Kultur, Nach(t)kritik

Beirut verzaubert die Tonhalle

beirut mit licht

Beirut ist eindeutig der Soundtrack Münchens. Gemütlich, heiter und beschwingt. Und das war nicht nur währenddessen und danach, sondern auch davor schon da.

Normalerweise wenn man auf ein in Kürze restlos ausverkauftes Konzert geht, erwartet man, dass vor den Eingängen in Scharen Verkäufer mit kleinen Pappschildchen stehen und ihre Vielzahl an Karten anpreisen. Und weil sie die nicht unter die Leute bekommen hört man im Vorbeigehen „Brauchst du noch eine? Kriegst sie bei mir um die Hälfte!“ Bei Beirut war es genau andersrum.
Bereits in der Unterführung der S-Bahn-Gleise am Ostbahnhof wurde man umringt von einer Schar junger Mädchen. „Habt ihr noch eine oder zwei Karten übrig?“ Die meisten die Treppe herabströmenden Fahrgäste schauten nur verwirrt. „Schnell! Auf Gleis 7 kommt jetzt ein Zug an!“ Und schon rannten sie weg, um an der nächsten Treppe nach Karten zu fragen. Die taktische Ãœberlegung der Mädchen erschloss sich schnell auf dem Weg vom Bahnhof zur Tonhalle – weit über 50 Leute standen hier an Ecken, Autos, Straßenrand und Eingängen mit einem Pappschildchen: „Suche Karten!“

Auf meinem Galerieplatz hatte man schnell angesichts der gut gefüllten Tonhalle und der Beleuchtung des Dachwerks den Eindruck, man sei schon drei Tage vor dem Anstich in einem Wies‘nzelt gelandet. Allerdings ohne Bierbänke und traditioneller Kostümierung, aber dafür mit gutem Musikgeschmack. Alle wollten rein, viele mussten draußen bleiben. München ist bunt und auch bei diesem Konzert war die Welt hier daheim. Zum Beispiel Andrea und ihr Freund, die extra zum Konzert aus Lissabon angereist waren. Ein anderes junges Pärchen hatte gleich noch Mutter und Vater mitgebracht. Nur der Cocker Spaniel Louis durfte zum Familienausflug diesmal nicht mit. Am Merchandise-Stand verkaufte sich die Tourshirts zu Beginn bestens und ließen mit dem Namen der Hauptstadt des Libanon mehr wie Urlaubssouvenirs anmuten. Das beste an München und der Wies‘n fehlte natürlich auch nicht: auf sein Bier musste niemand verzichten.

Den Abendeinstieg gaben die Eichstätter Musiker JOASIHNO, die im Oktober auch als Vorband für The Notwist spielen werden. Christopher Beck und seine Begleitung am Schlagzeug gestalteten ein faszinierendes Spiel aus Musik, Stille und Raum und brachten so eine charismatische Mischung aus múm und Death Cab for Cutie nach München. Sie bildeten einen guten Rahmen, um bei Gespräch und Lauschen den ersten Becher Bier zu trinken, welcher nach dem 45-minütigen musikalischen Einstieg gegen ein zweites eingetauscht wurde.

„The lights go on, the lights go off“ Mit dem Song Scenic World gestalteten Zach Condon und Band einen fulminanten Auftakt zu einem Abend aus schwingenden Folkmelodien, geschmackvoller Blasmusik und eingängigen Rythmen. Beirut begeisterte das Münchner Publikum mit einer facettenreichen Auswahl von Titeln aus dem aktuellen Album The Rip Tide und bekannten älteren Werken. Dabei bewiesen die Musiker ihr Können an einer Vielfalt von Instrumenten: ob Posaune, Trompete, Tuba, Klavier, Akkordeon, Ukulele oder Kontrabass – die sechsköpfige Band wechselte mit Freude und Leichtigkeit das Instrument, wie auch Beirut selbst immer wieder mit Wechseln in seinen Songs den Zuhörer überrascht und neue Einblicke in eine Welt aus Pop, Elektro und Tradition eröffnet. Doch so orchestral und melancholisch, wollten Chanson, Polka und Balkanmelodien anfangs noch nicht in die Beine des Publikums gehen. Auch das gelegentliche Quietschen der Haustechnik verhinderte wohl, dass die begeisterte Schar sich einfach in die Musik fallen lassen konnte. Obwohl Zach Condon selbst zugab, das erste Mal in München zu sein, bewies er doch ein Gespür dafür, wie man Münchner in Bewegung bringt. Nach einem „Prost!“ und erhobenen Bechern begann auch das Publikum der Landeshauptstadt sich gemütlich zu schwingen und zu schunkeln zu „A Sunday Smile“. Und es gab wohl niemandem mehr im Raum, der nicht ein beschwingtes, zufriedenes Lächeln auf den Lippen hatte. Ein Zauber von purer Schönheit mit einer Prise Zufriedenheit lag in der Luft. Gesteigert werden konnte die Stimmung schließlich nur noch mit einem „Prosit“ und „raise your voices!“: beim Lieblingslied „Nantes“ sang die Menge begeistert Arm in Arm mit. Das allgemeine Feeling- good brachte die Halle vor Leichtigkeit zum Schweben. Bewegung, Publikum und Melodien ergaben einen einzigen großen Fluss. Wer von den Musikern gerade eine Pause spielte, trug die Musik durch Bodypercussion und Klatschen ununterbrochen weiter und steckte die ganze Halle mit an. Besser könnte es in keinem Bierzelt der Welt sein.

Mehr als 5 Minuten rief das Publikum um Zugabe mit einer nicht abebbenden Begeisterung. Schließlich gab es dann noch ein Solo an der Ukulele. Und dann ging es tänzelnden Schrittes und und mit seligem Lächeln ging es durch den vielleicht letzten Sommerregen des Jahres nach Hause.

Bildnachweis: Ayna Steigerwald

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