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Meine Halte – Folge 20: Hirschgarten

„Hirschgarten, bitte links aussteigen.“ – Meine Halte liegt mitten auf dem breiten Gleisbett der Bahnhofstrasse. Stammstrecke, yes! Im Norden türmen sich mit zwölf Stockwerken die Friends Tower in die Höhe. Ein Bauprojekt der LBBW-Immobilien, denen München bereits die Luxusquartiere Hofstatt oder Palais an der Oper zu verdanken hat. Und im Süden.. ja, was ist da eigentlich. Am südlichen Ende der Friedenheimer Brücke (endlich habe auch ich gelernt, dass es nicht Hirschgarten-Brücke heißt) befindet sich, den Blicken der S-Bahn Passagiere verborgen, die Landsberger Straße. Dahinter ein Sex Shop, ein dubioser Geldwäsche-Sushi Laden, eine Shisha Bar und noch weiter hinten, in der schönsten Straße dieses Westend-Laim-Zwischendings namens Friedenheim: mein Zuhause.

Gropiusstadt 2.0 – made in Minga

Alles in allem ziemlich nichtssagend, aber ich werde dennoch versuchen, das Stammstrecken-Feeling irgendwie in Worte zu fassen. Obwohl es nach Landsberger Straße, Sex Shop, dubioser Geldwäsche-Sushi Laden und Shisha Bar vielleicht etwas seltsam klingen mag, betone ich sehr gerne, dass ich auf der „schönen Seite“ wohne. Ich finde die Friends Tower und das Neubauviertel dahinter nämlich abgrundtief hässlich. Gut, manche der Wohnungen haben große Sonnenterrassen mit vielen Pflanzen und Palmen in großen Kübeln. Ich hingegen habe ein Fensterbrett, von dem ich wahrscheinlich früher oder später beim Versuch mich zu Sonnen hinunterfallen werde. Und ich stehe bald vor dem Problem, dass meine Monsteras zu groß für unsere (immerhin Altbau-)Wohnung werden. Und okay, der Neubausiedlung verdanke ich einen DM auf der anderen Seite der Brücke. Aber dennoch. Was hinter den Friends Tower liegt, ist für mich eine viel zu cleane Geisterstadt. Modern? Ja. Schön? Nicht so – und in ein paar Jahren noch weniger. Gropiusstadt 2.0 – made in Minga. Nur dass dort natürlich keine Sozialwohnungen, sondern „Luxusquartiere“ entstehen.

Wieso kann man nicht einfach Altbauten neu bauen?

Brückenprivileg: Der Blick auf die Stadt

Einen klaren Vorteil hat die Haltestelle auf der Brücke jedoch: den für mich persönlich schönsten Blick auf die Stadt! Auf, nicht über. In der Hinsicht wird die Friedenheimer Brücke natürlich übertrumpft. Wem aber die Hackerbrücke zu menschen- und die Donnersberger zu autoüberlaufen ist, der hat hier durch die Sticker-beklebte Glasverkleidung einen herrlichen Blick auf die Türme der Frauenkirche, die Mercedes Benz Niederlassung und den Central Tower, auf den Fernsehturm und die Alpen im Süden. Okay, um die Alpen zu sehen muss man schon besonders Glück mit dem Wetter und besonders scharfe Augen haben. Und wissen, wohin man schauen muss: Nämlich genau die sich abspaltenden Gleise entlang Richtung Heimeranplatz. Die besten Chancen hat man, wenn man morgens nach dem Feiern nach Hause kommt. Morgens nach dem Feiern gibt es sowieso nichts schöneres als die wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne im Gesicht, frische Morgenluft in den Lungen und der Blick über das Gleisbett auf die Stadt, die man in diesen Momenten immer ein bisschen lieber mag als sonst. Vielleicht, weil man sich fast ein bisschen fühlt wie auf der Warschauer Brücke in Berlin, so über den Gleisen mit Blick auf den Fernsehturm, zwischen dem Backstage (~ RAW Gelände), Bauhaus (~ Hellweg), leider keinem Berghain, aber dafür den letzten wandelnden Alkoholleichen aus der Nachtgalerie. Der neu eröffnete Openair-Afterhour Club direkt daneben vollendet das Bild. Und unseren Abend.

Brotzeit zwischen Hirschen und Hasen

Gropiusstadt, Warschauer Brücke.. dass man München aber auch nicht beschreiben kann, ohne andauernd mit Berlin zu vergleichen! Deshalb kommt jetzt zum Schluss, an bayrischer Originalität nicht zu übertreffen: Der königliche Hirschgarten! Park, Biergarten und Namensgeber meiner Halte. Im Hirschgarten lässt es sich gut grillen, skaten, Schlitten fahren, Hirsche füttern, Fußball schauen, Steckerlfisch essen, Hendl essen – ach, einfach generell gut essen. Außerdem im Hirschgarten zuhause: Hasen. Oder zumindest hoffe ich, dass die Hasen im Hirschgarten zuhause sind und nicht auf dem schmalen Grünstreifen neben den Bahngleisen, wo man sie immer gut beobachten kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass meine Halte genau den Zweck erfüllt, den sie erfüllen muss: Mich von A nach B bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Und während ich auf die S-Bahn warte, was Gott sei Dank nie besonders lange dauert, beschert sie mir noch schöne Aus- und amüsante Anblicke. #ichbingiuliaunddabinidahoam – am Hirschgarten!


Beitragsbild: © Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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