Aktuell, Kultur, Kunst, Leben

„Malen heißt genau hinschauen“: Was uns entgeht, wenn wir Graffiti sehen

MUCBOOK Redaktion

MUCBOOK Redaktion

Hier schreibt die Redaktion. Wir sitzen im schönen Westend - kommt doch mal vorbei und holt euch ein Printmagazin ab. Kaffee gibt's auch.
MUCBOOK Redaktion

RSK, WAK, PHK, MAD – Einfach beliebige Buchstaben, die bunt an eine öffentliche Wand gesprüht gehörig Ärger machen? Für viele ist Graffiti nichts als das: Ein unverständliches, buntes Geschmier entlang der S-Bahn-Strecke auf dem Weg zur Arbeit oder im schlimmsten Fall ein Ärgernis an der eigenen, frisch gestrichenen Fassade. Dabei steckt viel mehr dahinter, als man aus dem Augenwinkel auf die Schnelle bemerkt. Vor allem in München: Denn schließlich ist die hiesige Szene eine der ältesten Europas, die auch legale und international agierende, bekannte Graffiti-Künstler wie Loomit hervorgebracht hat.

Zudem sind nicht alle Graffiti vergleichbar: Der Kenner konstatiert verschiedene Arten, wie Pieces, die aufwändigeren Buchstabenbilder und Tags, Signaturkürzel des Künstlers, die teilweise einfach mit einem Stift gemalt und von der Allgemeinheit wohl am ehesten als sinnlose Schmiererei wahrgenommen werden. Zudem gibt es Throw-ups, schnelle, einfachere Bilder und auch Scratches, gekratzte Graffiti, sind immer wieder zu sehen – beispielsweise in Zugfenstern. Besonders wichtig ist die Beherrschung der Technik und die Cap Control, die Fertigkeit, mit demselben Sprühaufsatz unterschiedlich dicke und dünne Linien zustande zu bringen. Die Genauigkeit und richtige Druckdosierung muss man üben und ins Gefühl bekommen. Sogenannte Drippings, herunterlaufende Tropfen von zu viel Farbe, kommen nicht gut an.

Und dennoch sieht man davon einige, vor allem am Schlachthof in München. Dort kann man legal Graffiti malen – eine Hall of Fame im Szenejargon, eine über und über mit Farbe überzogene, verwinkelte Baustelle. Nichts bleibt hier von den Sprühdosen verschont, Zäune, Wände, Container, abgestellte Zugteile und sogar ein Sofa. Die Farbschichten sind mehrere Zentimeter dick, wie bei Baumringen sieht man, wie alt und vor allem viel geliebt diese Hall ist.

Konkurrenzkampf in der Szene

Doch das ist nicht alles, was die Szene in München ausmacht: Es gibt den Konkurrenzkampf der zwei einzigen Graffitishops, der die Loyalitäten der Sprayer in zwei Lager teilt. Überdies hat der Münchner Künstler Mathias „Loomit“ Köhler Graffiti als Kunstmedium bedeutend mitgestaltet und auch hier in der Ursprungsstadt seiner Kunst einige Werke gemalt. Eines davon ist das private Badezimmer des ehemaligen Bürgermeisters Christian Ude. „Das waren Katzen und Städte, die in Primärfarben über den Himmel tanzen“, erinnert sich Köhler an diesen Auftrag, den er selbst als ein Highlight bezeichnet. Er hatte als Jugendlicher in der illegalen Szene in München angefangen, die noch heute sehr aktiv ist.

„Das sind Jungs, die gerne herumkritzeln“, beschreibt Loomit die Szenemitglieder. Doch neben diesen gibt es auch Crews und alleine arbeitende Sprayer, denen es beim Sprühen um die Verbreitung ihres Pseudonyms und den Fame geht. Der Writer DWIS beispielsweise hat die meisten Graffiti entlang der Bahnlinien und ist so in München der King of the Line. Die innersten Szenekreise bestehen aus den aktivsten Writern und sind hierarchisch strukturiert, wobei der Kern von den äußeren Kreisen gedeckt wird. Die Reviere und die dazugehörigen Züge sind genau aufgeteilt und innerhalb dieser kennen die Sprayer alle Faktoren, wie die Schichtwechselzeiten der Bahn-Security oder die Zeit bis zur Ankunft eines alarmierten Streifenwagens.

