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„Wer jetzt noch von einem Hybridsemester redet, der hat den Ernst der Lage nicht verstanden.“ Constantin Pittruff, Studierendenvertreter der HM, im Interview

Constantin Pittruff studiert aktuell Wirtschaftsingenieurswesen an der Hochschule München (HM) im Master. Zudem war er bis in den Sommer Sprecher der Studierendenvertretung der HM und verantwortlich für die Begleitung der Corona-Krise aus Sicht der Studierenden. Eine der Hauptmaßnahmen, die so getroffen wurde, ist die Petition „Kann-Semester – gleiche Chancen für alle Studierenden“. Diese wurde am 31. März veröffentlicht und sammelte innerhalb weniger Wochen knapp 50.000 Unterschriften. Damit wurde eine bundesweite Debatte zu Sonderregelungen im Sommersemester losgestoßen.

Der größte Erfolg der Petition war es, dass das Sommersemester nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet wird. Das wurde mittlerweile in so gut wie allen Bundesländern beschlossen. So konnten auch viele soziale Fragen geklärt werden. Zum Beispiel die Verlängerung der Bafög-Förderhöchstdauer, die weitere Zahlung von Stipendiumsbeiträgen, die Verlängerung der  Studentenwohnheimsdauer und Fragen zur späteren Präsentation auf dem Arbeitsmarkt mit einem verlorenen Semester im Lebenslauf.

Im Moment ist Constantin nicht mehr Sprecher der Studierendenvertretung, aber weiterhin Mitglied der Studierendenvertretung der HM und Digital-Referent. Wir haben uns mit ihm über die Folgen des zweiten Lockdowns für Studierende unterhalten.

Wie wird sich der zweite Lockdown auf das studentische Leben auswirken?

Constantin Pittruff: Die zweite Welle macht auch nicht vor den Hochschulen halt. Wir sind von der Gefährdungslage betroffen und müssen Verantwortung übernehmen. Das heißt für uns insbesondere, dass Kontakte beschränkt werden müssen. Dementsprechend sehen wir aktuell in Anbetracht der Infektionszahlen in München keine Möglichkeit Präsenzlehre stattfinden zu lassen. Dabei wollte man genau das im Wintersemester in Form eines Hybridsemesters wieder ermöglichen. Die einzige Ausnahme stellen hierbei rein praktisch Lehrveranstaltungen dar, die nur in Anwesenheit stattfinden können. Wir wünschen uns aber schon, dass wir uns, ähnlich wie beim ersten Lockdown, auch am zweiten Lockdown beteiligen.

„Wer jetzt noch von einem Hybridsemester redet, der hat den Ernst der Lage nicht verstanden.“

Im August, im September gab es viele Diskussionsrunden mit der Hochschulleitung, den Dozent*innen und den Studierenden, da haben wir uns alle für eine Hybridlösung ausgesprochen. Wir wollten Präsenz ermöglichen, insbesondere für die Erstis und Zweitis im Bachelor. Diese beiden Semester haben die Hochschule noch nie von innen gesehen. Jetzt sind wir im November, wir sind mitten in der zweiten Welle, wir sind mitten im zweiten Lockdown. Aus studentischer Sicht sind wir der Meinung, dass wir uns am Lockdown beteiligen müssen.

Im Moment tun wir das nicht. Es gibt immer noch, wenn auch in geringer Anzahl, Präsenzveranstaltungen, die stattfinden, obwohl sie eigentlich digital angeboten werden könnten. Uns Studierenden wird in diesen wenigen Seminaren oder Vorlesungen keine digitale Alternative angeboten. Hier wünschen wir uns ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein der Funktionsträger*innen der Hochschule. Es findet schon ein gewisses Herunterfahren der Lehre statt, aber aktuell entscheiden die Professor*innen im Einzelfall. So entsteht ein Flickenteppich, den wir gar nicht wirklich kontrollieren können. Wir wünschen uns hier eine klare Aussage der Hochschulleitung, dass sich Präsenz tatsächlich reduzieren muss.

Was für Ansprüche kann man als Studierender in dieser schwierigen Zeit an seine Universität stellen?

