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Warum tust du das? Mit Christoph Brenzinger von Streetvoice

Laura Siegenführ
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Zu Hause sein und zu Hause bleiben war wahrscheinlich selten so wichtig wie im letzten Jahr. Während die meisten von uns alle alltäglichen Aufenthaltsorte nach Hause verlegten und das Wohnzimmer plötzlich zu Büro, Fitnessstudio und Schule gleichzeitig wurde, verdeutlichten die leeren Straßen eine Realität, die oftmals ignoriert wird: nicht jede*r kann zu Hause bleiben. Zwischen Home-Workouts und veganen Rezepten, die uns unsere überflüssige Zeit in den eignen vier Wänden versüßen sollen, gibt der Instagram-Kanal Streetvoice all denjenigen eine Stimme, die auf Social Media Plattformen nicht oft zu Wort kommen.

Christoph Brenzinger von Streetvoice gab uns einen Einblick in seine Arbeit und die Situation auf der Straße. Ab dem 3. November ist das Material von Streetvoice übrigens auch in der Ausstellung „Wer ist der Nächste?“ im Architekturmuseum der TUM zu sehen.

Christoph, was ist Streetvoice? 

Streetvoice ist ein Projekt, welches Leuten, die oft übersehen oder nicht gehört werden eine Stimme geben soll. Vor allem Obdachlose sind hier betroffen. Wir sprechen mit ihnen über Ihre Ansichten, Ihre Vorstellungen vom Leben und wie sie in die Situation gekommen sind, um an diesen Punkten die Problematik aufgreifen und verstehen zu können. Ohne Verständnis keine Lösung. 

Was ist neu, anders und einzigartig an eurem Projekt?

Die grundlegende Idee war, dass sich im Internet alles nur noch um „sehen und gesehen werden“ und „ich zeige wie toll alles ist“ dreht. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die Menschen – gerade junge Leute, die damit aufwachsen – vergessen, wie die Realität wirklich aussehen kann. Wir wollen niemanden verändern oder beeinflussen, aber das Blickfeld ein wenig erweitern, sodass der ein oder andere – darunter auch wir selbst – zweimal hinsehen, bevor wir Schlüsse ziehen. Neu und einzigartig ist „Streetvoice“ wohl nur, weil zuvor noch nie direkt auf Obdachlose oder Bedürftige zugegangen wurde, um einfache Gespräche mit ihnen zu führen und deren Meinung zu bestimmten Themen, die vor allem die angesprochenen Personen betreffen, einzuholen. 

Was definiert ein Zuhause?

Ein Platz der Sicherheit bietet!

Was habt ihr von Menschen ohne Zuhause gelernt?

„Ich stecke nicht den Kopf in den Sand, das mache ich nicht! Wenn man das macht, geht man kaputt oder stirbt!“, war eine der Aussagen auf der Straße, die mir am meisten im Kopf hängen geblieben ist. Wir bewundern immer wieder, wie glücklich die Obdachlosen sind, wenn man nur einfache Geschichten austauscht, einen Kaffee zusammen trinkt oder gemeinsam lacht. Die Aufgeschlossenheit, Dankbarkeit und vor allem auch die Offenheit über intensive, persönliche Themen zu sprechen ist absolut beeindruckend und ändert – meiner Meinung nach – definitiv die Sicht auf die Dinge und vor allem den Umgang mit anderen Menschen. Der erste Eindruck muss sich verändern können. Das sollten wir alle definitiv zulassen! Persönlich nehme ich mit, dass Menschlichkeit eins der wertvollsten Güter ist, die wir besitzen. Dieses Gut sollten wir nicht vernachlässigen.

Was müsste sich für Menschen auf der Straße verändern? 

Das lässt sich oft nicht so leicht definieren, da sich einige Personen mit denen wir sprechen, bewusst für dieses Leben entschieden haben! Wir haben erfahren, dass die Probleme in Wohnheimen teilweise viel schlimmer sind, als auf der Straße. Uns wird erzählt, dass hier viel mehr gestohlen wird und auch der zwischenmenschliche Umgang zu wünschen übriglässt. Eine Frau erzählt uns ihre Geschichte aus dem Wohnheim. Sie möchte dort gar nicht erst leben, da hier zu viele Vorschriften vorherrschen, die es so auf der Straße nicht gibt. Dass es Regeln geben muss, ist uns bewusst, aber man müsste mit den Personen, die die Möglichkeit auf ein Wohnheim nutzen wollen, sprechen, um Bedürfnisse zu decken und auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. 

Was ist euch besonders wichtig? 

Unser Ziel ist es, dass der Blickwinkel verändert werden kann und man auch den Leuten Gehör schenkt, die es definitiv nötig haben. 

Wie hat die Corona-Pandemie die Situation von Obdachlosen beeinflusst? 

Das größte Problem ist, dass viele Hilfsorganisationen und Tafeln während der Pandemie geschlossen haben, während die Obdachlosen sich auf der Straße selbst überlassen sind. Der Zugang zu sanitären Einrichtungen ist außerdem nur begrenzt möglich. Kleine Einnahmequellen wie Pfandflaschen oder Kleingeld, welches oft an großen Plätzen wie dem Marienplatz „erbettelt“ werden kann, bleiben oft aus, da die Leute vermehrt zuhause bleiben. Auch der Kontakt zu Obdachlosen wird dadurch vermehrt gemieden.

Wie kann man euch und Menschen auf der Straße am besten unterstützen?

Zu den Menschen auf der Straße: In erster Linie mit Menschlichkeit und Offenheit. Wenn man zuhause den Schrank ausmistet und vermeintlich „alte“ Klamotten aussortiert, kann man sie auch direkt an Ort und Stelle an bedürftige Personen abgeben. Wir haben zu unseren Gesprächen immer Tee, Kaffee und Sandwiches mitgebracht. Grundsätzlich gilt, dass man nie etwas Falsches gibt, solange es mit der richtigen Absicht geschieht. 

Zu uns: Seid einfach cool mit den Leuten auf der Straße, zeigt Herz und schaut nicht weg. Wenn ihr die Sachen gut findet, die ihr bei uns findet gebt ein Herz oder teilt.

Eure Infos im Netz?

_streetvoice_ 


Beitragsbild: © Streetvoice / Christoph Brenzinger

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