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Warum tut ihr das? Mit Brigita, Barbara und Monika von Barabern und Strawanzen

Esra Yüceyurt

Was habe ich in meinem Leben bisher hinter mir gelassen und welche Dinge sind trotzdem noch nah bei mir? Wie viel Abstand brauche ich um mich weiter zu entwickeln, ohne dass ich mich von Menschen, die ich liebe, distanziere? Alle diese Fragen haben eine Sache gemeinsam: Distanz. Das war auch das zentrale Thema des diesjährigen Soundwalks „Barabern und Strawanzen“. In gemeinsam erarbeiteten Audioführungen wurden verschiedene Geschichten von Menschen erzählt, die ihre Migrations- und Fremdheitserfahrung teilen. Doch was bedeutet überhaupt „Distanz“ und wie kam der Audiowalk bei den Teilnehmer*innen an? Diese und weitere Fragen beantworteten Brigita, Barbara und Monika:

Warum tut ihr das?

Monika: Ich möchte Menschen, die vielleicht sonst keine hätten, eine Stimme verleihen. In dieser Stadt gibt es so viele unterschiedliche Akteur*innen aus so diversen gesellschaftlichen Gruppen, aber die wenigsten werden tatsächlich in der Stadtgesellschaft abgebildet. Es gibt den Begriff der Cultural Democracy, also kulturelle Demokratie, das besagt, dass Menschen einen aktiven Zugang zur Kultur haben müssen, um gesehen und gehört zu werden.

Barbara: Wir geben Menschen mit Fremdheits- oder Ausgrenzungserfahrung einen öffentlichen Raum, indem wir ihre Geschichten publik und für viele nachvollziehbar machen. Sonst werden sie nicht gehört, weggedrückt oder negativ angesehen. Einerseits hört man berührende Geschichten von anderen Menschen und andererseits kann man seine eigene Geschichte damit verbinden. Menschen, die ihre Heimat verloren haben, können sich dadurch besser orientieren und neue Ecken kennenlernen. Es ist auch eine Hommage an einen Freund von mir aus Afghanistan und seine Kultur. Er hatte sich für das Land eingesetzt und für die Demokratie gekämpft, dabei ist er leider verstorben.

Brigita: Wie ich zu dem Projekt kam, ist stark geprägt durch meine eigene Migrationsbiografie, beziehungsweise der meiner Eltern, die aus Jugoslawien kommen. Viel hat auch mit den Erfahrungen während meiner Schulzeit zu tun. Es hat sich keiner dafür interessiert, nicht mal meine Lehrer, woher ich komme und worüber wir in meiner Familie sprechen – und zwar den Krieg. Im Studium habe ich es dann geschafft, meinen Weg zu finden und eine Verbindung zu der Stadt München und in Deutschland herzustellen, auch über Menschen die ähnliche Erfahrungen machten. Letztlich zieht sich jede dieser Geschichten durch meine Aktivitäten und auch durch das Projekt.

Wieso habt ihr als Ausdrucksform den Soundspaziergang gewählt?

Brigita: Mich hat diese Idee fasziniert, dass man in einer Gruppe durch die Stadt geht und sich mit dem Text im Ohr bewegt. Dadurch wird eine ganz andere Wahrnehmung der Stadt geschaffen, eine die man im Alltag nicht hat. Das macht das Format aus, es verändert die Sinneseindrücke komplett für den Moment und man ist in einer anderen Welt. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, auch wenn man durch die Kopfhörer getrennt ist.

Monika: Das Tempo spielt eine große Rolle, an welcher Stelle ich etwas höre und welche Blicke sich mir dadurch öffnen. Damit kann man beeinflussen, ob die Texte gut ankommen oder wie viel man mitnimmt.

Barbara: Wir haben diskutiert, ob wir nicht auch Bilder dazunehmen sollen, aber wenn man sich nicht nur auf das Hören konzentrieren kann, geht viel von der Geschichte verloren. Bilder auf dem Handy würden da nur ablenken.

