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Stillstand am Geisterbahnhof

Florian Kappelsberger
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Grauer Beton und verrostende Gleise, umgeben von unzähmbaren Grün: Der Olympiabahnhof am Oberwiesenfeld ist eine der vielen Spuren der Olympischen Spiele von 1972, die bis heute im Stadtbild präsent sind. Die Station wurde im Vorfeld der Sommerspiele gebaut, um die Ströme von Besucher*innen aus der ganzen Welt zu empfangen. Später wurde sie nur noch sporadisch angefahren und nach einem tragischen Unfall im Jahr 1988 dann endgültig stillgelegt.

Seitdem erobert die Natur sie stetig zurück: Zwischen den grauen Schottersteinen sprießen Pflanzen hervor, das verlassene Gleisbett wird langsam von Sträuchern zugewachsen.

Lost Place mit Street Art

Einerseits hat das Bahnhofsgelände damit den Charme eines Lost Place entwickelt, der heute viele Street Art-Künstler*innen und Fotografen anzieht. Andererseits ist der Zutritt zum Geisterbahnhof offiziell verboten, das gesamte Gebiet ist von Bauzaun umgeben. Die Verwaltung unterbindet alle Versuche einer neuen Nutzung; auf Beschluss des Kommunalreferats wurde letztes Jahr etwa ein improvisierter Skatepark abgerissen, was mit der Einsturzgefahr der Bauten begründet wurde.

So bleibt der Olympiabahnhof ein Niemandsland, zwischen subkulturellem Hotspot und Sperrgebiet – obwohl es an Ideen für eine neue Nutzung und Entwicklung des Grundstücks nicht mangelt.

© FUGMANN JANOTTA PARTNER

Bereits im Frühjahr 2017 hat der städtische Bauausschuss einem Grobkonzept für die zukünftige Nutzung des Geländes zugestimmt, das vom Berliner Landschaftsarchitekturbüro Fugmann Janotta Partner vorgelegt worden war. Demnach soll die denkmalgeschützte Anlage des Geisterbahnhofs in eine grüne Landschaft mit Rad- und Fußwegnetz integriert werden. Neben einem Trockenbiotop für geschützte Tierarten sind auch Räume zur Erholung und kreativen Entfaltung vorgesehen. Unter dem Flugdach des Bahnhofkopfbaus soll beispielsweise ein offener Veranstaltungsort entstehen, an dem Ausstellungen, Installationen oder kleinere Events stattfinden können.

© Serhii Torbinov

Begegnungsort für Kunst und Kultur

Ein weiteres Konzept hat der Architekturstudent Serhii Torbinov entwickelt, der dafür mit dem Hochschulpreis des städtischen Referates für Arbeit und Wirtschaft ausgezeichnet wurde. Torbinov entwarf in seiner Masterarbeit einen Erweiterungsbau, der auf der Bestandsstruktur des Olympiabahnhofs aufbaut und darüber zu schweben scheint.

Damit soll der Geisterbahnhof zu einem Begegnungsort für Kunst und Kultur werden, an dem etwa öffentliche Ausstellungen, Galerien oder private Ateliers ein Zuhause finden. So wird die denkmalgeschützte Anlage nachhaltig reaktiviert, während neue Räume für Künstler*innen und Kreative geschaffen werden – ein hochaktuelles Thema, wie die Freiräumen-Demonstrationen vor wenigen Wochen gezeigt haben.

In naher Zukunft wird sich am gegenwärtigen Zustand des stillgelegten Bahnhofs allerdings nichts ändern. Zwar steckt das Projekt, das die Stadt im Jahr 2017 beschlossen hat, bereits in der Vorplanungsphase. Wie der Bezirksausschuss vor einigen Monaten mitteilte, ist vor 2023 aber nicht mit wesentlichen Maßnahmen zu rechnen. Ein Grund dafür: Das Olympiapark-Gelände befindet sich in einer laufenden Bewerbung, um als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt zu werden.

So bleibt es wohl bis auf weiteres dabei – absoluter Stillstand am Geisterbahnhof.


Fotos: © Lucas Thannhäuser

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