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Vom Callcenter auf die Lesebühne: Stefanie Sargnagel im Volkstheater

Manche Menschen sind plötzlich in aller Munde und keiner weiß, woher sie eigentlich so genau kamen und was sie so genau können. Das gilt etwa für „It-Girls“ wie Paris Hilton oder Kim Kardashian. Österreich hat seit kurzem auch so ein It-Girl. Kleine Korrektur: ein „Beisl-It-Girl“. So nannte sich jedenfalls die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel einmal ein wenig selbstironisch.

Ein bisschen was ist da wohl trotzdem dran. Die plötzliche Popularität der Wienerin lässt sich nicht einzig und alleine auf ihr publizistisches Schaffen reduzieren. Da ist zum Beispiel noch ihr unverkennbares Markenzeichen, die lässige rote Baskenmütze, die sie so beharrlich trägt wie sonst nur Wolfgang Petry seine Freundschaftsbänder oder der Wanda-Sänger seine stinkende Lederjacke. Da gibt es den andauernden Social-Media-Beef mit den „Identitären“ (eine rechte Gruppierung in Österreich). Und da ist auch einfach ihre charismatische Persönlichkeit, die in Interviews oder bei Auftritten hervortritt.

Smartphone und Alltag

Das publizistische Schaffen von Sargnagel dagegen reduziert sich überwiegend auf das, was sie den lieben langen Tag so in ihr Smartphone tippt, auf ihre Facebook-Status, die bereits dreimal in gesammelter Form den Weg auf den Buchmarkt fanden. Das sind scharfsinnig-witzige Alltagsbeobachtungen zwischen Callcenter-Job und Parkbank, Aphorismen für Studienabbrecher und Down-Shifter, liebenswerter Größenwahn in kleinen Häppchen.

Ein paar Kostproben:

“21.02.2015 Ich glaub ich lass mich jetzt vom nächstbesten notgeilen Alki schwängern und werde die sickste Mami-Bloggerin ever”

“06.03.2015 In achtzig Tagen aus dem Bett”

“19.02.2015 Dass der Tod in unserer Gesellschaft ein Tabuthema ist, ist im Siebenbrunnencafé definitiv nicht angekommen: Gsturbn, gsturbn, gsturbn. Rudi, Hermi, Karli. Unfoll, kraunk wurn, gsturbn. Kriag, Spitol und schwaches Herz. Gsturbn, gsturbn gsturbn.”

“Ich ess die Pennymarkt-Kirschen ungewaschen. Es ist wie inneres Ritzen”

Die SZ findet, sie sei damit “die erste deutschsprachige Autorin (…), die im Netz die Form für sich gefunden hat, die passt, die nicht nervt, die als Literatur funktioniert“. Einverstanden. Zuletzt erschien „Fitness“ im Verlag von Wanda-Manager Stefan Redelsteiner. Mit „Binge Living: Callcenter Monologe“ war ihr bereits 2013 ein Überraschungserfolg geglückt.

Letzter Halt: Volkstheater

Den prekären Callcenter-Job ist Stefanie Sargnagel mittlerweile los. Somit bleibt ihr auch mehr Zeit für Dinge wie Lesereisen. Am Samstag war sie im Münchner Volkstheater zu Gast, der letzte Termin ihrer aktuellen Deutschland-Tour.

Im restlos ausverkauften und mit Sitzplätzen gefüllten Foyer des Volkstheaters betrat die Autorin pünktlich, mit abgegriffenen Exemplaren ihrer Bücher bewaffnet, die aus einem Tisch und einem kleinen Licht bestehende Lesebühne. Vermöge einer ausgetüftelten Post-it-Technik las sich Sargnagel virtuos durch eine Auswahl ihrer besten Zweizeiler und Kurzgeschichten. Dazwischen wurden diese von ihr zum besseren Verständnis in den Kontext gesetzt oder um spontane, lakonisch-witzige Anmerkungen und Erklärungen ergänzt. Das Publikum nahm jede Pointe, jedes bisschen Sargnagel-Wisdom, dankbar und schmunzelnd bis laut lachend auf. Wer mit den Buchveröffentlichungen oder ihren Lesungen bereits vertraut war, erlebte sicher keine großen Überraschungen. Über manche literarische Punchline musste man dennoch wiederholt schmunzeln. Da sie inzwischen eine relativ große Fanbase hat, sind solche Auftritte für Sargnagel eigentlich ein Heimspiel. Der Applaus war ihr sicher. Dass sie sich aber auch vor Konfrontation nicht scheut, davon zeugt ihr Engagement gegen rechte Kräfte in Wien oder die Mitgliedschaft in Österreichs erster rein weiblicher „Burschenschaft“, der Burschenschaft Hysteria. Generell steht über allem Schaffen aber immer ganz dick der Humor. So verließen auch die Besucher des Volkstheaters schmunzelnd und in kleinen Grüppchen resümierend den Saal.

Und zum Schluss auf die Wiesn

Nach einer guten Stunde war die Lesung dann nämlich auch schon vorbei. Ein kurzer Spaß für den doch stattlichen Vorverkaufspreis von 16,90 €. Die Würze liegt bei der ehemaligen Kunstlangzeitstudentin wohl generell eher in der Kürze. Wie man Facebook entnehmen kann, wurde der angebrochene Abend von der Autorin noch zu einem kurzen Wiesnbesuch genützt. Neben Justin Bieber sicher der spektakulärste It-Girl-Wiesnbesuch dieses Jahr.


Beitragsbild: Powerline Agency

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