Kultur

Bemalte Zeitzeugen

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Wilde Partys, frei Liebe und liberaler Umgang mit Drogen sind nur einige Klischees der 68er Studentenbewegung, die es ins heutige Bewusstsein geschafft haben. Natürlich tun wir den damaligen Protesten damit zum Teil unrecht. Dass die Demonstrationen durchaus politisch motiviert waren, dokumentieren die Fotografien von Branko Senjor. Diese sind ab den 8.April im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Protest in München seit 1945“ im Münchner Stadtmuseum zu begutachten.

Branko Senjor war nach seinem Studium an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie in München ein häufiger Gast der Münchner Kunstakademie. Zunächst fotografierte er die Arbeiten der Studenten, porträtierte viele der Professoren und hielt Atelierszenen, Klassenpartys, Faschingsfeste sowie Sommerfeste fest. Der noch junge Fotograf war fastziniert von der Atmospäre an der Akademie und erlebte 1967 den Ausbruch der Studentenunruhen hautnah mit. Als Auslöser galt der autokratische Führungsstil der Akademie, das faktisch fehlende Mitsprachrecht der Studenten und die mangelnde Aufarbeitung der Rolle der Akademie während der Zeit des NS- Regimes. Als direkte Reaktion auf diese Missstände organisierten sich die Studenten zur „Hochschulgruppe Sozialistischer Kunststudenten“, mit dem Ziel der Erneuerung der Kunsthochschule.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und dem bevorstehenden Erlass der Notstandsgesetze wurde die Akademie zum sogenannten „Aktionszentrum“ gegen die Notstandsgesetzgebung. Als erste Maßnahme veranstalteten die Studierenden am 18.5. 1968 ein „Notstands-Happening“ auf der Wiese vor der Akademie. Noch heute berichten Teilnehmer, trotz der ernsten Thematik, von einer ausgelassenen Stimmung.

Am 26. Juni 1968 begannen die Studierenden mit ersten Wandbemalungen im Foyer: Politparolen und kommentierte Zeichnungen, die sich namentlich gegen „rückschrittliche“ Professoren richteten. Im Februar 1969 veranstalteten die Studenten eine aufwändige Pseudo-Immatrikulationsfeier mit Talaren und Weihrauch im Foyer der Akademie – eine Persiflage auf die sonst üblichen Feiern. Am Folgetag fand der „Tag des Zweirads“ statt. In den Gängen der Akademie wurde ein Zweiradrennen der Studierenden als „kreative Darstellung künstlerischer Bewegung verbunden mit Akustik“ durchgeführt.

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Alle diese Ereignisse hielt Branko Senjor mit seiner Kamera fest. Seine Bilder bieten mehr als blicksichere Momentaufnahmen. Sie machen deutlich, wie innerhalb von wenigen Monaten die Machtverhältnisse aus den Fugen geraten. Die Bildserie aus den Jahren 1967 bis 1969 dokumentiert ein wesentliches Kapitel Münchner Kultur- und Hochschulgeschichte, das paradigmatisch für eine gesellschaftlich virulente Zeit steht, die nachfolgende Generationen entscheidend prägen sollte.

Als Branko Senjor seine Fotografien im Münchner Kunstverein 1970 in einer Ausstellung zeigte, wurden einige Motive von Besuchern übermalt bzw. -zeichnet in Reaktion auf die damaligen (kultur)politischen Auseinandersetzungen. Dadurch entstanden sehenswerte, individuelle Zeugnisse des Zeitgedankens am Puls der Münchner Bürger.

Filmvorführung in der Ausstellung:
„Ein Dia-Abend von der Revolution – Die 68er Bewegung an der Münchner Kunstakademie“, 2008. Ein Projekt von Studenten der Kunstakademie unter der Leitung von Prof. Matthias Wähner und Dr. Birgit Jooss; Filmkonzeption und Schnitt: Franz Wanner.

Wann: 8.4.2011 – 1.5.2011

Wo: Münchner Stadtmuseum

Öffnungszeiten:
Dienstag: 10:00 bis 21:00 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
montags geschlossen.

Fotos: Jean Senjor und Münchner Stadtmuseum

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