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Meine Halte: Aidenbachstraße – Zwischen Skulpturen und Parkplatzdächern

Bianca Busch

Ein bisschen Klischee ist auch okay: Macht irgendwas mit Medien, liebt veganes Essen, hat jeden Tag Fernweh nach dem Ozean und wird eines Tages in Australien leben.
Bianca Busch

Jemandem zu erklären wo ich wohne, ist immer so eine Sache: Die Aidenbachstraße kennt fast niemand, mit „2 Stationen nach Thalkirchen“ können die Meisten noch am Ehesten etwas anfangen. Ja, Thalkirchen ist bei uns im Sommer  auch the place to be. Mit der U-Bahn in 3 Minuten zum Flaucher ist schon ein Luxus. Trotzdem hat meine Halte mehr zu bieten als nur die Nähe zur schönen Isar.

Der Marienplatz der südlichen U3

Neben dem Endbahnhof Fürstenried West ist die Aidenbachstraße der wichtigste Umsteigebahnhof der südlichen U3. Meine Haltestelle ist ein kleiner Wolkenkratzer unter den U-Bahnhöfen: Unten U-Bahn, im Erdgeschoss Busbahnhof und oben Park and Ride-Parkplatz. Nicht verwunderlich, dass hier jeder ständig in Eile ist.

Wenn die U3 Richtung Fürstenried West quietschend ihre Türen öffnet, spuckt sie einen repräsentativen Querschnitt der Münchner Bevölkerung aus: Schulkinder, Geschäftsmänner, junge Mütter mit Kinderwägen, alte Damen mit Rollator – kein Wunder, dass auf der engen Rolltreppe manchmal ein kleiner Krieg darum ausbricht, wer seinen Bus noch rechtzeitig erwischt.

 Skulpturengarten und goldener Wohnwagen

Sitze ich dann etwas abgehetzt in meiner 63er Linie, liegt bei der nächsten Haltestelle links neben ewig andauernden Baustellen der blaugelbe Kistlerhof. Das ehemalige Fabrikgelände bietet heute Raum für ein Fitnesstudio und mehrere Künstlerateliers. Berühmt-berüchtigt bei uns im Viertel ist Wolfgang Fratz:  Auf den 3200 Quadratmeter, die sich über die gesamte Dachfläche des Gebäudes erstrecken, hat er einen riesigen Skulpturengarten entstehen lassen.

Ich wundere mich schon lange nicht mehr, dass mir bei einem Blick aus dem Busfenster eine Freiheitsstatue aus dem Restbestand des Bavaria Filmgeländes, ein ausrangierter Kampfhubschrauber der Nürnberger Bundeswehr und ein goldener Wohnwagen entgegen strahlen. Neue Besucher könnte der Anblick allerdings etwas irritieren.

Das Gerücht, Fratz wohne in dem goldenen Wohnwagen hält sich hartnäckig, ob es stimmt habe ich leider noch nicht herausgefunden.

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Ansonsten eher Mustergültig

Bis auf einen verrückten Künstler ist die Umgebung meiner Halte aber eher mustergültig: Ein großer Rewe, eine Imbissbude mit gefühlt wöchentlich wechselndem Besitzer, ein DM und natürlich der gute alte All-you-can-eat Chinese sind zu Fuß in unter fünf Minuten erreichbar. Seit zwei Wochen haben wir auch einen Hans im Glück um die Ecke. Den Weg zum Goethepatz können wir uns jetzt also sparen.

Expressbus nach Hause

Nachts mit dem Bus nach Hause fahren ist hier auch erstaunlich angenehm. Der N41er fährt vom Stachus direkt bis vor meine Haustür. So eine Verbindung würde man sich tagsüber auch mal wünschen. In 23 Minuten sieht man so viel von dem, was München nachts bietet:  Fröhliche Studentengruppen am Sendlinger Tor, verliebte Pärchen und kopfschüttelnd vorbeischlenderne Hundebesitzer im Westpark. Später Jugendliche auf Fahrrädern aus Richtung Isar und zu guter letzt die Weinflaschen an den Straßenecken, bei denen ich mich jedes Mal frage, ob ihre Besitzer einen schönen oder einen traurigen Abend hatten.

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss

Wir Sollner Kinder habens irgendwie mit  Parkplatzdächern. Während der Schulzeit war es in den Pausen das nahegelegene Realdeck, danach der Park and Ride an der Aidenbachstraße und andere Dächer, deren Adressen leider geheim bleiben müssen. Wenn du also tagsüber oder nachts bei uns im Viertel Jugendliche auf Parkplätzen rumsitzen siehst, mach dir keine Sorgen, sie haben bestimmt gerade eine schöne Zeit.


Beitragsbild: © Bianca Busch

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