei mir auch um das Thema der Überwachung. Ich habe die Tage erst wieder über das Projekt nachgedacht und dabei kam mir in den Sinn, dass man behaupten könnte, dass ich mich selber in meiner Wohnung filme und somit überwache. Aber dann kam mir der Gedanke, dass das irgendwo ja nicht richtig ist, weil ich ja auch überwacht werde von den Leuten die zuschauen. Bricht man das auf unsere aktuelle Datenschutzdebatte runter, könnte man also sagen, dass wir gar nicht überwacht werden, sondern uns überwachen lassen, indem wir ständig mit unseren Smartphones rumlaufen und unsere Daten im Internet verteilen. Das finde ich spannend, weil es mal wieder die Frage stellt, wer überhaupt für all das verantwortlich ist, was wir so oft kritisieren. Wenn die Antwort dann lautet, dass es die Unternehmen sind, die uns so sehr im Griff haben, dass es keinen Ausweg mehr gibt, dann sollte doch spätestens jetzt die Zeit sein, etwas grundlegend zu verändern. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Somit läuft die Kamera auch unter der Dusche. Am Anfang war mir das ziemlich unangenehm, aber mehr und mehr komme ich damit zurecht, dass ich nunmal so bin wie ich bin und dass es nichts gibt, wofür ich mich schämen müsste.

Wann dürfen wir mit dir feiern?
Die offizielle Eröffnung ist diesen Sonntag um 18 Uhr, wo ich ein paar Worte zur Ausstellung sagen werde. Dann kommt die Veranstaltungsreihe, bei der ich natürlich immer anwesend sein werde. Am Sonntag ist dann Finissage, bei der ich unbedingt die Idee eines Freundes ausprobieren möchte: One track, one phone – heißt: jeder der mag, schließt sein Handy an die Anlage an und spielt ein Lied, dann der*die Nächste und so weiter. Mal schauen, ob das klappt.

Wir laden schon mal die Akkus. Danke dir für’s Gespräch!

Hier das weitere Programm:

Sonntag 17.02.2019, 18:00 – 22:00
Vernissage mit Künstlergespräch

Montag, 18.02.2019, 20:00 
Künstler als Influencer – Die digitale Selbstdarstellung von Cindy Sherman,Wolfgang Tillmans und Banksy auf Instagram – Carolin Wittmann 

Dienstag, 19.02.2019, 20:00 
Instagram – Daniel Walcher ( @daniel_walcher ) 

Mittwoch, 20.02.2019, 20:00 
Twitter – Polizei München ( @PolizeiMuenchen ) 
im Anschluss:  Team Hula  – finest tunes 

Donnerstag, 21.02.2019, 20:00 
Tinder –  Sharon Rose 
im Anschluss:  Gute Zeit  – back to back 

Freitag, 22.02.2019, 20:00 
Facebook – Kerem Schamberger ( @keremschambergersblog ) 

Samstag, 23.02.2019, 20:00 
TikTok – Fetteseekuh 
im Anschluss: Fetteseekuh – DJ Team 

Sonntag, 24.02.2019, 16:00 – 22:00 
Finissage – one track one phone


In aller Kürze:

Was? Simon Freund – Ausstellung 

Wann? 17. Februar – 24. Februar 2019

Wo? AkademieGalerie (im Zwischengeschoss der U-Bahn-Haltestelle „Universität„)

Wieviel? Nix (ggf. Gebühr nach Tarif des Mobilfunkanbieters)


Fotorechte liegen bei Simon Freund.

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