Wie habt ihr die Orte und Geschichten ausgesucht?

Barbara: Es wurde viel diskutiert, da es natürlich auch einen Bezug zu den Geschichten geben sollte. Aber es hat sich alles irgendwie magisch gefügt. So haben wir auch die Kneipe „Yol“, also zu Deutsch „Weg“, auf der Führung gehabt. Die Geschichte dahinter hat ebenfalls mit Ausgrenzung und Migration zutun. Es hat sich einfach alles wunderbar ineinander verschachtelt und wir haben unsere Geschichten zusammen integriert.

Brigita: Man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist alle Beteiligten und ihre Geschichten auf einer Route, mit einem Ort zu verbinden. Man benötig eine gewisse Flexibilität dafür und letztendlich müssen auch Lücken gefüllt werden. Zum Glück hat aber am Ende alles Sinn gemacht und sich in eine sinnhafte Erzählung gefügt.

Wenn ihr das Projekt in drei Worten zusammenfassen müsstet, welche wären das?

Brigita: Auf jeden Fall kollaborativ, kreativ und berührend. Kreativ könnte man noch mit sinnesöffnend ergänzen.

Monika: Ich hätte gesagt, Orte und Geschichte teilend.

Das Thema ist Distanz, was bedeutet das für euch?

Brigita: Für mich hat Distanz mehrere Ebenen. Einmal die gesellschaftliche, diese besteht unter anderem aus Arbeit und meinen eigenen Erfahrungen. Hier stellt sich die Frage, wie können wir in Zukunft eine inklusivere Gesellschaft erleben? Dann gibt es noch eine persönliche Ebene: Die Distanz zur eignen Geschichte zu erfahren, zu anderen Menschen und auch der Kampf um Nähe und wie man sie halten kann. Aber auch zu wissen, wann Abstand angebrachter ist, als an Nähe festzuhalten.

Monika: Für mich ist da noch die zeitliche Distanz: „Was habe ich in meinem bisherigen Leben alles hinter mir gelassen und welche Dinge sind trotzdem noch nah bei mir? Wie viel Distanz brauche ich um mich weiter entwickeln zu können ohne dass ich mich zu sehr von Menschen die ich liebe zu distanzieren? Wie kann ich das und neue Erfahrungen miteinander vereinen?“

Barbara: Distanz ist ja ein neutraler Begriff, es kommt drauf an wie ich ihn besetze. So kann es angebracht sein sich zu distanzieren, abzugrenzen, zu schützen aber auch genauso kontraproduktiv, das ist immer situationsbedingt.

Wie haben denn die bisherigen Teilnehmer auf das Projekt reagiert?

Brigita: Die Reaktionen bei der Premiere waren überwältigend schön, sie waren sehr beeindruckt. Wir hätten selber nicht gedacht, wie toll das alles funktioniert. Die Teilnehmer*innen waren sehr zugänglich, man hat vor allem gegen Ende gemerkt, die Geschichten öffnen die Menschen.

Barbara: Für mich war das Highlight ein Satz: “Ich bin Münchner und habe meine Stadt noch einmal ganz anders kennengelernt.” Das war eigentlich so der Ritterschlag für mich.

Monika: Nach jedem Durchgang hatten wir eine Diskussion eröffnet und Raum für Fragen gelassen. Anfangs waren alle noch zögerlich und haben die Geschichten verarbeitet. Nach einer kurzen Zeit aber sind alle zugänglicher geworden und haben persönliche Gespräche gesucht. Dadurch haben wir nochmal ganz viele unterschiedliche Blickwinkel kennenlernen dürften.

Zukunftspläne?

Brigita: Wir schauen, dass wir nächstes Jahr, wenn es sich ergibt eine Wiederholung machen. Ich finde was entstanden ist, kann man definitiv noch einmal bringen.


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Beitragsbild: © Brigita Malenica

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