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Meine Halte – Folge 8: Trappentreustraße

Meine Haltestelle

So ziemlich jeder Münchner hat eine und verbringt dort mehr Zeit als ihm lieb ist. Haltestellen sind seltsame Zwischenorte. Wir sind eigentlich nur dort, weil wir woanders hin wollen. Auf dem Heimweg zählen wir den Countdown bis zu unserer Haltestelle. Wir holen dort sehnsüchtig erwarteten Besuch ab. Viel öfter als wir es zugeben wollen, haben wir kurz vor Ladenschluss beim Haltestellenkiosk, -bäcker, imbiss "eingekauft". Regelmäßig sprinten wir ihr entgegen, damit wir doch noch die Bahn, Tram oder den Bus erwischen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt. Höchste Zeit, dass wir uns unsere Haltestellen ein bisschen genauer anschauen und deshalb stellen wir euch künftig jede Woche eine Haltestelle des MUCBOOK-Teams vor.
Meine Haltestelle

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Ich öffne die große braune Holztür und trete auf die Straße hinaus. Doch es ist nicht irgendeine Straße, nein. Es ist die Landsberger Straße, die sich mit 511 Hausnummern durch den Westen der Stadt schlängelt.

Als ich aus der Tür bin, zieht auch schon die erste Tram an mir vorbei. „Mist, wieder zu spät.“ Obwohl ich nur zwei Minuten von der Haltestelle entfernt wohne, verpasse ich meine Bahn regelmäßig.

Ich schlendere an der vierspurigen Hauptstraße entlang und blicke nach links und rechts um sicher zu gehen, dass ich auf dem Weg zu meiner Halte nicht von einem Lastwagen überrollt werde.

Mit eiligen Schritten erreiche ich die gepflasterte Insel, die meine Tramhaltestelle „Trappentreustraße“ darstellt. Von hier aus gondle ich jeden Tag in das Innere Münchens.

„Neun Minuten Wartezeit, verdammt!“

Ein Banner zieht sich durch die Anzeigetafel des MVG. „Aufgrund einer Betriebsstörung verspäten sich die Trambahnen auf unbestimmte Zeit.“ – „Na großartig.“

Die Tramlinien 18 und 19 trennen die Landsberger Straße in zwei Hälften. Ich blicke auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sich der wohl uncoolste Tengelmann des Münchner Westens befindet.

Besonders im Sommer riecht es dort immer übel nach fauligem Gemüse und im Winter ist der Eingang von Männern und Frauen mit roten Nasen umringt, die um jeden Preis die kürzeste Entfernung zum nächsten Öttinger-Bier beanspruchen.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ein Risiko einzugehen und für eine Butterbreze in den Supermarkt zu stürmen. Allerdings laufe ich dabei Gefahr, die nächste Tram zu verpassen. Diesen Anzeigetafeln ist einfach nicht zu trauen.

„Scheiß drauf!“. Ich eile über die Straße, laufe durch die Eingangstür und reihe mich in der Schlange an der Bäckerei ein.

Als ich zweieinhalb Minuten später mit meiner Breze den Tengelmann verlasse, sehe ich die Tram gerade in die Haltestelle einfahren. Die Fußgängerampel steht auf rot.

Ich sprinte über die Straße, hechte im Bad Boys II-Stil über die Motorhaube eines anrollenden 1er BMWs und erreiche die Halte unbeschadet.

Als ich wie ein Verrückter auf den Knopf an der Eingangstür hämmere, grinst mich ein älterer Herr im Inneren des Wagens an, schüttelt den Kopf und schon setzt sich die Tram in Bewegung.

„Das kann doch nicht wahr sein! Wieder eine verpasst.“

Ein Blick auf die Anzeigetafel: „Aufgrund eines Autounfalls verspäten sich die Trambahnen auf unbestimmte Zeit.“

Es ist Zeit, eine Frustzigarette zu drehen. Rauchend stampfe ich an der Haltestelle auf und ab. Mein Blick wandert auf die andere Straßenseite. Dort befindet sich ein Fitnesscenter, dessen Eingang ebenfalls bei Wind und Wetter von einer Gruppe Menschen belagert wird, die das folgende Ritual zu wiederholen pflegen:

Rauchen, trinken, sich anschreien, ihren Hund streicheln, rauchen, trinken…

Oft frage ich mich, wieso sie genau da campieren. Vielleicht haben sie sich mal alle beim Crossfit kennengelernt und als ihr Vertrag auslief, beschlossen sie einfach weiterhin zusammen irgendeinen Sport zu betreiben. Jetzt machen sie frühschoppen.

