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Meine Halte – Folge 4: Silberhornstraße

Meine Haltestelle

So ziemlich jeder Münchner hat eine und verbringt dort mehr Zeit als ihm lieb ist. Haltestellen sind seltsame Zwischenorte. Wir sind eigentlich nur dort, weil wir woanders hin wollen. Auf dem Heimweg zählen wir den Countdown bis zu unserer Haltestelle. Wir holen dort sehnsüchtig erwarteten Besuch ab. Viel öfter als wir es zugeben wollen, haben wir kurz vor Ladenschluss beim Haltestellenkiosk, -bäcker, imbiss "eingekauft". Regelmäßig sprinten wir ihr entgegen, damit wir doch noch die Bahn, Tram oder den Bus erwischen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt. Höchste Zeit, dass wir uns unsere Haltestellen ein bisschen genauer anschauen und deshalb stellen wir euch künftig jede Woche eine Haltestelle des MUCBOOK-Teams vor.
Meine Haltestelle

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In Giesing ist immer irgendwo Rambazamba.

Einst bekannt als das „Arbeiterviertel“ Münchens, verwandelt sich das geschichtsträchtige Dorf Giesing in einen bunten Ort, mit einer angenehmen Mischung aus jungen und alten Menschen, Familien, Kultur, unzähligen Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Bars und Cafés.

Ob U2, Buslinien 58, 148 und X30 (Münchens einziger Expressbus), Trambahnlinien 15 und 25 und sogar die Nachtlinie N27, der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund hat an Verbindungsmöglichkeiten bei meiner Haltestelle nicht gespart. Ausreden dafür, ich käme nicht vom Fleck, gibt es bei mir nicht.
In weniger als 10 Minuten ist man an der Isar oder man nimmt die andere Richtung und fährt ins gemeindefreie Waldgebiet „Perlacher Forst“.

„In Giesing spazieren die Menschen noch in gemächlicherem Tempo durch die Gassen, aber nicht weil sie alt und gebrechlich sind, sondern weil sie verstanden haben, dass eher die Zeit alt und gebrechlich geworden ist.“
Dieses Statement habe ich von einem guten Freund, den ich nach einer kleinen Tour durch Giesing nach seinem Eindruck gefragt habe.
Er hat recht, so etwas wie Hektik spürt man in Giesing nicht oder den Satz „I hob koa Zeit“ hört man hier gar selten. Den Kampf mit der Uhr verstehen viele nur als „einfach geschehen“.
Besonders unsere älteren Nachbarn sieht man täglich auf den Straßen, auf der „TeLa“ (Tegernseer Landstraße), wie die alteingesessenen Giesinger sagen. Sie sitzen vor den Cafés und Bäckerein oder stehen an den Straßenecken, unterhalten sich über Gott und die Welt oder Fußball.

Stichwort „Fußball“:
Die Traditionsvereine TSV 1860 München und FC Bayern München teilen sich das Viertel. Die ausgeprägte Rivalität, wer denn nun die Nummer eins der Stadt ist wird nicht anhand des Status, ob nun 1. oder 2. Liga, ob man einen Müller oder einen Aigner im Team hat festgelegt. Das machen die Fanclubs unter sich aus. Man erkennt dies an den unzähligen Stickern „Einmal Löwe Immer Löwe“ oder „Lebe Ultra, Liebe München“, die immer und immer wieder vom jeweiligen Gegner-Fanclub überklebt werden. Komplette Straßensperrungen und ein riesiges Polizeiaufgebot erlebt man am „Derbytag“, wenn 60er- und Bayern-Amateure im Grünwalder Stadion aufeinander treffen.
Ebenso berüchtigt sind die Graffiti-Aktionen der Fanclubs in ganz Giesing, die an den Häuserwänden kaum zu übersehen sind.
In einem sind sich aber beide einig: „ACAB – All Cops Are Bastards“.

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Mir fehlt es in Gies
ing an nichts.
Restaurants mit leckerem Essen wie das Attentat Griechischer Salat, das Chez Philippe oder das Upper Eat Side. Cafés wie das be-glückert oder Kaffee Sonnenschein, die auf Regionalität und Nachhaltigkeit achten und einem das Gefühl geben man hätte sein Wohnzimmer nur an einen anderen Ort verlegt. Besonderer Geheimtipp ist der kleine italienische Feinkostladen Cannova, wo „Nonna“ und „Nonno“ (italienisch für Oma und Opa) in der Küche stehen und die selbstgemachten Nudeln so richtig schön aldente kochen. Große Portionen Pizza oder Pasta für’s kleine Geld.
Nicht zu vergessen, die wohl beste Metzgerei der Stadt; Metzgerei und Traditionsbetrieb Boneberger. „Kompromisslose Qualität, Wertschätzung der Tiere, Regionalität, tägliche Frische, Ehrlichkeit und Vertrauen auf die Kraft des traditionellen Metzger-Handwerks.“
Da wir in der Bierhauptstadt leben, riecht es auch besonders bei uns in Giesing schon mal des Öfteren nach Malz. Neben der Paulaner Brauerei am Nockerberg, hat sich der Giesinger Bräu ein nettes Plätzchen ausgesucht und dort seine Brauerei mit Bräustüberl eröffnet. Um nach Feierabend in den Genuss von Münchner, Bayerischer oder auch unzähliger Craft-Beer Braukunst zu kommen, empfehle ich das Ambar Bistro in der TeLa, eröffnet von einem echten Biersommelier.

Die Münchner Stadtbibliothek, das Grünwalder Stadion, der Grünspitz, die vielen Menschen die sich auf den Straßen unterhalten, Nachbarn die sich grüßen, die vielen kleinen Häuschen in den Gassen und der Sonnenuntergang, den man mit einem Giesinger Bier in der Hand von einer Bank an der Heilig-Kreuz-Kirche aus betrachten kann. Giesing ist ein Viertel mit Bauerncharme und ein Ort den man, um etwas zu erleben, eigentlich nicht verlassen muss.

Zu mir sagte jemand einmal: „Giesing ist wie du – angenehmen und beruhigend.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mein Herz lacht, wenn es durch die Lautsprecher tönt „Nächster Halt – Silberhornstraße“. Ich fühle mich an meiner Haltestelle am wohlsten und an keiner anderen steige ich lieber aus denn in Giesing bin i Dahoam.

Text und Fotos: Susanna Huscher

1Comment
  • Da Sepp
    Posted at 15:33h, 23 August

    … i bin a Giasing und do bin i dahoam 😉 Wunderschee beschrieb´n !!!

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