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Gschmeidig again. Die Reanimation des Nußbaumparks am Sendlinger Tor

Er ist wie ein geheimer Garten mitten in München: der Nußbaumpark gleich gegenüber vom Sendlinger Tor. Wer ihn nicht gezielt sucht, wird sich kaum dorthin verirren – und selbst dann ist der Weg nicht ganz einfach: Von der Sonnenstraße her hindert das Tram- und Gleisgewimmel am Überqueren und die übrige Laufkundschaft wird von der St.-Matthäus-Kirche ferngehalten, die den Park zum Sendlinger Tor hin abschirmt. Von der Lindwurmstraße her verläuft ein Zaun und auch sonst wirkt die Ansammlung von Gebüsch und Bäumen nicht sonderlich einladend. Zehra Spindler und die Urban League sind dabei, das zu ändern.

„Junkies in the alley with a baseball bat“ steht auf einer der beiden Gastrobuden, die seit kurzem im Nußbaumpark für frischen Wind sorgen sollen. Zehra Spindler, die mit ihrem Team von der Urban League auch schon das alte Hertie-Kaufhaus in den Puerto Giesing verwandelt hatte, hat von der Stadt eine neue Spielwiese genehmigt bekommen. Das Spiel heißt: „Make Nussbaumparkt gschmeidig again„.

Mit dem Baseballschläger stehen die Münchner Junkies zwar nicht in der Straße, wie es in der Liedzeile von Grandmaster Flash’s The Message heißt, die auf die Bude gesprüht wurde – aber weil der Park sich eben so schön neben dem Uniklinik-Areal versteckt, hängen hier auch die entsprechenden Leute ab, die es gern ein wenig ruhiger und unbeobachtet haben. Einige Junkies, die sich in den umliegenden Praxen und Kliniken ihre Substitute holen, haben im Nußbaumpark quasi ihr zweites Wohnzimmer bezogen – gemeinsam mit anderen Suchtkranken, die sich ihr x-tes Bier vom Kiosk holen. Das macht den Park für Anwohner natürlich nicht unbedingt attraktiver und der Stadt war das Treiben im Park – eine Stricher-Szene soll es zeitweise auch gegeben haben – seit längerem ein Ungemach.

„Das Problem sind nicht die Suchtkranken, sondern die fehlenden Konsumräume“

Geht’s bei diesem Projekt also in erster Linie darum, die Junkies aus dem Park zu vertreiben? „Wir wollen die Junkies nicht verdrängen„, widerspricht Zehra Spindler. „Das Ziel ist eher, Leute in den Park zu holen und ein tolerantes Miteinander aufzubauen. Was mir oft auffällt: Die Menschen haben weniger ein Problem mit den Junkies als mit der eigenen Unbeholfenheit, mit Suchtkranken umzugehen.“

Um sich selbst von ein Bild von der Situation im Park zu machen, sei sie selbst ein halbes Jahr regelmäßig im Park gewesen. Ihr Eindruck: nicht so wild. Während der Rezeptausgabe würden sich viele Suchtkranke im Park aufhalten, aber die Leute hätten ihre Ecken und Flecken. „Das Problem sind nicht die Suchtkranken, sondern die fehlenden Konsumräume.

Wir bauen eine Plattform und motivieren die Leute dazu, mitzumachen

Die beiden Gastrobuden im Nußbaumpark am Sendlinger Tor in München

Abhängen nach der Münchner Biergartenregel: Essen kann man mitbringen, aber Getränke muss man kaufen.

Für ihr soziokulturelles Projekt, wie Spindler ihre Nußbaumpark-Bespielung bezeichnet, hat sie sich mit Condrobs zusammengetan, einem großen sozialen Träger mit über 70 Einrichtungen in Bayern, hat mit erfahrenen Streetworkern im Vorfeld gesprochen und bekommt von ihnen Hilfe für die Kommunikation mit den regelmäßigen Parkbesuchern. „Wir wurden anfangs natürlich kritisch beäugt und die Leute hatten Angst, dass wir sie loswerden wollen. Wir haben gesagt: Im Gegenteil! Das ist Euer Wohnzimmer. Aber es gibt gewisse Regeln: kein Betteln, kein Stören der Leute und die normale Münchner Biergartenregel – Essen kann man mitbringen, aber Getränke muss man kaufen.“ Das funktioniere sehr gut und es finde tatsächlich auch ein Austausch statt, freut sich Spindler.

