Betroffenen häuslicher Gewalt helfen nichtallein
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„nichtallein“ wollen Betroffenen von häuslicher Gewalt jetzt helfen und brauchen eure Unterstütung (Interview)

Yannik Gschnell

Lena, Ida und Leo, alle 24, studieren Mangement und soziale Innovationen an der Hochschule München. Im Rahmen ihres Studiums haben sie ein Projekt auf die Beine gestellt, das Opfern häuslicher Gewalt jetzt helfen soll. Ich habe mich mit ihnen über ihr Projekt und ihre Pläne für die Zukunft unterhalten. Wenn ihr euch mit den dreien vernetzen wollt, klickt hier.

Was ist euer Projekt nichtallein?

Leo: Im Prinzip geht es uns darum, dass wir die Betroffenen häuslicher Gewalt mit dem bestehenden Hilfsangeboten vernetzen. Das ist aktuell besonders notwendig, weil in der CoronaPandemie häusliche Gewalt oder allgemein häusliche Probleme stark zugenommen haben. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Betroffenen den Täter*innen schlechter ausweichen können. Andererseits entstehen vermutlich auch sehr, sehr viele Situationen erst dadurch, dass man aufgrund des Lockdowns zusammengepfercht ist.

Ida: Vor allem möchten wir die Hemmschwelle für Betroffene bei der Suche nach Hilfe senken. Viele Kinder und Jugendliche melden sich nicht beim Jugendamt oder bei Hilfsangeboten, weil sie gar nicht wissen, was passiert, wenn sie da anrufen. Wir wollen zum einen eine Plattform schaffen, auf der sich Kinder und Jugendliche sicher fühlen und zweitens die Thematik in die Mitte der Gesellschaft tragen, um ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen.

Leo: Genau, wir sehen drei wesentliche Probleme: Einerseits wird das Thema häusliche Gewalt öffentlich nicht ausreichend besprochen, also wissen die meisten Menschen nichts oder zu wenig von solchen Hilfsangeboten. Das führt dazu, dass Betroffene in Notlage nicht wissen, wo sie sich melden können.

Wenn euer Projekt eine Person wäre, wie wäre diese Person?

Leo: Mit einigen Adjektiven würde ich diese Person, unsere Person, als sorgsam, geduldig, ruhig und vertrauensvoll beschreiben.

Lena: Für mich wäre es eine herzliche Person, die immer ein offenes Ohr hat, für jeden da ist und jedem sofort glaubt, wenn man mit seinen Problemen zu ihr kommt.

Ida: Ich glaube, wenn wir diese Person auf ein Wort reduzieren müssten, wäre es hilfsbereit.

Wie kam es dazu, dass ihr euch mit dem Thema beschäftigen wolltet?

Lena: Entstanden ist diese Idee als Uniprojekt im Sommer im Rahmen eines Kurses zu Social Entrepreneurship. Da sollten wir eine Idee entwickeln zum Thema Social Distancing. Dabei sind wir sehr schnell auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam geworden, weil wir registriert haben, dass solche Vorfälle während des Lockdowns stark angestiegen sind.

Unsere Motivation war sehr hoch, nachdem wir dieses Problem erkannt haben, weil es keine zentrale Seite gibt, wo man Hilfe finden kann, die auch kinder- und jugendgerecht ist. Zudem war es uns wichtig, eine möglichst niedrige Hemmschwelle zu schaffen für Betroffene, die sich informieren wollen und nach Hilfe suchen. Daraufhin kam uns die Idee einer Plattform-Lösung, für die wir jetzt im Wintersemester ein Geschäftsmodell entwickelt haben.

Leon: Geschäftsmodell heißt in dem Fall nicht, dass wir da Profit rausschlagen wollen. Überhaupt nicht, sondern das Konzept von Social Entrepreneurship ist, dass man in Simme einer allgemeinen wirtschaftlichen Logik Gutes tut.