Leider gibt es aktuell keine Angebote von Seiten der Hochschule, was die Ausleihe von Geräten zur Umsetzung der Online-Lehre angeht. Da gibt es auch keine finanzielle Unterstützung. Dafür gibt es zwar Zuschüsse, die über das Studentenwerk ausgeschüttet werden. Diese Soforthilfen, die wir im Sommersemester gefordert haben, wurden in einer abgespeckten Version vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung bewilligt. Es gibt aber kein explizites Budget, das angeboten wird, für Gerätekauf oder -ausleihe. Tatsächlich geht man an der HM davon aus, dass alle Studierenden privat die technischen Vorrausetzungen zur Teilnahme an der Online-Lehre schaffen müssen. Wer also keinen Laptop hat, der zoom-fähig ist, der muss sich entweder eines anschaffen oder eines bei Freunden oder Bekannten ausleihen.

An anderen Hochschulen gibt es da schon sozialere Konzepte. Speziell an der LMU gibt es sogar einen Fonds, der errichtet wurde, meines Wissens von Professor*innen und von Studierenden gemeinsam, die so den Studierenden helfen wollen, die keine Geräte kaufen oder ausleihen können. Auch eine Geräteausleihe kann hier beantragt werden.

Wenn wir einen Vorausblick wagen in Richtung Prüfungszeit, stellt sich die Frage wie diese gerecht und angemessen für alle Studierenden durchgeführt werden kann. Im Sommersemester fanden viele Prüfungen wieder in Präsenz statt. Damit werden Studierende aus Risikogruppen, oder Studierende mit regelmäßigem Kontakt zu Menschen aus Risikogruppen benachteiligt. Wie geht die Hochschule mit dieser Frage um?

Wir haben im Sommersemester alles richtig gemacht. Die HM war die einzige Hochschule in Deutschland, die Präsenzprüfungen ausnahmslos verboten hat; begründet durch die potenzielle Gefährdung der Hochschulmitglieder. Nachdem die Gesundheit der Hochschulmitglieder auch unter die Verantwortung der Hochschulleitung fällt, wurde eine Allgemeinverfügung verabschiedet, dass Präsenzprüfungen an der HM nicht erlaubt sind. Dementsprechend haben sich alle Professor*Innen und Dozierenden darauf einstellen müssen alternative Prüfungsformen zu finden. Das hat in der Retrospektive sehr gut funktioniert.

„In der ersten Corona-Welle konnten wir garantieren, dass kein Infektionsgeschehen von der HM ausgeht.“

Indem die Hochschule geschlossen war, die Lehre digitalisiert wurde und Prüfungen online stattfanden, konnten wir in der ersten Corona-Welle garantieren, dass kein Infektionsgeschehen von der HM ausgeht. Das war uns allen in der Governance der Hochschule sehr wichtig, um unserer Verantwortung gerecht zu werden.

Jetzt befinden wir uns in der zweiten Welle und im zweiten Lockdown. Die Situation sieht nun aber ganz anders aus. Die HM rechnet damit, Präsenzprüfungen im Januar teilweise anzubieten. Das ist im Moment den Professor*innen freigestellt. Ob diese dann angeboten werden können, ist von der Infektionslage abhängig. Studierende haben allerdings kein Anrecht auf eine Online-Prüfung. Sie können zwar den Wunsch äußern Online geprüft zu werden, letztendlich kann das trotzdem bedeuten, das Präsenzprüfungen in einigen Fächern angeboten werden und Studierende keine Alternativmöglichkeiten zur Verfügung haben. Sie können also nur unter Risiko an der Prüfung teilnehmen oder die Prüfung in ein späteres Semester schieben. Dieses Problem sehen wir und möchten es gerne beheben. Wir wünschen uns, dass es zu jeder Präsenzprüfung, eine elektronische Fernprüfungsalternative geben muss. Diese Garantie spricht die HM ihren Studierenden allerdings nicht aus.

Beim Thema geschobene Prüfungen landet man schnell wieder bei der Regelstudienzeit. Welche Auswirkungen hatte die Ausnahme des Sommersemesters 2020 aus der Regelstudienzeit für Studierende?

Durch die Verlängerung der Regelstudienzeit wurde auch automatisch die Bafög-Förderhöchstdauer um ein Semester verlängert, für alle Studierende in Bayern. Das hilft insbesondere Studierenden in wirtschaftlichen Notlagen am Ende ihres Studiums. Auch viele Stipendien sind von der Regelstudienzeit abhängig und können nun ein Semester länger ausgeschüttet werden. Ein dritter Punkt ist auch die Verlängerung der Aufenthaltsdauer in Studierenden-Wohnheimen. Auch die ist vielerorts an die Regelstudienzeit gebunden. Deswegen war es sehr wichtig, dass das Sommersemester eben nicht in diese Berechnung einbezogen wird.

