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Mama, einen Helm bitte!

Lea Schönborn
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Wegen des Verkehrs in München wünsche ich mir einen Fahrradhelm zu Weihnachten – und eine Hupe.

Ich bin überrascht, dies zu schreiben, aber: in München fühle ich mich unsicher auf dem Rad. Wegen München wünsche ich mir einen Fahrradhelm zu Weihnachten. Bei vielen meiner Freund:innen hat schon früher die Vernunft gesiegt, sie tragen bereits Helme. Bei mir siegt erst München.

Aufgrund dieser drei Faktoren erweitere ich meine Weihnachtswunschliste um einen Fahrradhelm:

1. mit gerade 26 Jahren fühle ich mich nicht mehr so unverletzbar wie noch mit Anfang 20,

2. ich bin weniger eitel als noch vor einem Jahr

3. und ich habe vor einem Jahr noch nicht in München gelebt!

Konzentrieren wir uns auf den dritten Punkt. Als ich vor zwei Monaten nach München zog, erwartete ich: Reichtum, viel Platz und eine grüne Stadt. Was ich bekam: hupende Autos, fette Autos, stinkende Autos. Seit Oktober wurde ich zwei Mal von einem Auto überfahren – hätte ich nicht im letzten Moment gebremst oder das Auto geradeso umfahren. In beiden Fällen hätte das Auto bremsen müssen. Es bog rechts ab, ich fuhr auf dem Radweg. Nach meinem persönlichen Empfinden passiert das in München häufiger als in jeder anderen deutschen Stadt, in der ich bisher lebte. Häufiger also als in Oldenburg, Freiburg, Berlin. Ja, auch häufiger als in Berlin.

Im Jahr 2020 stieg die Zahl der verletzten Radfahrer:innen in München im Vergleich zu 2019. Jeder dritte Verkehrstote in München war mit dem Rad unterwegs. Mit Abstand am gefährlichsten ist das Auto für die Fahrradfahrerin. Der häufigste Grund für Radunfälle sind Autofahrer, die Fehler beim Abbiegen nach links oder rechts machen, wer hätte es gedacht.

“Radlhauptstadt”?!

München nennt sich „Radlhauptstadt“, aber in München ist das Auto der King. Auf schmalen Straßen quetschen sich die fahrenden Autos an den parkenden Autos vorbei, dazwischen eine kleine Radfahrerin. Die Autos stehen auf Gehwegen und Radwegen, schießen aus ihren Einfahrten. Klar, das Auto ist stärker und größer. Aber es sind immer noch Menschen, die es fahren. Und die Autofahrer:innen in München sind es scheinbar gewohnt, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Die Fahrradfahrer:innen machen es ja für sie.

München hat mich zur wütenden Fahrradfahrerin radikalisiert. Ein paar Jahre später als meine Radikalisierung zur Feministin, aber mit ähnlichen Mechanismen.

Radikalisierung zur Feministin

Sexualisierte Blicke im Club und sexistische Sprüche auf dem Fußballplatz. Männer, die geradeaus laufen und Frauen, die ihnen ausweichen. Ich dachte, das gehört sich so. Ich brauchte viele Gespräche, Bücher und Aha-Momente, um zu checken, dass es sich nicht so gehört, nur weil es schon immer so war. Als ich das realisierte, bin ich wütend geworden.

Radikalisierung zur wütenden Fahrradfahrerin

Straßen, die viel mehr Platz als Rad- und Fußgängerwege haben. Parkplätze, die den Platz für Bäume und Beete, Spielplätze und Bolzplätze nehmen. Autos, die auf Geh- oder Radwegen herumstehen, sodass ich auf die Straße ausweichen muss. Ich muss auf mein Leben im Straßenverkehr aufpassen, weil ich verletzlicher bin. Ich muss den Rückzieher machen, ich muss bremsen. Dann habe ich dazu gelernt, durch Erfahrungen, Gespräche und Menschen, die im Internet auf Missstände im Straßenverkehr aufmerksam machen. Falschparker und Arschlöcher am Steuer sind keine Einzelfälle, sondern Ergebnisse eines Systems, das Autofahrer bevorteilt. Jetzt bin ich wütend.

Ich möchte also nicht nur einen Helm, sondern auch eine Hupe zu Weihnachten. Obacht, verehrte „Radlhaupstadt“, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich einen Spiegel abtrete, mit meinem Schlüssel an der Seite eines matt glänzenden Autos entlangratsche und mir die Vorfahrt nehme, die mir gehört.

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