Ida: Wir fokussieren uns erst einmal darauf, den Betroffenen zu helfen und am Ende soll sich das Ganze auch wirtschaftlich tragen können. Geld steht dabei aber nicht im Fokus, sondern ist nur Mittel zum Zweck.

Welche Bedeutung hat das Projekt für euch? Fühlt es sich mittlerweile schon nach mehr an, als nur ein Uni Projekt?

Leo: Ja, definitiv. Ich finde, dass das Thema sehr, sehr wichtig. Wir haben auch schon während dem Semester deutlich mehr gemacht als man für den Kurs hätte investieren müssen. Es macht uns traurig, dass es bestehende Hilfsangebote gibt, die aber nicht genutzt werden. Auf der einen Seite sehen wir hier unnötiges Leid des weiterbesteht und auf der anderen Seite verschenktes Potential, denn in die Maßnahmen wird ja viel Geld reingesteckt. Da ist es einfach jammerschade, dass sie nicht genutzt werden.

Plattformbasierte Lösungen zur Vernetzung sind ja an sich nichts Neues. Warum gibt es das im Bereich Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt noch nicht?

Ida: Weil das bis heute ein sehr schwieriges Thema ist. Das bleibt weiterhin ein Tabuthema. Wenn das Thema häusliche Gewalt aufkommt, dann verschließen viele ihre Augen. Die Menschen, die an Lösungen arbeiten, haben da oft einen sehr lokalen Bezug dazu und wollen direkt helfen.

Eine zentrale Lösung war da noch nicht auf der Agenda. Die Vernetzung ist da oftmals erst ein zweiter Schritt. Viele Organisationen haben ihre eigenen Baustellen und versuchen zunächst einmal selbst Betroffenen zu finden, um ihnen Lösungen anzubieten. Eine Plattform, die Betroffene und die Hilfsorganisationen vernetzen, gibt es tatsächlich noch nicht.

Leo: Ein weiterer Punkt ist, dass die Hilfsorganisationen vielleicht gar nicht so die Marketing Spezialisten sind, was sie auch gar nicht sein müssen, weil es ja ihr Tagesgeschäft ist, den Betroffenen konkret zu helfen. Genau hier können wir unseren Beitrag leisten. Wir wollen die Hilfsangebote sichtbarer machen, damit mehr Betroffene diese Angebote nutzen können.

Mucbook: Ich war ja zum Pitch eures Projektes anwesend und durfte einen ersten Prototypen der Website sehen, dabei ist mir eine Funktion in Erinnerung geblieben, die Betroffenen auf Hilfesuche Filtermöglichkeiten anbietet. So können sie auswählen, ob sie erst einmal Infomaterial lesen möchten, zu einem Chatroom weitergeleitet werden möchten, oder direkt mit professioneller Hilfe telefonieren wollen.

Was hat es mit dieser Funktion auf sich?

Leo: Die Idee dahinter ist, dass Hilfesuchende sofort nach wenigen Fragen das passende Angebot bekommen, gleichzeitig wollen wir so aber auch sicher stellen, dass Hilfsanbieter an Betroffene vermittelt werden, denen sie auch wirklich helfen können, quasi ein doppeltes Matching. Die Funktion, die du ansprichst, hat den Hintergrund, dass wir den Betroffenen in den Mittelpunkt stellen wollen, damit sie oder er für sich entscheiden kann, wie es weitergehen soll.

Lena: Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Nicht jeder möchte sofort im persönlichen Gespräch über die eigene Situation reden. Vielleicht tut es auch erst mal gut einer Betroffenen-Chatgruppe beizutreten, um niederschwelliger darüber zu schreiben und so seine Geschichte zu erzählen. Im Gespräch mit anderen Betroffenen kann der Anstoss, sich Hilfe zu suchen vielleicht besser durchdringen. Wir wollen durch diese verschiedenen Möglichkeiten, für Jeden individuell Hilfe anbieten. Manche Menschen sind verschlossener und trauen sich nicht darüber zu reden, andere brauchen sofort Hilfe, wissen aber nicht ganz genau, was das Passende ist.

