Bayrische Trachten, Dirndl und Lederhose
Aktuell, Fashion-Ding, Leben

Mythos Tracht: Die wahre Geschichte von Dirndl und Lederhose

Josephina Richardt

"Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" - Mit einem Stift und Papier. Tieranhimmelnde Weltenbummlerin, einfach zufriedenzustellen mit Cola und Kinderschokolade.
Josephina Richardt

Nach der Wiesn ist vor der Wiesn. Und um die Zeit vor der Wiesn zu überbrücken, brauchen wir Münchner*innen schon so unsere zwei, drei Möglichkeiten, uns volksfestlich auszutoben. Leider muss nun aufgrund des Coronavirus auch das Starkbierfest ausfallen – aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben versprechen die Veranstalter*innen.

Neben geschwungenen Maßkrügen und Festzeltstimmung, bieten solche Feste außerdem eine ersehnte Gelegenheit, die Tracht wieder hervorzuholen. Oder vielleicht sogar auf Shoppingtour zu gehen. Schließlich ist es in Bayern nicht unüblich, sich gleich jedes Jahr eine neue zu kaufen. Das gehört einfach dazu.

Dirndl im Trachtenladen.

Doch selbst die größten Trachtenliebhaber*innen lieben oft ein ziemlich falsches Bild davon.

Wofür steht für dich die Tracht?

Für bayerische Geschichte und Tradition, Heimatgefühl und Erinnerungen an sämtliche Volksfeste.“

Das Oktoberfest und sowas wie die Alpen und das Landleben.“

Aufgepasst! Wenn du dich diesen Antworten junger Münchner*innen anschließt und an diesem Bild nicht rütteln möchtest, dann solltest du beim Weiterlesen die Augen schließen. Denn die gepriesene Tradition, auf die wir uns heute beziehen, ist gerade einmal knapp über 200 Jahre alt. Die Heimat der Tracht ist nicht einzig Bayern und seinen Ursprung hat weder die Lederhose noch das Dirndl direkt bei den Bauern und Bäuerinnen.

Die Wiesn- / Volksfesttradition

1810 heirateten König Ludwig I. und Therese von Sachsen-Hildburghausen und machten uns damit das größte Hochzeitsgeschenk: Die Wiesn. Auf dieser Hochzeit fand ein Trachtenumzug aus 16 Kinderpaaren aus zusammengewürfelten Regionen statt. Der Gedanke dahinter war nämlich, die Identität des Königreiches zu stärken – Hut ab vor der wohl genialsten Marketingstrategie der Geschichte. Sie hält sich bis heute.
Die vorgeführten Trachten waren zwar angelehnt an Gewänder des Kleinbürgertums, wirkliche Arbeitskleidung sah so aber nie aus. Das wäre auch eher problematisch geworden:

„Wenn Sie drei Tage mit einer Lederhose im Regen auf dem Feld stehen, haben Sie eine Blasenentzündung und Rheuma. Die wird nicht mehr trocken.“

Alexander Wandinger, Leiter des Trachten-Informationszentrums / Bezirk Oberbayern


Vielmehr waren die damaligen Trachten Ausdruck der damaligen Mode einer bestimmten sozialen Schicht. Diese hat sich im Laufe der Jahre öfters gewandelt, wurde instrumentalisiert und hat geboomt. In den 50er und 60er Jahren beginnt das größte Hoch, von dem noch heute Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und aus dieser Beliebtheit verfestigte sich ein Irrglauben an eine feste bayerische Tradition.
Wusstest du, dass es sogar bis in die 1990er ziemlich untypisch war, in Tracht auf das Oktoberfest zu gehen? Frag mal deine Großeltern!

Ganz schön adelig das Landleben

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließen sich wohlhabendere Damen für ihren Sommerurlaub am Tegernsee Sommerkleider schneidern. Ganz wie die Wittelsbacher, nach Vorbild der ländlichen Tracht, jedoch natürlich an Mode und Stand angepasst. Und hier feiert unser Dirndl seine Geburtsstunde – bei reichen Städterinnen.
Die Lederhose zählte zum Jägergewand. Die Jagd allerdings war dem Adel vorbehalten. Das macht auch die Lederhose zum teuren Kleidungsstück eines herrschaftlichen Adels.
Damit ist das, was wir heute lieben – die Mode der Reichen – zwar angelehnt an die Kleidung der Landbevölkerung, aber hochwertiger und wesentlich arbeitsuntauglicher verpackt.

Lederhosn in verschiedener Ausführung

Die Farben allerdings sind keine Erfindung der oberen Schicht. Der häufig von den Medien verbreitete Mythos, auf dem Land hätte man lediglich graue und braune Gewänder getragen, ist genauso falsch wie das Bild von der einen bayerischen Tracht. Im Trachteninformtionszentrum des Bezirks Oberbayern liegt zum Beispiel eine elegante, kräftig rot strahlende Jacke und beweist das Gegenteil: Auch auf dem Land wurde bunt getragen.

Bauernjacke
Ausstellung von historischen Trachten im Trachteninformationszentrum

Fun Fact: Das Wort „Tracht“ bedeutet ursprünglich schlicht „tragen“ und stand allgemein für das äußere Erscheinungsbild. Somit gibt es nicht nur in Bayern eine Tracht, sondern genauso z.B. in der Schweiz, Österreich oder Osteuropa.

Unsere Tracht ist (High-) Fashion

Tracht ist eine Modeerscheinung. Und Mode verändert sich, so wie sie auch von der Geographie abhängt und Geschmacksache ist. Das kennen wir alle. Schau nur mal zurück auf das, was du vor zehn Jahren getragen hast. Und schauen wir uns Trachtenvereine an; sie alle haben eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie eine Tracht auszusehen hat.
Frauenmode hält sich übrigens oft ein wenig länger als Herrenmode.

Zum Schluss noch ein letzter Fun Fact: Eine bedeutende Veränderung in der Trachtenmode war die Position der Taille. Ältere Mieder weisen eine Dreiecksform auf, hier saß sie weit unten. Die Erklärungen, warum sie nach oben gewandert ist, sind so vielfältig wie kurios: So soll die Taille durch eine Schwangerschaft etwa einfach mal eben nach oben rutschen.
Ob sich nun unsere Anatomie oder doch eher schlichtweg die Mode geändert hat, bleibt deiner Fantasie überlassen.

Am Ende ist es doch das Wichtigste, dass Tracht bei fast jedem mit einer guten Zeit mit Freunden und Familie verbunden wird. Und so soll es bleiben.
Darauf ein Prosit!


Bilder: Dirndl, Lederhosn & Beitragsbild: © Pixabay
Bauernjacke: © Trachten-Informationszentrum / Bezirk Oberbayern

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons