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Vergesst die Liebe nicht: Warum ihr Erinnerungsstücke niemals wegwerfen solltet

Julius Zimmer

Mich fasziniert das Absurde im Alltag. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in meiner Wahlheimat München so wohl fühle: Hier erwachen Widersprüche zum Leben. "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Herz auszufüllen. Wir müssen uns den Münchner als einen glücklichen Menschen vorstellen."
Julius Zimmer

Beitragsbild von Allessandra Schellnegger.

„Deswegen wollte ich dir mit diesem Brief endlich mal sagen: Ich liebe dich! Deine Anna“. Zögerlich wende ich das rosafarbende Blatt Papier und lese die Zeilen immer wieder. An Anfang und Ende hat die Verfasserin Sticker in Herzchenform aufgeklebt. Ich schmunzle, fallte den Brief zusammen und stecke ihn zurück in das vergilbte Kuvert. Der nostalgische Gedanke „das waren noch Zeiten“ schießt mir durch den Kopf und ich werde fast etwas rührseelig wenn ich an die vierte Klasse zurückdenke.

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Ich habe einen ganzen Karton mit solchen Erinnerungen. Es sind Gedichte, geschwollene Liebesbriefe, Geburtstagskarten und kleine Andenken, die sich über die Jahre angesammelt haben. Heute haben wir es geschafft Liebe zu digitalisieren. Erwartungsvoll starrt man auf sein Smartphone und hofft, dass die Begegnung von letzter Nacht oder die süße Arbeitskollegin zurückschreibt. Traurig wird es, wenn die beiden Pfeile im Chatverlauf blau aufleuchten, aber nach sechs Stunden immer noch keine Antwort kommt. „Aber sie war doch erst vor fünf Minuten online. Hasst sie mich?“.

Natürlich spielt Liebe auch in unserem digitalem Zeitalter eine wichtige Rolle. Wir kamen sogar auf die großartige Idee Zärtlichkeiten über Handyapplikationen zu arrangieren. Spart Zeit, geht einfach und ist effizient. Aber eine grundlegende Sache geht dabei unter und das ist etwas was die Münchner Künstlerin Louise Loué Liebesobjekte nennt.

 

„Das ist doch zu schade zum wegwerfen“

 

In einem Menschenleben sammelt sich viel an. Ich merke das immer wenn ich mal wieder umziehen muss und dann Stunden damit verbringe Fotos, Postkarten und Briefe durchzulesen obwohl ich eigentlich helfen sollte, die Küche abzubauen. Ähnlich ging es Louise Jahr für Jahr. Sie zog jedes Mal mit sieben Umzugskisten voller Erinnerung um, denn sie konnte sich nicht davon trennen.

Jedes der Erinnerungsstücke hat seine ganz eigene Geschichte und Louise fasste irgendwann den Entschluß, diese mit anderen Menschen zu teilen. Dabei interessierte sie genau so die Geschichten von anderen Menschen. Sie schaltete also eine Announce in der Süddeutschen Zeitung und forderte die Leser dazu auf, sich bei ihr zu melden „bevor sie ihre Andenken wegschmeißen“. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten.

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Das Ergebnis ihrer ungewöhnliche Idee kann man heute in der Milchstraße 4 in Haidhausen und im Internet bestaunen. Hier stellt Louise ausgewählte Liebesobjekte in einem kleinen Museum aus. Auf dem Blog liebesobjekte.de erzählen Menschen ihre einzigartigen Geschichten. Manche sind traurig, manche sind humorvoll aber jede Erzählung ist immer „berührend und zu 100 Prozent real!“.

Das Museum der Liebesobjekte beweist, dass jeder Gegenstand mit subjektiven Emotionen aufgeladen werden kann. Das kann zum Beispiel ein Knicklicht am Handgelenk sein, dass an die gemeinsame Nacht im Club erinnert. Vielleicht ist es auch ein T-Shirt, ein Bademantel oder schlicht etwas Selbstgebasteltes. Die Hauptsache ist, dass man sich durch das Objekt mit der Erinnerungen auseinander setzt und so die Vergangenheit richtig verarbeitet. Wegwerfen und verdrängen schadet uns unterbewusst. Louises Motto: „Vergesst die Liebe nicht!“

Es muss sich bei den Ausstellungsobjekten übrigens nicht immer um Überbleibsel von romantischen Beziehungen handeln. Auch Freunde und Familien tauschen untereinander Gegenstände aus um sich ihre Zuneigung zu zeigen. Natürlich finden diese ebenfalls einen Platz in Louises einzigartigen Museum.

Foto /copyright: Alessandra Schellnegger

Unsere Erinnerungen gehören zu den wichtigsten Dingen die wir haben, denn sie machen uns menschlich. Sie erinnern uns an unsere Fehler, aber auch an unsere Erfolge. Sie erinnern uns an Freunde, Familie und längst vergangene Liebschaften. Kurzum, sie sind der wichtigste Teil unserer Identität. Doch gerade in unserem hektischen Zeitalter, neigen wir dazu vieles zu vergessen und zu verdrängen. Liebesobjekte können uns helfen zu begreifen wer wir einmal waren, wer wir jetzt sind und vielleicht auch wer wir in Zukunft sein wollen.

In aller Kürze:

Was? Museum der Liebesobjekte

Wo? Milchstraße 4, Haidhausen

Wann? Dienstag: 13-19h, Donnerstag: 13-19h und Samstag: 13-19h

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