Zugegeben, die These klingt nicht allzu plausibel. Als ich mich gerade abwende, winkt einer aus der Gruppe freundlich zu mir. Ich lächle und winke zurück, worauf er ruft: „Junge, komm mal rüber, ich brauch deine Hilfe!“

„Ein Trick“, denke ich laut. Er hat gesehen wie ich zweimal die Tram verpasst hab und glaubt ich sei so doof, es auf ein drittes Mal ankommen zu lassen.

„Um was geht’s?,“ rufe ich über die Straße. „Es ist ein medizinischer Notfall“ erwidert er. Ein erneuter Blick auf die Anzeigetafel. Das Banner ist verschwunden. „Zurzeit können leider keine Informationen angezeigt werden.“ Ich stöhne und überquere die Straße.

Als ich die Gruppe erreiche, zieht der Mann einen vollalkoholisierten Senioren mit roter Perücke an sich heran und sagt: „Könnse auf den aufpassen?“ Ich blicke ihn verdutzt an.

„Naja wissens, ich mach mir einfach Sorgen um ihn. Er ist ein feiner Kerl, aber er hat auf der Wiesn zu tief ins Glas geschaut.“ Er lässt ihn los und der Mann torkelt gefährlich nah an der Hauptstraße entlang.

Ein weiterer Fakt über meine Halte: Es vergeht kein Jahr ohne eine neue Wiesnstory.

„Heeey, pass auf! Net dass du von nem Lastwagen überrollt wirst!“ schreit sein Kollege. Er wendet sich mir zu. „Sehnse, dat mein ich. Ich hab ihn schon zig Mal vor dem sicheren Tod bewahrt.“

Ich nicke verständnisvoll und wir blicken beide zu ihm herüber. Gut gelaunt winkt der ältere Herr in unsere Richtung. „Wissens, als ich ihn vor fünf Jahren kennengelernt da wars scho fast um ihn geschehen. Er trinkt zu viel, Alkoholiker halt.“

Wieder nicke ich und frage mich, wann wohl endlich die Tram kommt und mich erlöst.

„Aber letztes Jahr, da hat sich eine Frau in ihn verliebt. Genau hier, vorm Fitness. Können Sie sich das vorstellen? Da war auch grad Wiesn!“

„Nur schwer“, antworte ich und blicke rüber zu dem Rest der Gruppe die damit beschäftigt sind, lautstark über Angela Merkels Flüchtlingspolitik zu diskutieren.

„Und was ist jetzt genau der Notfall?“, frage ich vorsichtig. „Naja, ich dachte mir, da Sie es ja eh nicht eilig zu haben scheinen, wollte ich Sie fragen, ob Sie in der Tram ein Auge auf ihn haben können?“

Sehnsüchtig blicke ich in den Horizont, wo sich endlich die nächste Straßenbahn ankündigt.

„Na klar, ist doch Ehrensache.“

Der Mann grinst über beide seiner roten Backen, klopft mir auf die Schulter und sagt: „Sie sind ein feiner Kerl.“ Zusammen fangen wir den Senioren ein, der inzwischen „Fang mich!“ mit den Passanten spielt. Die Tram rauscht in die Haltestelle.

„Merci und eine gute Fahrt!“

Ich zerre meinen neuen Gefährten über die Straße und in die Tram hinein. Sofort macht er sich von mir los, torkelt durch den Wagen und lässt sich auf einen freien Sitz fallen. Nach nur wenigen Sekunden hört man lautes Schnarchen durch die Straßenbahn hallen.

„Diese Haltestelle bringt mich noch um das letzte Fünkchen Verstand“, denke ich mir und stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren. Naja, immerhin nur zwei Minuten von meiner Haustür entfernt.

Text und Beitragsbild: Julius Zimmer

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