Kultur, Nach(t)kritik

Pure Vernunft darf niemals siegen

Salvan Joachim
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Geht ja gut los: Frenetisch feiern die Münchner, als Tocotronic die Bühne im Backstage betreten. „Eure Liebe tötet mich“, erwidert Dirk von Lowtzow und löst ein, was er versprochen hat: „Krach und Schönheit. Und: Fun, Fun, Fun!“

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Doch kurz zurück: Dobré hat gute Vorarbeit geleistet. Mit seinem Ein-Mann-Singer-Songwriter-Folkpop hat er das Publikum ganz nah an die Bühne gelockt. Der Kontrast zu den verzerrten Gitarren ist gewaltig und macht den Beginn der Hamburger, trotz Midtempo, monströs.

Im größtenteils männlichen Publikum vermischen sich die Generationen. Die einen sind seit Anfang der 90er  vom tocotronischen Fieber befallen und kennen jede Zeile. Die Jüngeren haben sich seit der letzten Platte „Schall & Wahn“ erst von der Gegenwart zu den Ursprüngen durchgehört. Bedient wurden gestern alle: Zwei Stunden für fast zwei Jahrzehnte Diskursrock.

Dirk von Lowtzow kratzt mittlerweile an den 40. Von „Jungs“ kann man also – trotz der Kuscheltiere auf dem Bassverstärker – nicht sprechen. Doch die Musiker wirken frisch und fit. Jeder Song hat seine Geschichte, seine Botschaft. Es gibt keine Lückenfüller. Gleich als zweiten Song feuert die Band die neue Single „Die Folter endet nie“ ab. Bei „This Boy is Tocotronic“ gibt es dann endgültig kein Halten mehr. Die ersten Crowdsurfer erheben sich und gleiten über die hüpfende Menge. Das hebt die Stimmung – außer bei den schwer beschäftigten Ordnern.

Tocotronic stellen viel zu früh ihre Gitarren in die Ständer. Doch die Saiten schwingen weiter. Das ist die Perfektion des Ungewissen: Eine Rückkopplungsorgie füllt die Halle, bis sich alles zu einem sirenenartigen Heulen formt. Die Bühne versinkt in der Dunkelheit. Nur acht Spots leuchten an den Rand der Bühne. Genau an die Stelle, wo der Funke überspringt. „Tocotronic ich liebe euch“, schreit einer und wird auch hinter der Bühne gehört. „Im Zweifel für den Zweifel“ kommt als Zugabe und nach langer Pause setzt die Zugabe der Zugabe den Schlusspunkt: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Ein Text, der sich im Ohr festbeißt und über Nacht weiter schwingt:

Pure Vernunft darf niemals siegen,
Wir brauchen dringend neue Lügen.

Die uns durchs Universum leiten
Und uns das Fest der Welt bereiten.

Die das Delirium erzwingen
Und uns in schönsten Schlummer singen.

Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
Und tiefer Qualen sich erbarmen.

Die uns in Bambuskörben wiegen
Pure Vernunft darf niemals siegen.

…..

Wir sind so leicht, dass wir fliegen,
Wir sind so leicht, dass wir fliegen,
Wir sind so leicht, dass wir fliegen

Text: Salvan Joachim und Julia Pelzl

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