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“Wir sind nicht Broken” Warum Dennis Mesegs Aktion auf dem Odeonsplatz das Ziel verfehlt

Am 25. November war der internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt an Frauen. Auch aktuell wird in vielen Aktionen aufmerksam gemacht auf die nach wie vor überall auf der Welt traurig hohe Rate von Gewalt an Frauen. Die Stadt München hält aktuell zum Beispiel die Aktionswochen gegen Gewalt an Frauen ab. Es gibt Demonstrationen, Workshops und Gesprächsrunden, die dem Austausch Betroffener dienen.

Auch was die Sprache angeht, findet hier gerade ziemlich viel Arbeit statt – zumindest in meiner Filterblase. Hier geht es gerade häufig um Begrifflichkeiten, wie zum Beispiel das in der Presse allgegenwärtige „Beziehungsdrama“, mit dem der eigentliche Tatbestand – häusliche Gewalt, im schlimmsten Fall Femizid – zu etwas Kleinem, harmlos Klingenden gemacht wird. Dabei ist das Thema nicht klein, sondern wahnsinnig groß. Laut Rosa Luxemburg Stiftung wurden 2019 allein 117 Frauen und weiblich gelesene Menschen von ihren (Ex-)Partnern getötet, 191 sind zusätzlich dem Versuch entkommen und eine Dunkelziffer ist dabei nicht berücksichtigt. Hochgerechnet bedeutet das, dass im vergangenen Jahr ca. alle 28 Stunden ein Mann in Deutschland versucht hat, seine Frau zu töten – und es teils getan hat (wie gesagt, das ist eine konservative Zahl, die Dunkelziffer ist noch höher). 

Das alles noch vor Social Distancing, Ausgangsbeschränkungen und Heimquarantäne.

*Wenn du selbst dich in einer Situation befindest, in der du dich zuhause nicht sicher fühlst, gibt es Orte, an denen du Hilfe findest. Wir haben eine Liste mit Telefonnummern und Kontakten, an die du dich wenden kannst.

222 Puppen auf dem Odeonsplatz

Umso besser also, dass dieses Thema inzwischen mediale Aufmerksamkeit bekommt und auch künstlerisch verarbeitet wird. Je plakativer so etwas passiert, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt es – und wenn eine Aktion zum Thema gerade plakativ ist, dann ist es die Kunstaktion „Broken“ von Dennis Meseg, die gerade durch Deutschland tourt und am 8. Dezember auch halt am Münchner Odeonsplatz macht. Warum plakativ? Die Aktion besteht aus über 200 überwiegend weiblichen Schaufensterpuppen, eingewickelt in orangenes Absperrband – sowas hat schon seine Wirkung. 

Und das ist ja auch etwas Gutes, an diversen Orten in Deutschland hat Meseg die Puppen bisher aufgestellt, am 10. Dezember wird das Finale in Berlin am Potsdamer Platz stattfinden (ursprünglich war die Aktion am Brandenburger Tor geplant, wurde aufgrund des wachsenden Protests aber verlegt). Nach eigenen Aussagen von Meseg auf Social Media sei das Feedback, das er von Passant*innen bekommt, überwiegend positiv. Er sehe sich da als Sprecher für Betroffene (die er selbst übrigens nur Frauen nennt, auf alle weiblich gelesenen Menschen, die ebenfalls von misogyner Gewalt betroffen sind, geht er nicht ein).

Wer spricht hier eigentlich für wen?

Doch wie so häufig ergeben sich Probleme daraus, wenn Menschen aktivistisch für andere sprechen möchten, deren Situation sie doch nicht so gut nachvollziehen können, wie sie vielleicht meinen. Darum findet sich eine Menge Kritik an der Ausstellung auf Social Media, die zu einem offenen Diskurs mit dem Künstler aufruft – der diese Kritik wiederum abwehrt, blockiert und zensiert.

Und hier genau liegt das Problem: Natürlich dürfen auch männliche Künstler auf Gewalt an Frauen* hinweisen. SWie sollten Kritik dann allerdings auch als solche annehmen und auf die Stimmen von Betroffenen hören. Es ist nicht möglich, die Stimme anderer zu repräsentieren, ohne sie erst anzuhören und dann auch anzunehmen, bzw. wenigstens ernst zu nehmen und Stellung zu beziehen. Und Kritikpunkte gibt es einige an „Broken“ – inwiefern diese dann von einzelnen Personen nachvollzogen werden können, hängt mit dem individuellen Erlebnishorizont zusammen.

