Kultur, Nach(t)kritik

Wir nennen ihn einfach David

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Er ist Münchens begabtester Poetry-Export — David Friedrich, seit ein paar Jahren Wahlhamburger und dort übrigens auch amtierender Stadtmeister, verirrt sich ab und zu noch in die Heimat. Glück für uns, denn wir durften den 23-jährigen Slampoeten interviewen.

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Wie bist du zum Slammen gekommen?

Durch Hip Hop. Wie viele kleine Pubertierende wollte ich Rapper sein, hab dann festgestellt, dass ich höchstwahrscheinlich dann doch kein Rapper werde. Aber der große Bruder einer meiner besten Freunde hatte eine Hip-Hop-Gruppe namens Creme Fresh, die sind
auch in der Schauburg aufgetreten und nachdem ich die dort sah, wollte ich es auch mal versuchen.

Wie läuft das, wenn du Texte schreibst? Setzt du dich einfach hin und fängst an?

Manchmal. Ich versuche es zumindest. Das wird aber meistens nichts. Da fehlt die zündende Idee.  Manchmal brauche ich ein Jahr für einen Text und schreibe ihn dauernd um. Ich bin da ein bisschen perfektionistisch.

Aus welchen Themen entsteht ein guter Text?

Das sind meistens die plumpen Themen. Mein vorletzter Text ging über Leute im Fitnessstudio („Wir nennen ihn einfach Klaus“, Anm. d. R.). Jeder kennt sowas, und das macht auch am meisten Spaß, wenn jeder was damit anfangen kann. Früher hab ich auch viel über Beziehungen geschrieben und alle Probleme darin verarbeitet, was ja auch fast alle verstehen können. Manchmal gab’s auch politische Sachen. Hauptsache irgendwas, das jedem bekannt sein könnte.

Sollte ein Text eher tiefsinnig oder eher humoristisch sein?

Bestenfalls beides! Ich finde, die besten Texte sind immer welche, die einen zum Nachdenken bringen. Oder halt jegliche Form von Humor. Wobei die witzigen Texte ja die erfolgreichsten sind. Jemanden zum Lachen zu bringen ist allerdings mindestens genauso schwer, wie jemanden zum Nachdenken zu bringen.

Es kursieren aber sehr viel mehr melancholische als lustige Texte in der Slammer-Szene.

Die meisten Leute haben ja auch Probleme, wenn sie Texte schreiben. Wenn man gar keine Probleme hat und superglücklich ist und es nichts gibt, was einen nervt, dann kann es sein, dass man kein guter Autor wird – wenn man denn einer werden will. Das Meiste wird geschrieben, wenn Leute irgendwas zu verarbeiten haben.

Was ist dein persönlicher Lieblingstext von dir selbst?

Ein ganz alter, den ich damals mit meinem besten Freund fabriziert habe. Der heißt Irgendwie abstrakt.

Und von anderen Slammern?

Kollateralschäden oder Cola zermalmt Schädel von Dalibor. Nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingstexte.

Wie viele Tage im Monat bist du auf Slams unterwegs?

Vielleicht acht bis zwölf. Dazu kommen noch Moderation, Workshops, Rhetorikkurse. Das kann manchmal etwas viel werden. Ab und zu habe ich mal fünf Tage im Monat frei. Aber man hat sich dann natürlich auch für so ein Leben entschieden.

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Bist du überhaupt noch aufgeregt vor Auftritten?

Kommt darauf an. Neulich bin ich im ausverkauften Hamburger Schauspielhaus vor 1700 Leuten aufgetreten. Ausverkauftes Haus, viel Prestige, der Gewinner bekommt einen Startplatz für die Meisterschaften, da war ich tierisch aufgeregt. Aber gestern war ich auf dem Deichbrand-Festival vor über 6000 Leuten und hab den Slam moderiert. Das war anstrengend, aber ich war nicht aufgeregt.

Was unterscheidet das Publikum in Hamburg von Münchner Zuschauern?

Der Humor ist ein bisschen unterschiedlich. Die Hamburger mögen schwärzeren Humor. Und die lachen auch eher über sich selber.

Die Leute in München nicht?

Nee, ich glaube, die Münchner sind etwas empfindlicher. Wenn du in München Witze über die Münchner Schickeria machst, dann finden die das nicht so witzig, weil das ein Vorurteil ist, das so oft einfach nicht stimmt. Aber wenn du in Hamburg sagst, ihr seid doch alle Fischköpfe, dann finden sie das lustig. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass man in München nicht so gut mit Klischees umgeht wie anderswo.

Wie wichtig ist die Performance beim Slammen?

Kommt auf den Text an. Ich glaube aber, dass Körpersprache viel ausmacht. Niemand sollte sich auf der Bühne hinter einem Textblatt verstecken und stotternd irgendwas vorlesen. Da kann der Text noch so gut sein, das wird dann nichts. Performance sind 60% bei einem Auftritt, würde ich sagen.

Wie viel Wahrheit muss in einem Text stecken?

Eigentlich überhaupt keine. Ein Text kann auch erstunken und erlogen sein. Aber wenn du die Leute emotional kriegen willst, dann nimm einen wahren Text. Den bringt man dann auch besser rüber.

Du hast vor einem knappen Jahr ein Buch herausgebracht. Wie kam es dazu?

Zwei befreundete Slamkollegen haben mich einfach gefragt, ob ich da mitmachen will. Ich hab ja auch nicht extra was dafür geschrieben, sondern Texte von mir ausgewählt, die da reinpassten. Ist ‘ne coole Sache.

Wir kommen zur Entweder/Oder-Kategorie! Los geht’s: Lustiger oder tiefsinniger Text?

Lustiger!

Auftritt vor wenig Menschen in einer Kneipe oder vor vielen Zuschauern in der Halle?

Viele Menschen in der Halle!

Comedy oder Kabarett?

Kabarett!

Weißbier oder Astra?

Von Astra kriegt man Kopfschmerzen. Weißbier! Aber ich mag auch ein frisch gezapftes Jever gern.

Isar oder Elbe?

Beides!

Geht nicht.

Dann Isar. Weil die Elbe nicht wirklich zum Schwimmen geeignet ist.

Glas halb voll oder halb leer?

Immer halb voll. Manchmal aber halt auch randvoll. 

Vielen Dank für das Interview!

David ist demnächst zu sehen u.a. in:

Hamburg//01.08.//Artville Open Air Slam
Köln//26.08.//Reim in Flammen Poetry Slam
München//25.10.//Poetry Slam im Rahmen des BMW Urban Festivals

Gekürzte Fassung. © Juliane Becker

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