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Mieten zu teuer: Jakob (28) wohnt eine Woche auf einem Parkhaus

3,6 Quadratmeter reichen Jakob Wirth momentan zum Leben: So groß ist nämlich das Holzhaus, das der Künstler letzten Donnerstag zusammen mit einem Freund auf dem Dach eines Parkhauses in der Hildegardstraße 2 errichtet hat. Den Eigentümer des Parkdecks um Erlaubnis gefragt hat Wirth nicht – schließlich sieht er sich mit seiner Aktion „Penthaus à la Parasit“ von der Kunstfreiheit geschützt, erfahren wir am Telefon von ihm.

Panoramablick über den Dächern der Stadt mit Sicht auf das Penthaus à la Parasit

Wohnen trotz München

Aber warum geht es ihm dabei eigentlich? Die rund 500 Kilogramm schwere Wohn-Intervention gastiert nach Etappen in Berlin und Weimar nun in München. Die Installation stellt Fragen der Aneignung und der Verdrängung von Wohnraum im Stadtkern, erfahren wir von Wirth. Ergibt Sinn: Schließlich sind hier die Mieten im bundesweiten Vergleich am teuersten.

Mit einem Augenzwinkern spricht er deshalb von der „Quarantäne mit Promiblick“. Denn zu allem Überfluss muss sich Wirth aktuell in Quarantäne begeben, weil er vor kurzem aus den USA nach Deutschland zurück gekehrt ist. Corona-Vorsichtsmaßnahme auf Verordnung. An der Stelle beginnt wohl das Narrativ der künstlerischen Aktion und die Kunstperson, die das verspiegelte Holzhaus bewohnt.

Quarantäne mit Promiblick

Auch für die meisten von uns sah das die letzten Monate im realen Leben nicht anders aus: Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen warfen die meisten zurück in die eigenen vier Wände – da bekommen Wohnungsnot und Platzmangel gleich nochmal einen ganz anderen Stellenwert. Wirth dazu auf Facebook:

„Während der Pandemie war die Frage nach Wohnprivilegien selten wichtiger. Für viele Münchner*innen war ganz direkt spürbar was es bedeutet, wenn Wohnraum zum einzigen Rückzugsort wird. Die Frage wer sich wohin und wie zurückziehen kann umtreibt auch den Parasiten, der daraufhin seine Rolle wechselt und für den Quarantänezeitraum zum Wirt mutiert.“

Da lebte es sich in Penthäusern oder im Familienhaus sicher besser, als in kleinen, überteuerten Single-Appartments. Wirth besetzt mit seinem „Parasiten“ eine Über-den-Dächern-der-Stadt Lage, die sich normalerweise nur Erben oder Bestverdiener leisten können, noch dazu nahe der noblen Maximiliansstraße, auf die er nun einen Blick aus der Seitenstraße heraus werfen kann.

Mindestens eine Woche will der Künstler und Soziologe auf dem Parkdach verharren. Wer will kann ihn natürlich besuchen – schließlich ist das Parkhaus öffentlich betretbar. Der Parkhausbesitzer hat bis dato noch keinen Protest verlauten lassen – in anderen Städten wurde Wirth aber auch schon mal von Dächern vertrieben. Da ist es sicher ganz nützlich, dass er sein verspiegeltes Modular-Haus laut eigener Aussage in wenigen Stunden auf- und wieder abbauen kann.


PS: Um mehr über die Aktion zu erfahren, holen wir Wirth heute Mittag um 12 Uhr live auf unseren Insta-Channel. Der Beitrag wird dann auch weiterhin über IGTV einsehbar sein. Schaut rein!

Einschalten lohnt sich sicher auch morgen Abend (Dienstag 09 Juni, 18 Uhr) in der Kammer 4 der Münchner Kammerspiele. Dort diskutieren Jakob Wirth, Stephan Lessenich (LMU) und Laura Weißmüller (SZ) über das Projekt und seine inhaltlichen Implikationen unter dem Motto „Wohnen in der Krise – ein Gespräch über die Verteilung von Wohnprivilegien„.


Fotos:  ©Penthaus à la Parasit 

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