“Wir sind nicht Broken”

An vorderster Stelle steht da der Name der Ausstellung: „Broken“ bedeutet “zerbrochen” oder “gebrochen” und impliziert direkt schon im Ausstellungstitel die Fragilität der von Gewalt Betroffenen. „Egal wie intensiv ein Mensch Gewalt erfährt, auch nur minimal, es zerbricht halt irgendwas in einem“, begründet der Künstler die Wahl des Titels. Natürlich ist Gewalt in den meisten Fällen traumarisierend, dennoch reproduziert Meseg hier von außen ein Opfernarrativ, das sich nicht alle Betroffenen aufdrücken lassen möchten. Man möchte nicht von außen ausschließlich mit dem Stigma der „gebrochenen Frau*“ betitelt werden. Wenn das von Betroffenen so geäußert wird, gilt es das auch zu beachten. Das Opfernarrativ setzt sich in der gesamten Ausstellung fort, es werden Frauenkörper gezeigt, beschriftet mit Aussagen und Beschimpfungen, mit denen sich viele Frauen* täglich konfrontiert sehen. Auf Täter wird kein Fokus gelegt. Dabei sollte ja eigentlich hier angesetzt werden, um ein strukturelles Problem wie Gewalt an Frauen anzugehen.

Auch, dass Schaufensterpuppen ein stark sexualisiertes „Idealbild“ eines Frauenkörpers darstellen und hier in keinster Weise auf andere Körpertypen eingegangen wird, kann kritisch gesehen werden. Die Schriften auf den einzelnen Körpern bezeichnet Meseg als entweder „Schlagworte der Verletzung“  (beispielsweise findet man Worte wie “Verstümmelung” und “Ehrenmord”) oder „Mantras, die man sich als Betroffener sagen muss“ (“Du bist nicht schuld”, “du musst dich nicht schämen”, etc.). Wobei die Tatsache, dass er als Cis-Mann, der nicht von misogyner Gewalt betroffen sein kann, darüber urteilt, welche Mantras ein „Muss“ für Betroffene sind, allein schon eine Farce ist.

Versuch eines konstruktiven Diskurses scheitert

In weiteren Statements, wie beispielsweise dem Begleittext zur Aktion, reproduziert Meseg diverse andere misogyne Stereotype und Narrative, die noch weiter klar machen, dass er – genau wie alle anderen – auch nur ein Teil einer misogyn sozialisierten Gesellschaft ist, die noch eine Menge zu lernen hat, bevor eine strukturelle Geschlechtergleichheit sichergestellt ist. Um der Ausstellung etwas entgegensetzen zu können, haben sich inzwischen eine ganze Reihe feministischer Aktivist*innen (die uns übrigens auch auf das Thema aufmerksam gemacht haben) zusammengetan, um mit Meseg in Kontakt zu treten und einen konstruktiven Diskurs zu starten. Dieser wird vom Künstler als „Hetze“ abgetan und unterbunden, entsprechende Kommentare auf seinen Social Media-Profilen werden gelöscht. Es scheint ihm also doch nicht so wichtig zu sein, die Position Betroffener zu repräsentieren.

Wer hat dann eigentlich was von der ganzen Geschichte?

Was ihm allerdings wichtig zu sein scheint, ist die enorme Aufmerksamkeit, die seiner Aktion zuteil wird: Kein Wunder, die Puppen sind knallorange und waren bereits an diversen repräsentativen Orten in Deutschland zu sehen. Wie bereits erwähnt: in München ist es der Odeonsplatz, der für die Aktion gewählt wurde. Dazu kommt, dass das Timing mit dem internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt an Frauen dem gesamten Thema noch mehr Aufmerksamkeit zuteil werden lässt – da schließe ich diesen Artikel gar nicht aus. 

Dennoch ist die Ausstellung als extrem problematisch zu sehen: Orte wie der Odeonsplatz kann man nicht einfach umgehen und man kommt im Alltag doch relativ häufig an ihnen vorbei. Das stellt für Betroffene in diesem Fall ein ernstzunehmendes Risiko dar: Die entmenschlichende Darstellung der Frauen und die teils sehr gewaltvollen Statements können retraumatisierend für Betroffene misogyner Gewalt wirken. An dieser Stelle wäre es essentiell, dass Meseg mindestens Kontakte zu Hilfsangeboten parat hat, oder gar Menschen vor Ort sind, die sich um Betroffene kümmern können.

Sich als Cis-Mann anzumaßen, im öffentlichen Raum ein Kunstwerk auszustellen, das wissentlich und willentlich retraumatisierende Trigger ausspielt, ist nichts anderes als ein weiterer Fall misogyner Gewalt, nur eben unter aktivistischem Deckmantel.


Beitragsbild: Unsplash/Jade Stephens

Sophia Hösi
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