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Homöopathie für das kollektive Sicherheitsgefühl

Wer es noch nicht mitbekommen hat: der Stadtrat hat letztens beschlossen, endlich aktiv zu werden und etwas für die Sicherheit des unbescholtenen Münchner Bürgers zu tun. Ab nächstem Jahr soll ein sogenannter Kommunaler Außendienst in Teilen der Münchner Innenstadt dafür sorgen, dass unser angeschlagenes Sicherheitsgefühl wiederhergestellt wird. Die „Stadtsheriffs“ (AZ) werden vor allem zwischen Hauptbahnhof und Sendlinger Tor tätig werden und in Vierer- und Zweierstreifen für Recht und Ordnung sorgen.

Bei CSU und Bayernpartei regiert die Angst

Eine Ausstattung der Sicherheitskräfte mit Schusswaffen, wie sie von CSU-Mann Michael Kuffer gefordert wurde, konnte sich nicht durchsetzen. Dieser scheint sich in München schon länger nicht mehr sicher zu fühlen: Zuletzt machte er mit einem „Angstraum-Melder“ von sich Reden, mithilfe dessen die Bürger dazu beitragen sollen, die Kriminalitätshotspots bzw. „Unorte“ der Stadt zu identifizieren.

Lesenswerter Artikel auf jetzt.de: „Ich habe Angst, vorm Schumann’s meinen Spritz zu verschütten

Die sicherste Großstadt Deutschlands soll noch sicherer werden

Glaubt man der Rhetorik von Bayernpartei, Kuffer & Co., ist die Einrichtung des Ordnungsdienstes ein erster — wenn auch ungenügender — Schritt in Richtung mehr Sicherheit in München. Bald schon können wir ein wenig unbesorgter auf den Straßen unterwegs sein, befreit von der Furcht, an der nächsten Ecke ein Opfer von Kriminalität zu werden. Die Sache ist nur die: Bisher habe ich mich in München nie unsicher gefühlt.

Das könnte an meiner imposant männlichen Erscheinung liegen, ist bei einer Körpergröße von 1,80m (gerundet) dann aber doch unwahrscheinlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich besonders sorgenfrei bin und Angstgefühlen gegenüber eher unempfänglich. Vielleicht habe ich bisher einfach Glück gehabt. Wenn es schwierig wird, die Berechtigung eines subjektiven Gefühls festzustellen, hilft meist ein Blick in die Statistik.

Sichere Stadt – ängstliche Menschen

Die verrät einem, dass München 2016 bereits zum 41. Mal den Platz als sicherste Großstadt Deutschlands für sich beanspruchen durfte. Im langjährigen Mittel nimmt die Anzahl der Straftaten kontinuierlich ab und das trotz explosiven Bevölkerungswachstums. Die gefühlte Unsicherheit in der Bevölkerung aber wächst. Eine Online-Umfrage der AZ ergibt, dass 72 Prozent der Befragten den neuen Ordnungsdienst mit einem „Unbedingt! Auf den Straßen ist es nachts gefährlich.“ goutieren.

Globalisierung, Klimawandel, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Eurokrise, Krisekrise:

die Gründe für diese neue Unsicherheit sind schwer festzunageln und niemals monokausal. Aber die schiere Anzahl von schlechten Nachrichten aus aller Welt sorgt dafür, dass Apps für Katastrophenwarnungen mittlerweile fast schon als digitale Grundausstattung gelten. Als wäre jederzeit mit einem Zusammenbruch der sozialen Ordnung zu rechnen.

Politiker wie Michael Kuffer haben diese Angst erkannt und instrumentalisieren sie jetzt einigermaßen schamlos für ihre politische Karriere. Der Mann möchte in den Bundestag, deshalb fordert er in Stammtischmanier eine unsinnige Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Schusswaffen für den kommunalen Ordnungsdienst? Unbedingt! Videoüberwachung? Massiv ausbauen! Von einem Juristen würde man sich einen feinfühligeren Umgang mit unseren Grundrechten wünschen.


Beitragsbild: geralt / Pixabay

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