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Eisbaden – Ein Selbstversuch in der Isar

Anton Kästner

Karibische fünf Grad Außentemperatur zeigt das Thermometer zuhause an, als ich mich bei leichtem Schneeregen auf den Weg Richtung Isar mache. Dort bin ich mit Julian und Alex von der Gruppe Isar Mental Fitness (IMF) zum Eisbaden verabredet. Mein Rucksack ist voll bepackt, oben Badehose und Handtuch, weiter unten auch Skihandschuhe und Thermoskannen. Viel Ausrüstung vielleicht für ein doch ziemlich kurzes Vergnügen – aber ok, die meisten Extremsportarten sind Materialschlachten.

Mit meinem Selbstversuch liege ich voll im Trend – Winterbaden ist angesagt wie nie und die sozialen Netzwerke sind voll von Gesichtern, die aus der Isar oder dem Eisbach grinsen. Weil es sich leichter in Gesellschaft grinst, haben sich mittlerweile auch Gruppen gebildet, die sich zum Baden verabreden. Eine davon ist die Isar Mental Fitness. Immer Mittwoch morgens um Viertel nach sieben treffen sich manchmal fünf, manchmal 25 Leute, um gemeinsam oberhalb der Reichenbachbrücke in der eiskalten Isar zu baden.

10 000 Münchner*innen wollen Julian und Alex, die Gründer von IMF zu „Kältehelden“ machen. Beide arbeiten als freiberufliche Coaches, Alex viel im Fitnessbereich, Julian ist Mentaltrainer im Kampfsport. Zu ihrem Kältetraining gehört allerdings nicht nur das Eisbaden, sondern auch Atem- und Fitnessübungen. Das will ich ausprobieren.

Die Vorbereitung

Die beiden sind schon da, als ich mit meinem vollen Rucksack angeradelt komme. Man sieht ihnen an, dass sie hier öfter stehen, im Kies unter der Reichenbachbrücke. Auch sie sind überraschenderweise warm angezogen. Bevor wir loslegen, fragt mich Alex nach meiner körperlichen und mentalen Gesundheit. Besonders mit Kreislaufproblemen ist ein Winterbad nicht empfehlenswert. Keine drei Minuten sind vergangen, da kommt schon die erste Bekannte vorbei, grüßt Alex und Julian freundlich, man sehe sich ja morgen früh. „Eine Kälteheldin in Ausbildung“, sagt Alex.

Los geht es mit Atemübungen nach Wim Hof. Der niederländische „Ice Man“ hält mehrere Rekorde im Eisbaden und ist der absolute Kälte-Guru. 2011 stand er fast zwei Stunden lang bis zum Hals in Eiswasser. Die Wim-Hof-Atemtechnik ziele darauf ab, die Durchblutung von bestimmten Körperteilen, wie Händen und Füßen bewusst zu steuern, erklärt mir Alex, der selbst durch den „Ice Man“ inspiriert worden ist. „Ich habe ihn vor ein paar Jahren bei einem Kongress in München gesehen und wollte danach sofort seinen Rekord brechen. Als ich dann aber im Winter mit einer Freundin komplett unvorbereitet in die Isar gegangen bin, habe ich gerade mal zehn Sekunden ausgehalten. Den restlichen Nachmittag habe ich dann unter der warmen Bettdecke verbracht“, erzählt Alex lachend. 

Danach macht Julian noch ein kleines Fitness Workout mit mir, wenigstens vor dem Baden sollte einem ja warm sein. Man merkt ihm seine Erfahrung als Kampfsport-Trainer an, ich muss boxen und treten, dabei wird es schnell warm. Dann bin ich endlich bereit, um mit Alex gemeinsam ins Wasser zu gehen. Ich war zwar schon öfter in kaltem Wasser baden, aber eigentlich immer ohne große Vorbereitung und für wenige Sekunden. Deswegen bin ich schon ziemlich gespannt, was mich gleich erwartet.

Das Eisbad

Die Füße sind der erste und vielleicht mental schwierigste Teil. Allerdings ist der Schmerz nur kurz, bevor ich sie nicht mehr spüre. Es ist ein komisches Gefühl, sich über Steine und Schlamm im Wasser vorwärts zu tasten, mit gefühlt zwei Eisklötzen unter den Beinen. Wir gehen Stück für Stück tiefer ins Wasser, nicht zu schnell, und konzentrieren uns auf unsere Atmung. Irgendwann kommt eine Stufe, das Wasser steht uns auf einmal bis zu den Schultern, es ist der Moment, wo ich mich auf einmal so wach fühle, wie selten. Gleichzeitig nehme ich kaum etwas aus der Umgebung wahr, merke nur, wie mein Körper arbeitet, um sich warmzuhalten. Alex rät mir, die Hände in den Achseln einzuklemmen, das sei angenehmer, er hat recht. Zwei Minuten sitzen wir so im Wasser.

Ich hatte es mir unangenehmer vorgestellt, muss ich sagen. Dafür ist das Abtrocknen und Anziehen ein bisschen mühsam, besonders die Socken fühlen sich an, als würde ich sie einem Stück Holz überziehen. Der Tee aus Alex Thermoskanne kommt da gerade recht. Julian hat sich schon verabschiedet, die nächste Trainingseinheit wartet, er bereitet einen Rollstuhlfechter auf die Paralympics vor. Auf dem Rad zurück nach Hause friere ich trotz Skiunterwäsche und Anorak ziemlich und zuhause angekommen setze ich sofort noch einmal Teewasser auf. Am längsten brauchen die Hände, um wiederaufzutauen, noch Stunden später sind meine Finger klamm. Die Badehose hängt da schon zum Trocknen, man weiß ja nie, ob man sie nicht schon bald wieder braucht.

Und wer jetzt auch Lust bekommen hat: Immer mittwochs um 7:15 Uhr trifft sich Isar Mental Fitness zum Winterbaden an der Reichenbachbrücke. Auch in Facebook-Gruppen wie der Munich Hot Springs verabreden sich zurzeit außerdem fast täglich Leute zum Baden, besonders beim ersten Eisbad sollte man nicht alleine sein. Warme Klamotten sollte man für danach dabei haben, warmes Wasser für die Hände eventuell und ein heißes Getränk. Leuten mit Kreislaufbeschwerden ist der Sport allerdings nicht zu empfehlen.

Fotos: © Isar Mental Fitness, Anton Kästner

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