Rathausschau, Stadt

Wehret den Anfängen! – Kundgebung gegen Antisemitismus

Gestern fand auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München eine Kundgebung gegen Antisemitismus und Antizionismus statt. Hohe Politprominenz, viele israelische Flaggen und sehr wenige, sehr friedliche Gegendemostranten. Wie konnte da die Stimmung kippen?

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

Der bayerische Bildungsminister Ludwig Spänle, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, sowie der ehemalige Bürgermeister Christian Ude und der Vize-Bürgermeister Joseph Schmidt, sind Gastredner an diesem Tag auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus. Neben ihnen sprechen außerdem der Weihbischof Wolfgang Bischof und Susanne Breit-Keßler, die Regionalbischöfin der evangelischen Kirche Bayern.

Ein geistlicher Vertreter des Islam dagegen ist nicht anwesend. Organisiert wird die Kundgebung von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, deren Präsidentin Charlotte Knobloch ebenfalls auf der Bühne spricht. In der Vorrede dankt man vor allem der „besonders neutralen Berichterstattung der (Beispiel-) Zeitung B, namentlich der Welt, der BILD und dem Axel Springer Verlag in toto.“ Glückwunsch an die Kollegen an dieser Stelle…

Der Aufruf an die deutsche Zivilgesellschaft, rechtsextremistische und pro-palästinensische Vermischung zu verneinen und sich gegen die antisemitischen Parolen, die bei den Demonstrationen in ganz Deutschland gerufen werden, zu stellen, wird von allen Rednern eindringlich vorgebracht. Angesichts des Angriffs auf die Synagoge in Wuppertal am Tag zuvor eine wichtige Forderung.

Ein Deutschland, in dem Juden sich verfolgt fühlen, darf es nicht geben und nicht zuletzt deshalb ist die hohe Anwesenheitsrate politischer Prominenz auch ein gutes Zeichen der Unterstützung durch die Regierung. Der Apell richtet sich jedoch vor allem an die deutsche Zivilbevölkerung, die sich mutig „denjenigen entgegenstellen soll, die den Tod von Juden fordern.“

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

Die Politiker bekräftigen, dass das Existenzrecht Israels immer Teil der deutschen Staatsraison bleibt. Kritik an der Regierung Benjamin Netanjahus wurde nicht geübt, aber gemahnt, dass jeder dank der Meinungsfreiheit das Recht habe Kritik zu üben. Allzu viele würden jedoch die Meinungsfreiheit als Deckmantel für öffentliche Hetze missbrauchen. Auch damit hat Spänle einen wichtigen Punkt angesprochen.

Die eigentlich friedliche Stimmung wurde ein wenig getrübt von den Ordnern des jüdischen TSV Maccabi, die von den Organisatoren eingesetzt wurden. Privatpersonen mit einer Binde am Arm mit der Aufschrift „Ordner“, die jeden der drei Gegendemonstranten verfolgten. Sie versuchten auch unser Gespräch mit Günther Wimmer, der mit einem Transparent die Kundgebung besuchte, auf dem er der Regierung in Israel mangelnden Willen für Frieden unterstellte, zu unterbinden.

Als wir ihn ansprachen war gleich einer der Ordner zur Stelle, der uns davon überzeugen wollte, diesem friedlichen Mann keine Beachtung zu schenken. Er sei ein Aufrührer und verhalte sich respektlos gegenüber der Veranstaltung. Günther Wimmer, ein netter weißbärtiger Herr ist absolut kein Antisemit und erzählte uns von seinen vielen Reisen nach Israel und vielen israelischen Freunden, die versuchten Brücken zu schlagen zwischen Palästinensern und Israelis. Was nicht da sei, sei der politische Wille zum Frieden in Nahost. Im Folgenden wurde er bei seinen Runden um den Platz permanent von drei Ordnern und zwei Polizisten begleitet.

Günther (links); "Ordner" (rechts) Foto: Christoph Kürbel

Günther (links); „Ordner“ (rechts)
Foto: Christoph Kürbel

Gegen Ende der Kundgebung werden die Ordner, von denen immer mehr auftauchen, auf zwei junge Männer mit der Flagge der Palästinenser aufmerksam und umringen sie. Es beginnt eine hitzige Diskussion. Mehrere Teilnehmer der Kundgebung greifen die beiden verbal an, während die Ordner schweigend den Kreis um die beiden immer enger ziehen. Die beiden Palästinenser sind nicht da, um ihren Antisemitismus zu begründen. In ihren Augen wurden aber „die Opfer des Nationalsozialismus missbraucht, um die palästinensischen Opfer in Gaza zu rechtfertigen“. Der Chefordner gibt währenddessen die ganze Zeit Anweisungen: „Zieht die raus. Die haben nix verloren hier.“

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

Als sich der Aufruhr ein wenig legt und die beiden Palästinenser von der Polizei gebeten werden, den Platz zu räumen, fällt uns ein älterer Herr mit Liegefahrrad auf, der als nächster von der Polizei umringt wird. Man hat ihm sein Transparent zerissen und habe ihn angegriffen. Mit ihren Angriffen auf die vereinzelten Gegendemonstranten, die allesamt völlig friedlich waren und sich auch im Hintergrund gehalten haben, haben die Ordner die Veranstaltung am Ende in kein wirklich gutes Licht gerückt.

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

 

2 Comments
  • Nadine
    Posted at 22:48h, 30 Juli

    Sehr geehrter Herr Kürbel,
    Mir kommt es so vor, als wüssten Sie nicht welche Intension die gestrige Kundgebung hatte! Es wurde mehrfach betont, dass es hierbei um den aufkommenden Antisemitsmus in Deutschland und Europa geht und primär nicht um den derzeitigen Nahost-Konflikt!
    Zu den transparenten: aus Respekt zu den Opfern des Nationalsozialismus und aus dem Grund das es keine Demonstration war sondern eine Kundgebung, sollten keinenTransparente egal welchen Inhalts Bestandteil dieser Kundgebung sein!

  • Christoph Kürbel
    Posted at 23:14h, 03 August

    Sehr geehrte Frau Nadine,

    Ich habe in dem Bericht sehr wohl darauf hingedeutet, dass der aufkommende Antisemitismus in Deutschland der Grund für diese Kundgebung war. Wenn es aber um innerstaatliche Konfliktlösung geht, dann verstehe ich nicht, wieso ein Meer aus israelischen Staatflaggen gezeigt wurden, wenn es doch um Antisemitismus in Deutschland geht. Wenn Sie anwesend waren, dann dürften auch Ihnen in den verschiedenen Ansprachen die immer wiederkehrenden Bezüge der Redner zum Krieg in Gaza aufgefallen sein. (Bekundung der deutschen Staatsraison, mediale Aufarbeitung des Konflikts und damit der Vorwurf der Hetze an die deutsche Presse, außer Springer Verlag)

    Den Aufruf, keine Transparente mitzubringen habe ich auch gelesen und akzeptiere das auch völlig. Deshalb gibt es aber noch lange keinen Grund diese mit Gewalt zu zerstören.

    Danke

    PS:
    In|ten|si|on; Anspannung; Eifer; Kraft
    In|ten|ti|on; Absicht, Bestreben, Vorhaben

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