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Be strong, Be sexy – Be Yoncé: Sei mehr als eine perfekte Kopie

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

Sinnlich, leidenschaftlich, elektrisierend. Das Licht flackert, während einzelne Beats einsetzen. Vier schwarze Silhouetten stehen vor einer weißen Leinwand. Sie alle verkörpern auf unterschiedliche Art und Weise eine Person – Beyoncé.
Na, schon den „I’m a survivor“ – Ohrwurm im Kopf? Ein Name, dem jeder ein Begriff ist und seit mittlerweile 20 Jahren so ziemlich jeder zu kennen scheint. Ist das die, die halbnackt über die Bühne tanzt und ihre Fans zum ausrasten bringt? Ja, aber nicht nur. Wenn man als Nicht-Beyoncé-Fan zur Inszenierung von Stephanie van Batum „Don´t Worry Be Yoncé“ in die Münchner Kammerspiele findet, erfährt man anfangs mehr über die Pop-Diva als einem lieb ist. Man möchte nicht unbedingt so sein wie sie. Aber nachdem man Stephanie van Batum zugehört hat, vielleicht schon ein bisschen.

3427-don-t-worry-be-yonce-(c)-josef-beyerHow to be Yoncé

Vier attraktive junge Frauen, alle in verschiedenen Beyoncé-Looks (die natürlich dementsprechend sehr knapp ausfallen), erklären in 15 Schritten, wie jeder zu Beyoncé werden kann. Denn wer will schon Rihanna, Lady Gaga und Co. sein, wenn man doch ein wahres Destiny’s Child sein kann? Mit einer ordentlichen Portion Humor, Selbstironie aber viel Stärke und Sexiness werden alle Steps abgearbeitet, um eine wirkliche Powerfrau zu werden. (Dasselbe gilt auch für weiße Heteromänner). Dagegen Ankämpfen ist zwecklos.

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Wichtig ist der Körper, ihre Stimme und ihre Moves, die über das lachhafte Twerking von Miley Cirus hinaus gehen. Die jungen Frauen tanzen aufreizend, setzen ihre Stimme gekonnt in Szene und übertreiben teilweise maßlos, um bestimmte Klischees hervor zu heben. Indem sie das Vorgezeigte mit Witz und Charme kommentieren, schaffen sie eine entspannte Atmosphäre. Der „Oh, das ist aber zu gewagt“-Moment bleibt daher aus. Der Geheimtipp: Mit dem Einsatz der Windmaschine sieht jeder gleich besser aus.

Lemonade

Stephanie van Batum ist nicht nur eine der Beyoncés, sondern „Don´t Worry Be Yoncé“ ist ihre Abschlussinszenierung der Otto Falckenberg Schule. Sie muss gestehen, dass sie nie ein großer Fan der Diva war, außer zu „Crazy In Love“ im Club getanzt zu haben. Doch dann erschien das Album „Lemonade“, das ganz anders zu sein schien. Plötzlich waren die Lieder nicht mehr nur tanzbar, sondern die Texte bedeuteten auch etwas. „Es hat einen ganz anderen Stil als ihre vorigen Alben. Beyoncé präsentiert sich tief und verletzbar. Jeder Song hat sein eigenes Genre“.

Das gesamte Visual-Album ist ein fotografisches Kunstwerk. Für jeden Song wurden Music-Clips erstellt. Auch das wurde von Stephanie van Batum aufgegriffen – jede Beyoncé bekam sozusagen ihr eigenes Musikvideo. Die einzelnen Choreos und Ideen wurden eins zu eins vom Original übernommen.