Ohne die beherrschende Crew hat man als illegaler Graffitikünstler beim Besprühen von Zügen also kaum eine Chance – abgesehen davon, dass das unerlaubte Eindringen in fremde Reviere oder gar das Übermalen von bestimmten Namen mit großer Wahrscheinlichkeit eine Konfrontation nach sich zieht. Das Auslöschen sämtlicher Graffiti des Regelbrechers ist dabei eine der möglichen Sanktionen. Connections sind im illegalen Sektor alles, doch auch die Dreistigkeit zählt: Sowohl bei Motiv und Technik, als auch durch das Bemalen unmöglicher Stellen, was zum Beispiel durch Abseilen geschehen kann.

„Jeder, der die Dose in die Hand nimmt, hat eine andere Idee dabei“

„Graffiti in München ist sehr opulent“, sagt dazu Loomit, dabei würden die Münchner Sprayer jedoch zugleich stark auf Ästhetik achten. Besonders an der Szene hier sei zudem, dass Graffitikünstler in allen Bereichen sehr sozial kompetent seien und viel zusammenarbeiten würden – auch wenn im illegalen Sektor „nicht alles heile Welt ist, geht man doch meistens sehr achtsam und erwachsen miteinander um“, so Loomit.

Die Intentionen der Künstler kann man genauso wenig über einen Kamm scheren wie ihr Können: „Jeder, der die Dose in die Hand nimmt, hat eine andere Idee dabei: der eine hat eine Botschaft, der andere will vielleicht nur seine Tags anbringen“, sagt Loomit. Man kann die Frage, was Graffiti für den Betrachter von außen bedeuten soll, nicht beantworten. Ob es die Auflehnung gegen „Überwachung und Polizeistaat“ ist oder das Signal, „dass München bunt ist und bunt bleibt“, wie einige Stimmen aus der Szene verlauten lassen, ein Aufschrei in Beschäftigung mit sozialpolitischen Themen wie der Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Klimawandel oder die massenhafte Verbreitung des Pseudonyms: All dies ist in München zu finden. Das anarchische an dem Medium Graffiti bleibt also erhalten.

Durch die vermehrte Aufstellung von Schallschutzwänden der Deutschen Bahn haben sich in den letzten Jahren im illegalen Sektor neue Möglichkeiten aufgetan, wohingegen die Flächen für legale Graffiti durch den immensen Zuzug immer mehr gestaucht werden. In München bemüht man sich dennoch, den Sprühkünstlern die Gelegenheit zu geben, ihre Kreativität legal zu kanalisieren. Die Färberei stellt einen „offenen Wirkungsraum“ für die Szene mit Workshops und Ausstellungen dar, die außerdem Sprayer bei der Suche nach freigegebenen Wänden unterstützt. Die Brücke München betreibt als Institut für Jugendhilfe ein Projekt („ProGraM“), um in dem charakteristischen Konflikt „zwischen Geschädigten und Sprayern zu vermitteln“. Eine Website, die Graffitiseite München, klärt als Gemeinschaftsprojekt verschiedener Münchner Institutionen und Unternehmen über die gesetzliche Seite, die gesundheitlichen Risiken und über legale Möglichkeiten von Graffiti in der bayerischen Landeshauptstadt auf.

„Ein Graffito erzählt mehr Geschichten als ein Bild in einem Museum“

So sieht man vor allem an München sehr stark, dass man Graffiti und seine Künstler nicht pauschalisieren kann. Weder indem man es ohne Ausnahme als pubertären Auflehnungsdrang verpönt oder als Schmiererei bezeichnet, noch durch eine allgemeine Erhebung zur Kunst. Doch man sollte erkennen, was unabhängig von Motiv und Fläche dahinterstecken kann, wenn man Graffiti zu sehen bekommt: Organisation und Überlegung, Kreativität und bildgewordene Kommunikation, Vernetzung und eine ganze hierarchisch-strukturiere Parallelwelt. Graffiti muss sich in jeder Ausführung dem öffentlichen Raum stellen und hat, um mit Loomits Worten zu enden, „teilweise mehr Geschichten zu erzählen als ein Bild in einem Museum“.


Text: Fiona Fischer
Fotos: © Celine Gross

No Comments

Post A Comment

Die Start-up Ausgabe

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons