Die Diskussionsteilnehmer und Publikum beim Tiny House Pop-Up in Pasing
Aktuell, Nachhaltigkeit, Stadt, Wohnen trotz München

Sehr, sehr kleine Puzzleteile für sehr, sehr große Probleme: Funktionieren Tiny Houses in München?

Thomas Stöppler
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Lauschig ist es an der Tiny House Pop-Up Stelle in Pasing. Also, so lauschig wie es eben an einer Bahnstrecke sein kann. Wegen der diversen Bahnstrecken gibt es beim Panel zu Chancen von Tiny Houses in der Stadt auch immer wieder kleine Pausen, denn ein Zug nach dem anderen rollt vorbei. Irgendwann auch der Nachtzug nach Italien, der aber keine Sehnsuchtvorstellungen auslöst, weil es hier eben so idyllisch ist: Ein schöner, wilder Garten, in dem Blumen und Nutzpflanzen nur so sprießen. Alles sehr Instagram-tauglich, genau wie die beiden Tiny Houses selbst.

Beides sind moderne Holzbauten, die innen natürlich sparsam, aber hochgradig effizient sind und überraschend viel Platz bieten. Das größere der beiden hat sogar eine kleine Terrasse. Auf dieser sitzen die vier Diskutanten des Panels: Felicia Rief von Tiny Pop Up München, Thorsten Thane von Einfach-Gemeinsam-Leben e.v., Bernadette Felsch vom Münchner Forum und Referentin für nachhaltige Mobilität der Stadt und Anna Hanusch, Stadträtin der Grünen. Geladen waren auch Kritiker des Konzepts, gekommen ist allerdings keiner. Mangels Kritikern versteht man dann auch leider nicht, was man eigentlich gegen Tiny Houses haben kann.

Ein Tiny House ist kein Hochhaus-Ersatz

Das Konzept selbst stellt vor allem Rief vor: Allein durch die wenigen Quadratmeter Platz, die ein Tiny House bietet, senkt man den eigenen ökologischen Fußabdruck immens. Ist ja auch irgendwie streng logisch: Wer keinen Platz für ein neues Sofa hat, kauft sich halt auch keins. Und auch der Holzbau tut dem Klimaschutz gut, schließlich speichert Holz im Gegensatz zu Beton CO2. Außerdem wird der Boden nicht versiegelt, da ein Tiny House kein Betonfundament benötigt.

Ansonsten stellt Rief erstmal klar, dass es nicht darum geht, Hochhäuser in der Innenstadt durch Tiny Houses zu ersetzen, sondern Flächen zu nutzen, wo kein Hochhaus hinkommen kann. Sorge aus dem Publikum, dass Tiny Houses zu Spekulationsobjekten oder Ferienwohnungen verkommen könnten, nehmen Rief und Thane ernst. Aber ein Tiny House müsste immer erster Wohnsitz sein und das ließe sich auch, so Anna Hanusch, gut kontrollieren.

Ein bisschen wie Windräder

Wo der angesprochene Platz für die Tiny Houses ist, bleibt ein wenig offen. Dass auf Netflix Dokus oder eben auf Instagram nie Orte genannt werden, „das passiert aus gutem Grund“, sagt Thane. Denn meistens gibt es keinen Platz für Tiny Houses. Also Platz gibt es natürlich schon, aber nicht juristisch: Das Problem ist, dass Tiny Houses technisch gesehen keine Immobilien sind, da der Boden nicht versiegelt werden muss und sie innerhalb von wenigen Stunden den Standort wechseln können. Gleichzeitig ist ein Tiny House auch kein Wohnmobil. Juristisch bleibt eine Grauzone. Und so berichten Thane und Rief vor allem von Schwierigkeiten, Standplätze zu bekommen. Selbst wenn man theoretisch einen Platz hat wie Thane.

Irgendwie scheinen Tiny Houses ein bisschen wie Windräder zu sein: Findet erstmal jeder gut, will nur anscheinend keiner bei sich vor der Haustür haben. Thane, der im Oberland um einen Standort kämpft, muss sich nicht nur mit Vorwürfen auseinandersetzen, die in die Richtung von kiffenden Wagenburg-Hippies gehen, sondern auch mit Bußgeldern wegen „Schwarzbaus“.

Thorsten Thane, Bernadette Felsch, Felicia Rief und Anna Hanusch auf der Terasse des Tiny House.
Von links nach rechts: Thorsten Thane, Bernadette Felsch, Felicitas Rief und Anna Hanusch

„Ich finde Wagenburgen ja sehr sympathisch“, wirft Felsch ein. Sie tut der Diskussion gut, weil sie immer wieder einordnet, dass es bei der Suche nach Platz, um Grundsatzfragen geht: Wem gehört der Boden und wieso es kein Recht auf Wohnraum gibt. Felschs Mehrfachfunktion in dem Panel – zum einen als Aktivistin im Münchner Forum, zum anderen als Angestellte der Stadt – schadet ebenfalls nicht: Sie erklärt, warum sich Behörden mit juristischen Grauzonen schwer tun: Wenn es keine klare Regelungen gibt, dann fühlt sich eben keiner zuständig und so werden Rief und Thane auf der Suche nach Passierschein A38 von Amt zu Amt geschickt.

Die Frage nach der Relevanz

Hanusch, ebenfalls vor allem um Einordnung bemüht, merkt an, dass die Idee Tiny Houses auf Fabrikdächer oder ähnliches zu setzen, wohl nicht umsetzbar sei: „Die Statik dieser Dächer ist meistens eh nicht großzügig kalkuliert, da kann man auch kein Tiny House draufstellen.“ Öffentliche Grünflächen kommen ebenfalls nicht in Frage, weil sie der Allgemeinheit gehören. In der Stadt bleibt auch bei noch so kleinen Häusern das Problem, dass es einfach nicht genug Platz gibt.  

Ein bisschen nehmen sich Thane und Rief selbst den Wind aus den Segeln, als sie über Zahlen reden: Thane, der die Facebook Gruppe „Tiny House Deutschland“ betreut, meint von den 31.000 Mitgliedern würden vielleicht 200-300 ernsthaft in einem Tiny House leben wollen. 300 Tiny Houses in Deutschland wären sicher schön, aber sie lösen halt kein Problem – weder die Wohnungsnot noch die Klimakrise. Der Effekt ist einfach zu gering.

Anmerkung des Autors: Auf Hinweis von Tiny Pop Up München habe ich eine Zahl, die ich falsch wiedergegeben habe, jetzt aus dem Text herausgenommen. Und bitte um Entschuldigung, ich hatte es einfach falsch verstanden.

Das mag auch ein wenig den fehlenden politischen Willen erklären: Für 300 Menschen das Baurecht zu ändern, ist wohl für viele Parteien schlicht uninteressant. Hanusch will sich trotzdem dafür einsetzen: Denn es geht ja bei den baurechtlichen Fragen nicht nur um Tiny Houses, sondern auch um andere Kleinwohnformen. Und: Tiny Living mag nur ein ganz kleines Puzzleteil sein, aber echte Gegenargumente scheint es eben nicht zu geben. „Wir sind dran“, sagt Hanusch und auch Bernadette Felsch ist optimistisch, dass Thane und Rief bald wirklich in ihren Tiny Houses leben können.

Fotos: Jonas, Tiny PopUp München

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