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Ohne Heimat fehlt dir was

Laura Höss
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Breze

Dirndl, Hirschgeweih, Heiligenbildchen – was früher als antiquiert und altbacken galt, erfreut sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit – ob es jetzt das Alpenpanorama-Poster ist, das in der WG-Küche hängt, oder der Filzhut mit Entenfeder. Inzwischen hat auch die Subkultur das Bayerntum für sich entdeckt. Aber dahinter steckt mehr als der Trend zurück zur Tracht. Es geht um die selbstbewusste und kreative Neubesetzung des Begriffs Heimat. Ein Beitrag aus dem aktuellen mucs-Magazin.

Es kam plötzlich und unverhofft. Da war Heimat auf einmal Kult. Als man
vor ein paar Jahren das schönste deutsche Wort suchte, ergatterte „Heimat“ einen Spitzenrang. Die Lust auf Heimatgefühle manifestiert sich nicht nur in offensichtlichen Erscheinungen wie der alljährlichen Dirndl-Mania zum Oktoberfest. Das Phänomen begegnet einem auch subtiler. Da ist die Studentin, die Gefallen am Spitzenklöppeln findet, oder der Musiker, der der Meinung ist, eine Zither gebe der Indie-Band die entscheidende Note.

Doch woher kommt es, dass Dinge, die eher dem ästhetischen Empfinden unserer Großeltern entsprechen, auf einmal Gefallen finden? Es ist wohl weniger, dass sich schlagartig unser Geschmack geändert hätte, wir demnächst womöglich alle Dauerwelle tragen und Filterkaffee die neue Latte macchiato ist. Nein. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein beachtliches Stück Ironie in der neuen Liebe zu Tradition und Brauchtum. Man könnte es als augenzwinkerndes Spiel mit Zitaten aus der eigenen Herkunft betrachten. Denn volkstümliche Dinge, die in alpennahen Regionen wie München eben vor allem Alpenkitsch umfassen, erinnern nun einmal an Oma. Und lösen damit ein Gefühl der Vertrautheit in uns aus. Auch weil es nicht immer hübsch und oftmals ziemlich altmodisch ist.

In einer Welt, in der man heute in London, morgen in New York und nächstes Jahr vielleicht in Kapstadt leben kann, erscheinen Dinge wie Kontinuität und Sicherheit plötzlich erstrebenswert. Und somit bekommt auch etwas wie Heimat einen ganz neuen Wert. Denn aus dem Tragen einer bestimmten Tracht oder dem Pflegen von Bräuchen entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort. Es signalisiert: Hier komme ich her. Dieses Gefühl signalisiert zugleich Wertschätzung und Wissen um die Wurzeln der eigenen Existenz.
Heimatliebe gelte wieder als „unpolitisches, kommerzfreies und tief menschliches Bedürfnis“, so das Fazit der Journalistin Verena Schmitt-Roschmann in ihrem Buch „Heimat – Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“.

Diese Tendenz kann man prima in der Mode beobachten. Immer häufiger sieht man statt einheitlich schwarzen und grauen Alltagsuniformen auch verspielte, oftmals durch Trachten inspirierte Details. Dies kommt zwar immer noch getarnt als Ethno-Look daher und umfasst sämtliche Spielrichtungen folkloristischer Mode, zielt aber in dieselbe Richtung.
Ähnlich sieht es auch Isabella Derse. Sie ist Absolventin der Modeschule AMD und hat in ihrer Kollektion die Brauchtumsströmung aufgegriffen. Dort verarbeitete sie volkstümliche Trachtenelemente, um dem Trend zur  Rückbesinnung auf Herkunft und Wurzeln der eigenen Kultur einen Ausdruck zu verleihen.

Doch Isabella hat noch eine andere Erklärung für den neuen Hype um die Kultursymbole der Heimat: In der Mode deutet sie es vor allem als Konterreaktion auf den kühlen Minimalismus der Millenniumsjahre. Sie verwendet die Trachtenelemente am liebsten in Zitaten. Da blitzt höchstens einmal eine Spitzenbordüre unterm Rock hervor oder ein Model ist mit Trachtenstrümpfen zu sehen. Es geht um die Wiedergabe bekannter Formen: bauschige Röcke, betonte Taillen, Doppellagigkeit, die den Schutzcharakter von Schürzen aufgreift und zugleich neu interpretiert.

Ein weiteres Beispiel für die Wiederentdeckung und Neuinterpretation von Traditionellem ist die Band von Andreas Stäbler.
Andi, besser bekannt als G.Rag, hat neben diversen Punk- und Indieband-Projekten auch die Landlergschwister ins Leben gerufen.
Die Blaskapelle vereint traditionelle Blechbläser mit Banjo, Schlagzeug und
E-Gitarre. Bei ihren Konzerten spielen sie Volkslieder und auch Songs wie „Das Modell“ (arrangiert für Blaskapelle). Der perfekte Soundtrack zur neue Heimatliebe.

Denn traditionell ist ihre Musik nur auf den ersten Blick. Die Neuinterpretation uralter Volkslieder schafft etwas Besonderes: Klassiker wie „Rehragout“, eine scherzhafte Ode an gleichnamige bayerisches Küchenschmankerl, wirken auf einmal zeitgemäß.

Popmusik wird heimelig.  Doch obwohl ebendies beim hauptsächlich jungen Publikum so gut ankommt, dieses Spiel mit dem Bruch des Brauchtums, waren die Reaktionen in der Indieszene nicht nur positiv. Anfangs wurden sie sogar als Neokonservative verdächtigt und wegen ihrer bayerischen Musik beschimpft, erzählt Andi Stäbler. Er sieht die Ursachen für den neuen Heimatkult in der Lust an der Rückkehr zu den eigenen Ursprüngen. Die Ursprünge der Musik liegen bei uns nun mal in der Volksmusik. Und in den Alpenregionen gehören da die Landler eben dazu wie in Frankreich das Chanson und der Fado in Portugal.
Die Gefahr, dass Heimatliebe in üblen Heimatkitsch umschlägt, ist groß. So bleibt urbanen Künstlern der Auftrag zur kontinuierlichen Neuerfindung und Weiterentwicklung.
Und den nehmen derzeit immer mehr junge Münchner an. So bringen jetzt
auch Blumentopf einen Volksmusik-Remix ihres letzten Albums raus. „Nach dem Motto Tanzbar und Lederhose“, soll die Platte, laut Sepalot, „noch klassischer als La Brass Banda“ sein.

Illustration: Eva Hillreiner

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