Wie war das Feedback von Hilfsorganisationen zu eurem Projekt?

Lena: Sehr positiv. Im Gespräch mit Sonja Howard (Mitglied im UBSKM und tätig im Familienministerium) kam besonders heraus, dass wir durch unser Projekt das Thema häusliche Gewalt zum Alltagsthema machen. Das ist sehr wichtig, denn viele Kinder und Jugendliche wissen nicht ganz genau, wo sie sich melden müssen.

Vor allem braucht es oft sehr viele Schritte bis man sich bei jemandem melden kann. Mir fällt auch gerade wieder eine Studie ein, die besagt, dass ein Kind sechs bis sieben Erwachsene kontaktieren muss, bis diesem Kind dann geholfen wird. Das wollen wir umgehen. Wir wollen, dass Hilfesuchende auf unsere Plattform kommen und sofort, in dem Moment die Hilfe bekommen, die sie benötigen.

Wer unterstützt euch bei der Umsetzung eurer Idee?

Leo: Da kann man auf jeden Fall Sonja Howard nennen, die wir ja schon angesprochen haben. Außerdem kommt auch von der Hochschule viel Unterstützung durch unsere Professoren. Aus dem Studiengang selbst kommt auch ein sehr positives Echo. Egal mit wem wir darüber sprechen, kommt die Frage: Hey, wie kann ich helfen? Wie kann ich unterstützen?

Deshalb hier der Aufruf: Das Wesentliche wonach wir aktuell suchen ist tatsächlich die technische Umsetzung der Plattform selbst. Wenn es also da draußen ein IT-Unternehmen gibt, das bereit wäre pro bono für ein gutes Projekt zu entwickeln, meldet euch gerne bei mir. 

Das andere Thema wäre die finanzielle Unterstützung. Wir arbeiten alle ehrenamtlich, wie sich das langfristig tragen kann wird sich zeigen. Aber jetzt, gerade am Anfang brauchen wir eine Anschubfinanzierung. Zu guter Letzt suchen wir nach Hilfsorganisationen, die Interesse an unserer Plattform haben.

Bei Interesse meldet euch gerne auf LinkedIn bei mir.

(Den Link zu Leo Muecks LinkedIn Profil findet ihr hier.)

Was sind eure persönlichen Ziele für euer Projekt?

Ida: Mein persönliches Ziel ist es, dass wir die Plattform umsetzen. Von der Powerpoint-Folie zur echten Website. Das wollen wir schaffen. Das ist mein nächstes Ziel. Langfristig möchte ich mit der Plattform darauf aufmerksam machen, dass es Betroffene gibt, und dass die Betroffenen nicht alleine sind, egal welche Schwere der Betroffenheit, da wollen wir allen einen Platz geben.

Leo: Da schließe ich mich auf jeden Fall an. Das Wichtigste ist erst mal, dass wir einen ersten Prototyp auf die Beine stellen. Das Produkt haben wir, aber es muss jetzt möglichst schnell online gehen. Dafür muss noch einiges getan werden. Darauf freue ich mich sehr.

Lena: Ich sehe das genauso. Jetzt wollen wir erst einmal die Plattform bauen. Vielleicht auch irgendwann einen Social Media Auftritt auf die Beine stellen. Aber zunächst wollen wir uns weiter vernetzen und möglichst viele Kooperationen vorantreiben, damit unsere Idee möglichst bald online gehen kann.

Danke für das Interview Lena, Ida und Leon.

Wenn ihr über wissen wollt wie es mit nichtallein weitergeht, vernetzt euch mit Leo bei LinkedIn. (Hier nochmal der Link zu Leos LinkedIn Profil )


Beitragsbild: © nichtallein

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