Feminism

Kann eine Frau, die sich sexy und aufreizend präsentiert, eine Feministin sein? Beyoncé inszeniert sich gewagt in den sozialen Netzwerken – gestylt vom Scheitel bis zum kleinen Zeh, alles sitzt perfekt. Doch hat man nicht eigentlich beigebracht bekommen, dass Feministinnen ungeschminkt, schmuddelig und lesbisch sind? Das passt doch nicht zusammen! Stephanie van Batum zitiert Chimamanda Ngozi Adichie, wenn sie sagt, dass jeder seine eigene Definition von Feminismus haben sollte. „Was heißt es für dich, Feminist zu sein?“ Der Begriff ist meist negativ behaftet. Doch dadurch, dass Beyoncé dieses Wort in ihren Songs verwendet, würden vor allem junge Mädchen wieder etwas Positives damit verbinden, ist Stephanie van Batum überzeugt.

Activism

Beyoncé steht zu ihren Wurzeln. Sie nutzt ihren Status, um sich als afro-amerikanische Frau für Emanzipation und die Black Lives Matter-Bewegung einzusetzen. „Formation“ sei daher eine wahre Hymne, um genau diese Werte zu vermitteln, erklärt Stephanie van Batum.

Ikone

Stephanie van Batum hat schon öfter Stücke inszeniert, die von einer Ikone handeln: „Ikonen haben einen Wiedererkennungswert“ – wie Schneewittchen, Marilyn Monroe, Barbie oder eben Beyoncé. Ihre Entscheidung fiel dieses mal auf die R’n’B-Sängerin, weil diese Frau fasziniert. Beyoncé ist im Gegensatz zu ihren Sängerkolleginnen wie beispielsweise Lady Gaga noch immer im Geschäft und nach wie vor präsent. Es wurde nie ruhig um die rassige Schönheit, ganz im Gegenteil. Für den Tweet ihrer Schwangerschaft bekam sie mehr Likes als einem lieb sein könnte. „She knows how to grow older“ und B. sei mit der Zeit und ihren Fans gewachsen, meint Stephanie van Batum.

Appropriate

Umstritten sind nicht nur Beyoncés Feminismus und Aktivismus, sondern auch ihre Methode, wie sie mit bereits vorhandenen Kunstwerken umgeht. Sie eignet sich diese an und macht sie zu ihren eigenen Kunstwerken. Die Lecture Perfomance von Stephanie van Batum greift eben diese Technik auf und bedient sich damit der Tradition der Appropriation Art – der bewussten Übernahme schon bestehender Werke anderer Künstler – wie Beispielsweise die Tanzkünste der italienischen Fernsehmoderatorin und Tänzerin Lorell Cuccarini. (Achtung Ironie!)

So wird der Zuschauer Step by Step zur Kopie von B. Beyoncé wird – überspitzt ausgedrückt – zur Göttin erhoben. „Ich bin dann nicht die perfekte Kopie und damit ein Kunstwerk an sich. Es geht um den Versuch, die perfekte Kopie zu sein.“, erklärt die junge Regisseurin. Der Versuch ist also das neue Kunstwerk.

Ob man danach zur perfekten Kopie der Diva wird, sei dahin gestellt. Bei „Don´t Worry Be Yoncé“ wird das Frausein in all seinen Facetten zelebriert. Und so heißt es: „Liberté, Egalité, Beyoncé: Because everyone deserves to be Bey.“

 

Hier die nächsten Termine als XS-Edition (30 Minuten mit Stacyian Jackson und Stephanie van Batum):

8. & 9. Juli: Studio Я Gorki Theater Berlin

21. Juli: Münchner Kammerspiele

12.August: Fuchsbau Festival Hannover

September 2017: Amsterdam Fringe Festival

Don’t Worry Be Yoncé ist eine Stückentwicklung, die in kollektiver Arbeit entstanden ist von Stephanie van Batum mit ihren Team (MIT Stacyian Jackson, Mona Vojacek Koper, Henrike Commichau, VIDEO/BÜHNE Florian Schaumberger, KOSTÜME Bettina Kirmair, DRAMATURGIE Antonia Leitgeb MASKE Steffen Roßmanith CHOREO Volker Michl ASSISTENZ Rebecca Thoß)


Fotos: © Josef Beyer / Münchner Kammerspiele

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