Des Weiteren hatten viele Studierende die Sorge, dass sie gegenüber anderen Studierendengenerationen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind – auf Grund des vollständig oder teilweise verlorenen Sommersemesters im Lebenslauf. Dem wollten wir entgegenwirken, indem die verlängerte Regelstudienzeit auf dem Abschlusszeugnis des Studium auch explizit gekennzeichnet sein muss.  So können Arbeitgeber*innen klar nachvollziehen, dass diese*r Studierende ein Corona-Semester durchlebt hat. So soll die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zumindest einigermaßen wiederhergestellt werden.

Nun geht es erneut in ein Corona-Semester. Kann man sich als Studierende*r die Hoffnung machen, dass auch dieses Wintersemester nicht in die Regelstudienzeit zählen wird?

Sonderregelungen jetzt auszuschließen, wäre verantwortungslos. Alles ist davon abhängig, wie sich die Lage verbessert oder verschlechtert. Wir können uns beispielsweise mal vorstellen, dass im Wintersemester Präsenzprüfungen eingeplant sind, aber eine Woche vorher aufgrund der Infektionslage in großen Zahlen ausfallen müssten und es keine Alternative gibt. Das würde eine eindeutige Benachteiligung für Studierende bedeuten. Das dürfen wir Studierende nicht ausbaden müssen. Eine weitere Verlängerung der Regelstudienzeit kann also aktuell nicht ausgeschlossen werden, hängt aber natürlich an der tagesaktuellen Entwicklung der Infektionszahlen.

„Aktuell ist es viel schwieriger neue Sonderregelungen durchzubringen“

Der Weg zu einer zweiten Verlängerung der Regelstudienzeit, ist allerdings ein deutlich steilerer als noch im Sommer. Zu Beginn der Pandemie hatten wir die Situation, dass alle gleichermaßen überrascht waren. Dementsprechend bestand damals keine Planungssicherheit. Auf das Wintersemester konnten sich sowohl Studierende, als auch Lehrende besser einstellen. So wurde auch die Erwartungshaltung an Lehre und Prüfung an die neue Situation angeglichen. Da die Rahmenbedingungen im Vorhinein klarer waren, ist es nun umso schwieriger neue Sonderregelungen durchzubringen.  

Willst du abschließend noch etwas loswerden?

Wir sehen momentan in der öffentlichen Debatte, dass insbesondere Kita und Schule als Schutzgut verstanden wird, welches auch während der Corona-Pandemie offengehalten werden soll. Der Ministerpräsident Söder spricht hier neben Kita und Schule auch von der Hochschule, was letztlich bedeutet, dass die Hochschulen keine Auflagen in Sachen Infektionsschutz von Länderseite bekommen. Wir haben ein Privileg. Wir haben einen Ausnahmezustand. Genauso wie Kita und Schule haben wir alle Möglichkeiten, offen zu bleiben. Aus studentischer Sicht können wir das nicht ganz nachvollziehen. Wir haben im Sommersemester bewiesen, dass wir ein rein digitales Semester bewerkstelligen können. Im Unterschied zur Kita und zur Schule, wo ein rein digitaler Alltag weit mehr Probleme darstellt, haben wir deutlich mehr Möglichkeiten die Corona-Maßnahmen durchzusetzen. Wir sehen die Hochschule nicht in einer Reihe mit Kitas und Schulen. Die universitäre Präsenzlehre ist als nicht gleichwertig schützenswert, wie der Schulunterricht oder die frühkindliche Betreuung und Erziehung.

„Uns ist es wichtig, dass sich auch die Hochschulen am Lockdown beteiligen.“

Gerade jetzt wo wir uns in einem vierwöchigen Lockdown befinden, mit Aussicht auf eine Verlängerung, müssen wir alle an einem Strang ziehen. Deshalb ist es uns wichtig, dass auch die Hochschulen an diesem Strang ziehen und sich auch am Lockdown beteiligen. Die Präsenzlehre muss bis auf wenige Ausnahmefälle komplett herunterfahren werden, um so Kontaktbeschränkungen durchzusetzen. Das ist im Moment noch nicht der Fall. Die Hochschule ist vom Freistaat in Sachen Präsenzlehre freigestellt, die HM gibt diese Verantwortung an die Lehrenden weiter. Das ist eine Diffusion der Verantwortlichkeiten und entspricht nicht einer angemessenen Reaktion auf die Gefährdungslage an der HM. Wir wünschen uns eine Beteiligung der HM am Lockdown, um unserer Verantwortung als Hochschul-Familie gerecht zu werden.

Vielen Dank Constantin.


Beitragsbild: Nathan Dumlao auf Unsplash

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