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Goodbye VINTY’S! Der Secondhand-Laden muss schließen

Wahre Secondhand-Fans haben es wahrscheinlich schon längst mitbekommen: Ja, das VINTY’S macht zu! Nach drei Jahren in der Landsbergerstraße schließt der Münchner Store am 29. September 2018 nun für immer seine Türen. Aber warum?

Wir haben bei Agnes von VINTY’S nachgefragt – und ob man den Laden durch ganz viel Power-Shopping nicht vielleicht doch noch retten könnte. 

Schwierige wirtschaftliche Situation

Agnes steht im schwarz-goldenen Abendkleid, mit schicker Umhängetasche und Sektglas in der Hand, hinter der Kasse. Sie ist sofort für mich da, sagt sie, sie fotografieren nur noch kurz das Outfit der Woche für Instagram. Motto dieses Mal: Sektfrühstück bei Tiffany’s.

 

Mit Outfits wie diesem, aber auch mit allerlei schrillen Fundstücken, beweist die VINTY’S Crew auf Instagram ein Auge für Vintage-Schätze. Mit vollem Social-Media-Engagement und Aktionen wie dem jährlichen Faschings- und Trachtenmarkt hat sich VINTY’S in München viele Fans gemacht. Umso überraschender kommt die Nachricht, dass der Laden nun schließen muss.

Die wirtschaftliche Lage sei schwierig, verrät mir Agnes. Dabei lief es vor allem im letzten Jahr gut. Nur leider eben zu spät. Ziel der VINTY’S Secondhand Länden, einer Initiative der Aktion Hoffnung, ist es, weltweit Entwicklungsprojekte zu unterstützen. Da dies aber aufgrund der aktuellen finanziellen Lage nicht möglich ist, entschied die Aktion Hoffnung, den Shop zu schließen. Auch der Passauer Store musste vergangenen April zumachen.

Lag es am Standort?

Die Landsbergerstraße ist schon etwas weg vom Schuss, antwortet Agnes auf meine Frage, ob das vielleicht etwas mit dem ungünstigen Standort zu tun haben könnte. Gerade am Anfang, als den Laden noch niemand kannte, war das ein Problem. Hier kommt niemand zufällig mal vorbei. Und falls man doch mal daran vorbei fährt, hat man immer etwas zu tun, ist auf dem Sprung, auf dem Weg zur Arbeit, erzählen ihr die Kunden oft. Zum extra Hinfahren fehlt die Zeit.

Außerdem sind die Mieten höher als in anderen Städten. Der Münchner Store zahlt doppelt so viel wie viele Läden in Nürnberg oder Augsburg. Obwohl diese eine größere Verkaufsfläche haben. Dafür hat man in München aber auch eine größere Kaufkraft, schiebt Agnes ein: „Es soll nicht so rüberkommen, als würde es an der Stadt oder dem Standort liegen. Es ist halt einfach Pech!“

 

Hohe Standards haben ihren Preis

VINTY’S bildet die preisliche Mitte zwischen den hochpreisigen Vintage-Boutiquen, die natürlich gerade in München gut laufen, und den günstigen Secondhand-Shops und Münchner Flohmärkten und Flohmarkt-Aktionen, wie den Nacht- oder Hofflohmärkten. „An einem 3-Euro-Shirt verdient man eben nichts,“ meint Agnes. Gerade, wenn die Einnahmen zur finanziellen Unterstützung von Entwicklungsprojekten genutzt werden sollen. Ein klarer Vorteil der niedrigpreisigen Konkurrenz.

Doch VINTY’S hat hohe soziale, wirtschaftliche und ethische Standards, die eingehalten werden müssen. Und drauf ist man stolz. Die Kleiderspenden werden im eigenen Allgäuer Sortierbetrieb, direkt in den VINTY’S Läden oder in ausgewählten Sortierbetrieben sortiert. Die Aktion Hoffnung arbeitet dabei ausschließlich mit europäischen Betrieben zusammen, die europäische Gesetze zum Arbeitsschutz befolgen.

Der ökologische Aspekt ist Agnes besonders wichtig: „Wir wollen mehr Menschen dazu bringen, Secondhand zu kaufen. Sich günstig einkleiden – aber mit guten Sachen! Und auch was weniger gut ist, wird dem Kreislauf wieder beigefügt.“

Danke, München!

In München ist es gelungen, ein wirklich breites Publikum anzusprechen: Von „Vintage-Teenies“ bis zu denjenigen, die aus finanziellen Gründen auf Secondhand angewiesen sind. Auch das Ladencafé und die vielen Veranstaltungen, Konzerte und Workshops locken die Leute in den Laden. „Ein schönes Miteinander! Da steckt viel mehr dahinter, als ein rein kommerzieller Gedanke. Das gibt es in München nicht oft.“

20 ehrenamtliche Helfer haben in dem Laden geholfen. Außerdem wurden an keinem anderen Standort so viele, tolle Kleiderspenden gesammelt, wie in München. Auch Agnes wäre bei einer Wiedereröffnung sofort wieder mit dabei: „Das ist ein super Konzept, einzigartig in Deutschland.“

Und wie geht es jetzt weiter?

Als nächstes steht erstmal Räumungsverkauf an: Bis 10. August ist die Sommermode um 50 Prozent reduziert, ab 14. August gibt es satte 70 Prozent auf das gesamte Sortiment. „Das tut schon weh,“ meint Agnes. „Aber wirtschaftlich ist es am sinnvollsten, wenn möglichst wenig gelagert wird.“

Pünktlich zur Wiesn verwandelt sich dann im September der komplette Laden in einen großen Trachtenmarkt – anders als bisher nur die Hälfte der Verkaufsfläche. Herbst- und Wintermode wird es dieses Jahr nicht mehr geben.

Kleiderspenden können weiterhin abgegeben werden. Diese kommen nach wie vor der Aktion Hoffnung zugute, die mit den Erlösen weiterhin Entwicklungsprojekte unterstützt.


Bilder: © Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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