Sie hat allen Grund dazu, denn das Projekt ist noch nicht einmal einen Monat alt und der Nußbaumpark wird trotz der besonderen Lage neuerdings gut bevölkert. „Das Konzept war ja sehr vage: Wir bauen eine Plattform hin und motivieren die Leute dazu, mitzumachen – so stand das drin.“ Die Plattform besteht aus den beiden Gastrobuden, ein paar Biergartengarnituren, Sonnenschirmen und jeder Menge Liegestühle, die sich um die Mitte des Parks gruppieren. Bei schönem Wetter sind die freien Sitzplätze abends ziemlich rar, aber auch tagsüber herrscht ein reges Kommen und Gehen.

„Ich ratsche nicht mit jedem“

Hochbeete von Green City im Nußbaumpark, Foto: Max Büch

Die Patenschaften für die Hochbeete von Green City waren zackig vergeben. Zum Beispiel an Jule, Kassim, Lukas, Sophia…

„Vor allem Anwohner nehmen den Nußbaumpark richtig gut an. Gerade junge Familien, aber mittlerweile auch Leute aus anderen Vierteln, kommen aktiv auf mich zu, um dann Danke zu sagen, weil sie sich vorher im Park nicht wohlgefühlt hätten.“ Was sehr geholfen habe, gleich zu Anfang neue Besucher in den Park zu holen, seien die Beetpatenschaften von Green City. Ein bisschen weiter vom Zentrum des Geschehens haben dort überwiegend junge Leute und Familien aus der Nachbarschaft Hochbeete mit der Hilfe des Umweltschutz-Vereins selbst gebaut und dort Gemüse angepflanzt. „Die sind seitdem fast täglich hier, jäten, pflanzen und fläzen sich dann mit nem Craft Beer in die Liegestühle.“

Eine alte Dame hat sich dort bei den Beeten gerade mit einer der neuen GärtnerInnen unterhalten und genießt nun die Nachmittagssonne auf ihrem Rollator. Sie wohne im Altenheim ganz in der Nähe und der Nußbaumpark sei seitdem ihr Garten. Sie sei zwar auch schon vor der Urban League hierher gekommen, aber jetzt komme sie noch lieber und freue sich über die neuen Leute im Park. Schnell driftet das Gespräch in alte Zeiten ab, ihre Kindheit auf dem Bauernhof nahe Landshut, die Eltern, die Familie, die eigenen Kinder. Im Anschluss bedankt sie sich für den „netten Ratsch“, stellt aber gleich noch klar: „Ich ratsche nicht mit jedem.“

Ratschen im Nußbaumpark, Foto: Max Büch

Ein netter Ratsch bietet sich oft an im Nußbaumpark.

„Wir wollen, dass die Leute hier nicht völlig zueventisiert werden“

Mittlerweile würden selbst auch viele Ärzte aus den Kliniken und Berufstätige aus den umliegenden Büros zum Mittagessen kommen, das nun auch im Park angeboten werde. Der soziale Träger und Kooperationspartner Condrobs kümmert sich nicht nur um Suchtkranke, sondern mit dem Projekt „Viva Clara“ werden beispielsweise speziell Frauen unterstützt, die Schwierigkeiten haben, ins Berufsleben einzusteigen. Denen haben Spindler und ihre Team vorgeschlagen, Essen anzubieten. „Die Snacks sind alle handmade und kosten zwischen 3-6 Euro, also eher München-untypische Preise.“ Das werde gut angenommen.

Neben zahlreichen Möglichkeiten auf einen netten Ratsch, wöchentlich wechselndem Craft Beer und kostenlosem WLAN wird das Programm im Nußbaumpark immer bunter. Spindler und ihr Team wollen das Projekt ganz langsam aufbauen und schauen, was angenommen wird. Neulich sei eine Anwohnerin vorbeigekommen, die als Kunstlehrerin arbeitet und ein Bastelprogramm für Kinder im Park anbieten möchte. Es soll insgesamt mehr Kinderprogramm geben, ein leise gehaltenes DJ-Programm, Radiokunst und unplugged Band-Auftritte sind in Planung, dazu eine Kleidertauschbörse. Aber das Programm soll dennoch im Hintergrund bleiben: „Wir wollen, dass die Leute hier nicht völlig zueventisiert werden. Dafür gibt’s genügend andere Orte. Es soll hier einfach nur gschmeidig sein.“

In der zweiten Folge unseres Podcasts „Mensch, München“ hat Zehra Spindler mit Moderator Jan Rauschning-Vits über die Zwischennutzung im Nußbaumpark, über weitere Lieblingsorte in der Stadt und über Zwischennutzungen gesprochen:


Beitragsbild: © Nussbaumpark/Instagram // Fotos: © Max Büch

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